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Europa

Lenins sinkender Stern

Seit 1924 liegt Lenin einbalsamiert am Roten Platz. Jetzt wird wieder diskutiert, ob der Körper nicht bestattet werden soll. Aber die Frage ist: Wie geht man mit einem Kult um, dessen Verfallsdatum überschritten ist?

Symbolbild Fernschreiber (Foto: dw)

Nicht stehen bleiben, nur gucken, nicht filmen! So heißt es noch immer, wenn man das Mausoleum am Roten Platz betritt, in dem Lenin seit 87 Jahren aufgebahrt liegt. Der Mythos des "Vaters der Revolution" wird bis heute lebendig gehalten, auch wenn das Mausoleum für viele Menschen nur noch eine Touristenattraktion ist - Fotos mit Lenin-Doppelgängern inklusive - und keine Pilgerstätte mehr, wie zu Zeiten der Sowjetunion.

Als Mitte Januar auf der Internetseite der Kreml-Partei "Einiges Russland" ein Kommentar des Abgeordneten Wladimir Medinski erscheint, kommt die regelmäßig wiederkehrende Diskussion über eine mögliche Bestattung Lenins wieder auf. Medinski ist sich seiner Sache dabei sicher: "Es gibt dort nichts mehr von Lenin. Experten zufolge sind nur noch 10% des ursprünglichen Körpers vorhanden."

Online über Lenin abstimmen

Seitdem kann auf Initiative von "Einiges Russland" unter "goodbyelenin.ru" über Lenins Zukunft im Mausoleum abgestimmt werden. Und die Zahlen sind deutlich: Fast 70% der bisher 319.000 Teilnehmer sprechen sich für eine Bestattung aus. Angeblich wollte auch Lenin nicht, dass für ihn ein Mausoleum errichtet wird. Seine Angehörigen hätten ihn lieber in St. Petersburg beerdigt.

Die Kommunistische Partei Russlands hält naturgemäß dagegen und befürchtet, mit Lenin ihre zentrale Identifikationsfigur zu verlieren. Ihrer Meinung nach will "Einiges Russland" mit der Abstimmung nur von realen Problemen im Land ablenken.

Mehrheit für eine Bestattung

Dabei gibt es eine aktuelle Umfrage des unabhängigen Lewada-Instituts und auch hier sind die Ergebnisse eindeutig: Auf die Frage was mit Lenin passieren soll, sprechen sich 56% für eine Beerdigung aus, während 31% dagegen sind.

Das Lenin-Mausoleum trotzt bisher erfolgreich der neuen Zeit nach dem Kommunismus. Obwohl die Veränderungen kaum irgendwo sichtbarer sind als mitten in Moskau: Im Kreml regiert inzwischen ein Präsident, der mit den USA neue Abrüstungsverträge aushandelt und mit den Europäern eine Modernisierungspartnerschaft anstrebt. Und im Kaufhaus GUM auf der anderen Seite des Roten Platzes buhlen Gucci und Chanel um Russlands kaufkräftige Kunden.

Düster dreinschauende Wachen

Ein Besuch im Mausoleum hingegen wird immer noch von düster dreinblickenden Sicherheitsleuten begleitet und die schaurige Stimmung hat sich bis heute gehalten. Dennoch merkt man, dass die Diskussion ihre Berechtigung hat: Der Körper wirkt wie eine Wachsfigur und erinnert kaum mehr an den "Führer der Weltrevolution". Die Inszenierung ist nicht mehr zeitgemäß und wahrscheinlich wäre es das Beste, Lenin einfach zu beerdigen.

Es wäre übrigens nicht das erste Mal, dass sich im Mausoleum etwas verändert. Stalin lag nach seinem Tod bis 1963 neben Lenin und wurde danach an der Mauer des Kremls bestattet. Und als Andenken an vergangene Zeiten eignet sich das Gebäude auch so. Das glauben zumindest zwei Drittel der Russen, die das Mausoleum auch ohne Lenin gerne an seinem Platz belassen möchten.

Autor: Frederik Rother
Redaktion: Martin Muno