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Kultur

Lepsius-Haus erinnert an den Völkermord

Deutschland trägt eine Mitschuld am türkischen Genozid an den Armeniern. Das prangerte der Theologe Johannes Lepsius schon 1916 an. Vergeblich. Das Lepsiushaus in Potsdam erinnert nun an ihn. Ein Beitrag zur Versöhnung.

Das Lepsius-Haus in der Großen Weinmeisterstraße, Potsdam.

Friedlicher kann ein Ort kaum sein: In einer weitläufigen Gartenanlage mit alten, hochgewachsenen Bäumen zwitschern Vögel. Die Sonne fällt auf eine frisch renovierte Villa, die den Besucher mit offenen Türen empfängt. Hier lebte zwischen 1908 und 1925 der protestantische Theologe Johannes Lepsius - ein Mann aus großbürgerlicher Berliner Intellektuellenfamilie, der es gewohnt war, über die Landesgrenzen hinaus zu denken. Sein Vater Carl Richard Lepsius war der Begründer der deutschen Ägyptologie. Und Johannes hatte gleich nach seinem Studium eine Zeit als Lehrer und Pfarrer in Jerusalem verbracht.

Als Teppichhändler zu den Massakern

Das Arbeitszimmer des Theologen Johannes Lepsius im heutigen Lepsiushaus Potsdam. Copyright: Heinz Böke

Lepsius' Arbeitszimmer

Wer heute Lepsius' sparsam, aber nobel möbliertes Arbeitszimmer in der Potsdamer Villa besichtigt, vermag sich kaum vorzustellen, was der Theologe rund 3000 Kilometer entfernt erlebt hatte. Als er 1895 von Pogromen und Massakern an der armenischen Bevölkerung im Osmanischen Reich erfährt, macht er sich im bald darauf selbst auf den Weg dorthin, um Hilfe zu leisten. Als Teppichhändler verkleidet, reist er in die Region und gründet in der Stadt Urfa - im heutigen Südost-Anatolien - eine Teppich-Manufaktur, um Überlebenden der Armenier-Pogrome eine Verdienstmöglichkeit zu sichern.

Arbeit als Schutz

Ein großformatiges Schwarz-Weiß-Foto in der Ausstellung, die nun im Erdgeschoss der Villa zu sehen ist, zeigt Frauen mit ernsten Gesichtern, wie sie dicht an dicht kauernd an der Knüpfmaschine von Urfa sitzen. Die Teppiche, die sie produzierten, wurden in Deutschland zu reduzierten Preisen angeboten. "Eine Arbeitsbeschaffungs-Maßnahme, die an die Geschichte von Oskar Schindler erinnert", sagt Hans-Ulrich Schulz, Vorsitzender des Lepsiushaus-Vereins, mit Blick auf den Unternehmer, der jüdische Zwangsarbeiter während der Nazi-Zeit in seiner Fabrik vor der Ermordung in den Vernichtungslagern schützte.

Armenians are marched to a nearby prison in Mezireh by armed Turkish soldiers, 1915. Source: Published by the American red cross, it was first published in the United States prior to January 1, 1923. Date 2007-02-17 (original upload date). Public Domain. GEMEINFREI. Quelle: Wikipedia. URL: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/7/75/Marcharmenians.jpg

Türkische Soldaten zwingen Armenier zum Marsch ins Gefängnis (1915)

Johannes Lepsius gründet ein ganzes Armenier-Hilfswerk, setzt sich für Flüchtlinge und Waisen ein. Doch er ist nicht nur humanitär tätig, sondern auch politisch. Schon 1896 bringt er eine "Anklageschrift wider die christlichen Großmächte und ein Aufruf an das christliche Deutschland“ heraus, die sich mit der Verantwortung Europas für Armenien befasst. Diese Schrift wird ebenso wenig gehört wie sein späterer "Bericht über die Lage des Armenischen Volkes in der Türkei", den er 1916, mitten im Ersten Weltkrieg, verfasst. Besucher im Lepsius-Haus können ihn dort als Nachdruck erhalten - eine erschreckende Lektüre, die minutiöse Statistiken von Deportationen ebenso enthält wie Augenzeugenberichte von Massakern.

Deutschland verschließt die Augen

Diesen Bericht ließ Lepsius von Potsdam aus in 20.000 Exemplaren ausliefern - an Pfarrämter und Abgeordnete des Deutschen Reichstags. "Seine Tochter hat die in Schubkarren von hier zur Post gebracht", erzählt Hans-Ulrich Schulz, "aber die Schutzpolizei hat die Exemplare abgefangen, die an die Abgeordneten gehen sollten". Lepsius stand unter scharfer Beobachtung. Und Deutschlands Politiker - bestens informiert über die Verbrechen - verschlossen die Augen und stellten die Bündnistreue mit der Türkei im Ersten Weltkrieg über humanitäre und völkerrechtliche Erwägungen.

Porträt Johannes Lepsius (Copyright: Lepsius-Archiv)

Johannes Lepsius

Den meisten Deutschen ist diese Mitschuld auch heute noch kaum bewusst. Ganz zu schweigen von der Türkei, dem Rechtsnachfolger des Osmanischen Reiches. Dort wird der Genozid an den Armeniern offiziell noch immer bestritten. Gerade erst hat die Regierung ein Mahnmal für die Armenier ganz im Osten der Türkei abreißen lassen. Und der türkische Botschafter in Berlin hat die Einladung zur Eröffnung des Lepsius-Hauses dankend abgelehnt.

Türkische Sichtweisen

In dieser schwierigen Gemengelage hat man sich in Potsdam vorgenommen, nicht nur Erinnerungs-, sondern auch Begegnungsstätte zu werden. Ein schlüssiges Konzept dafür allerdings fehlt bislang. Was beispielsweise, wenn Berliner Schulklassen mit zahlreichen türkischstämmigen Schülern hierherkommen, die den Genozid vielleicht rundheraus abstreiten?

Deportation von Armeniern mit so genannten Hammelwagen der Bagdadbahn. Copyright: Johannes-Lepsius-Archiv

Deportation mit der Bagdadbahn

"Das ist eine Herausforderung", sagt Hans-Ulrich Schulz, "aber wir sind darauf vorbereitet, indem wir nicht verschweigen, dass die Türkei die Dinge anders sieht". Und verweist auf eine Ausstellungstafel, die unterschiedliche türkische Sichtweisen referiert - unter anderem die des Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan, der nicht akzeptiert, "dass die leidvollen Ereignisse von 1915 als ein von der einen an der anderen Seite verübter 'Völkermord' bezeichnet werden".

Eine Brücke vielleicht, die einen Dialog erleichtern könnte. Doch so bald wird es den wohl noch nicht geben. "Wenn es erst mal soweit käme, dass Schulklassen mit einem Anteil von türkischen Schülern kämen, wäre das an sich schon ein Erfolg", meint Schulz wenige Tage nach der Eröffnung des Hauses.

Impuls für die Rechtsgeschichte

Fraglos aber wird die Potsdamer Einrichtung mit ihrer umfangreichen Bibliothek und dem Lepsius-Archiv als Forschungsstätte genutzt werden. Ein Projekt, das die Rolle des Theologen für die Rechtsgeschichte untersucht, ist schon am Start. Denn es gab einen folgenreichen Auftritt Lepsius' beim Prozess gegen den armenischen Studenten, der 1915 in Berlin den Hauptverantwortlichen für den Völkermord, Talaat Pascha, erschossen hatte. Lepsius' Stellungnahme führte dazu, dass der Student freigesprochen wurde. Das gab entscheidenden Anstoß für die spätere Entwicklung des Völkerrechts und die Ausprägung des Begriffs "Genozid".

Auch ein deutsches Politikum

Johannes Lepsius, Bericht über die Lage des armenischen Volkes (Copyright: Lepsius-Archiv)

Totgeschwiegen: Lepsius' Bericht von 1916

Eine "tabulose" Forschung, wie sie in Potsdam ausdrücklich stattfinden soll, könnte sich aber auch mit weniger ruhmreichen Facetten des Johannes Lepsius beschäftigen - mit antisemitischen Äußerungen des Theologen etwa, die bei der Linkspartei zum Protest gegen die Potsdamer Einrichtung geführt hatten.

Doch eine Resolution des Deutschen Bundestages im Jahr 2005 führte zur Eröffnung des Hauses, mehr als eine halbe Million Euro an Bundesmitteln wurden in die Sanierung des Baus investiert, der dazu dienen soll, "die Beziehungen zwischen dem armenischen, dem deutschen und dem türkischen Volk" zu verbessern.

Schwieriger Weg

Der Weg dahin wird noch lang sein, die ersten Ansätze sind noch bescheiden. In Istanbul gab es Gespräche des Lepsiushaus-Vereins mit türkischen Intellektuellen, bei denen deutlich wurde, wie viel Bewegung es innerhalb der Türkei beim Thema Armenien gibt. Und in Deutschland? "Wir haben einen Kooperationsvertrag mit dem Kirchenkreis Potsdam", erklärt Hans-Ulrich Schulz - was bedeutet, dass etwa Konfirmanden ins Lepsiushaus kommen werden. Doch eigentlich, sagt er, sollte auch dieses Kapitel aus der Zeit des Ersten Weltkrieges "zur Allgemeinbildung" zählen.

Immerhin, ein Anfang ist gemacht. Und vielleicht geht bald sein Wunsch in Erfüllung, dass alle Potsdamer Fremdenführer den Touristen erklären, was es mit dem Johannes Lepsius, den Armeniern, den Deutschen und den Türken auf sich hat.

Autorin: Aya Bach

Redaktion: Sabine Oelze

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