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Bücher

Leonardo Padura: Ein perfektes Leben

Ein nicht alltägliches Buch. Ein kubanischer Krimi. Allerdings einer, der vor allem auch durch alle Sphären und Schichten des real existierenden kubanischen Sozialismus führt.

Buchcover: Leonardo Padura - Ein perfektes Leben

Der Unionsverlag hat mit seiner metro-Krimireihe in den vergangenen Jahren viele Highlights der internationalen Kriminalliteratur ins Deutsche übertragen - und damit bei den Lesern Erfolg gehabt. Wie groß das Selbstvertrauen der metro-Macher deshalb ist, das beweist ein aktuelles - und sehr gewagtes - Projekt des Verlags:

"Ein perfektes Leben“, der kürzlich übersetzte Roman des kubanischen Kriminalautors Leonardo Padura, ist der erste Teil eines vierbändigen Zyklus, in dem der Autor die kubanische Gesellschaft am Rande des untergehenden Sozialismus beschreibt und analysiert. Dabei geht es weniger um die Kriminalgeschichte, denn um gesellschaftliche Realität. Dass so ein Zyklus überhaupt übersetzt wird - und sich dann auch noch erfolgreich verkauft, das wäre vor wenigen Jahren, ohne die Pionierarbeit des Unionsverlags, kaum vorstellbar gewesen.

Eine vielschichtige kubanische Bestandsaufnahme

Held der Geschichte ist ein eigenwilliger, etwas neurotischer Polizist namens Teniente Mario Conte, genannt "El Conde“. Am zweiten Januar frühmorgens wird der Teniente verkatert und verschlafen zu einer ihm unangenehmen Ermittlung bestellt: Der Vizeminister Rafael Morin ist verschwunden, seine Frau Tamara ist in großer Sorge. Das Pikante an der ganzen Sache ist: Der Verschwundene, seine Frau, der Polizist - die drei Hauptbeteiligten des Falles sind zusammen zur Schule gegangen, der Teniente war zudem zeitlebens in Tamara verliebt.

Die Suche nach dem verschwundenen Politiker führt den Ermittler nun durch alle Sphären und Schichten des real existierenden kubanischen Sozialismus. Die Bestandsaufnahme fällt vielschichtig aus, die positiven Wirkungen der Staatsform sind ebenso Thema wie ihre negativen. Wobei angesichts der aktuellen wirtschaftlichen und politischen Lage der erzählten Zeit, also der endenden 1980er Jahre, natürlich die fatalistischen Eindrücke überwiegen. Zum Beispiel, wenn ein resignierter, älterer Kollege von seinem aktuellen Fall berichtet: Ein Jugendlicher ist da von Gleichaltrigen erschlagen worden; und das nur deshalb, weil die Mörder sich sein Fahrrad unter den Nagel reißen wollten.

Gesellschaftskritische Sprengkraft

Leonardo Padura

Leonardo Padura in seinem Haus in Havana (Archivbild)

Das ist nur eine Randepisode, aber eine bezeichnende für diesen Roman: "Ein perfektes Leben“ birgt bis in die kleinsten Details enorme gesellschaftskritische Sprengkraft. Natürlich ist "Ein perfektes Leben“ ist kein herausragender Genreroman; viele Spannungsbögen sind durchschaubar, die Kriminalgeschichte dient zu offensichtlich nur als Aufhänger für die gesellschaftskritische Bestandsaufnahme. Aber der Realität kommt der Autor mit seinem Roman näher als so manche Reportage.

Und das ist das eigentlich Angenehme an diesem Buch: Mit dem allgegenwärtigen Kuba-Hype hat Leonardo Padura ebenso wenig im Sinn wie mit der ebenso verbreiteten Kuba-Apokalypse, ihm geht es um möglichst exakt gespiegelte, kubanische Alltäglichkeit mit allen Aufs und Abs. Wer sich für das wirkliche Kuba interessiert, kommt in Zukunft deshalb um diese Fiktion nicht mehr herum.


Leonardo Padura
Ein perfektes Leben
Unionsverlag, 2005
ISBN 3-293-20344-2
EUR 9.90