Leningrad: Die Stadt, die dem Hunger trotzte | Geschichte | DW | 07.09.2016
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Geschichte

Leningrad: Die Stadt, die dem Hunger trotzte

Nicht Stalingrad, Leningrad war die menschliche Katastrophe des Zweiten Weltkrieges im Osten. Hier schickten deutsche Soldaten Hunderttausende Zivilisten in den Hunger- und Erfrierungstod.

Als erstes verschwanden Hunde und Katzen. Auch Vögel gab es keine mehr. Sie wurden verspeist. Aus blanker Not, um zu überleben, um nicht wahnsinnig zu werden. Tapeten, Fensterkitt und Suppe aus ausgekochtem Leder zählten ebenso zum Kriegs-Speiseplan der Leningrader. Der russische Schriftsteller Daniil Granin, ein Überlebender, berichtete vor zwei Jahren im Deutschen Bundestag zum 70. Jahrestag des Blockadebeginns schier Unvorstellbares: "Ein Kind stirbt, gerade mal drei Jahre alt. Die Mutter legt den Leichnam in das Doppelfenster und schneidet jeden Tag ein Stückchen von ihm ab, um ihr zweites Kind, eine Tochter, zu ernähren. Und sie hat sie durchgebracht."

Kannibalismus war keine Seltenheit in den fast 900 Tagen der Belagerung. Die Zahlen schwanken zwischen 1000 und 2000 Fällen. Menschenfresserei wurde mit unverzüglicher Erschießung geahndet. Berufungen gab es nicht.

Verhungern als Strategie

Das Schicksal Leningrads zwischen 1941 und 1944, des früheren und heutigen St. Petersburg, ist in seiner Grauenhaftigkeit einzigartig. Die Stadt an der Mündung der Newa zählte zu Beginn der deutschen Blockade gut 2,5 Millionen Einwohner. Darunter rund 400.000 Kinder. In den 871 Tagen der Belagerung starben rund 1,1 Millionen Zivilisten. Die meisten durch Verhungern. Historiker bezeichnen Leningrads Schicksal als größte je dagewesene demografische Katastrophe einer Stadt.

Die Blockade dauerte vom 8. September 1941 bis zum 27. Januar 1944. Als es vorbei war drängten die Menschen auf die Straßen oder hörten Radio. Es war die längste Belagerung einer Stadt im 20. Jahrhundert. Im Sommer 1941 rückte die Heeresgruppe "Nord" unter dem Kommando von Generalfeldmarschall Wilhelm Ritter von Leeb mit 500.000 Mann auf die Stadt vor. Sein Auftrag: Die Rote Armee im Baltikum vernichten, alle Marine-Basen an der Ostsee einnehmen und bis zum 21. Juli Leningrad erobern. Tatsächlich fiel die letzte Bahnlinie, die Leningrad noch mit der Außenwelt verband erst am 30. August in deutsche Hände. Ab 8. September war die Stadt zu Lande eingekreist. Darauf waren die Leningrader nicht eingerichtet.

Zivilisten versorgen sich während der Blockade von Leningrad mit Wasser (Foto: imago/ITAR-TASS)

13. Januar 1942: Alltag in der belagerten Stadt. Wasser holen für die Ledersuppen

Hitler befiehlt der Wehrmacht den Stopp

Doch Hitler, der ursprünglich die Stadt erobern und dem Erdboden gleich machen wollte, stoppte seine Divisionen. Statt verlustreicher Straßenkämpfe befahl er die Belagerung der zweitgrößten Stadt sowjetischen Stadt. Zum Ärger der deutschen Soldaten. Joseph Goebbels, Hitlers Propagandaminister notiert dazu in sein Tagebuch: "Die Truppe schreit im Chor, 'wir wollen weiter vor!'"

Der Jenaer Historiker Jörg Ganzenmüller beurteilt das Aushungern der Leningrader unter dem Aspekt der Versorgungsicherheit für die deutsche Wehrmacht. Die Versorgung der deutschen Soldaten war nur möglich, indem man die Zivilbevölkerung hungern ließ. Denn schon ab Sommer 1941 gab es Nachschubprobleme für die Wehrmacht. Die Truppe sollte von den besetzten Gebieten ernährt werden. Großstädte sollten nicht mehr ernährt werden. Aus der ursprünglichen Zerstörungsabsicht, so Ganzenmüller, wurde eine Belagerungsstrategie, die letztlich auf die Vernichtung der gesamten Bevölkerung hinauslief.

Letzte Rettung: "Straße des Lebens"

Vor allem der erste Kriegswinter traf die Bevölkerung unvorbereitet. Es gab nur eine Öffnung im Belagerungsring: die über den zugefrorenen Ladogasee. Die legendäre Eisstraße erhielt den offiziellen Namen "Militärische Autostraße Nr. 101". Im Volksmund hieß sie einfach nur Straße des Lebens. Nur über diese gefährliche Route, die unter Beschuss der Deutschen lag, konnten Menschen evakuiert werden und vor allem Lebensmittel in die Stadt gelangen. Allerdings viel zu wenige.

Ein Lastwagen fährt auf der Lagoda-Trasse Richtung Leningrad (Foto: picture-alliance/akg)

Die einzige Lebensader nach draußen, die sie "Straße des Lebens" nannten: Der Lagodasee

Schon zu Beginn des Oktobers 1941 begann der große Hunger. Brot wurde gestreckt und mit Kleie und Zellulose vermischt. Lebensmittelkarten wurden ausgegeben. Wer arbeitete bekam 250 Gramm Brot pro Tag, alle anderen die Hälfte. In den eiskalten Wohnungen lebten die entkräfteten Menschen zusammen mit ihren Toten. Zuerst wurden die Möbel verfeuert, zum Schluss die Bücher. Erst ab 1943 war das große Hungerleiden vorbei. Brot gab es nun wieder unbegrenzt.

Doch selbst im nackten Überlebenskampf zeigten die Leningrader Haltung. Im ersten Blockadewinter schlossen rund 2500 Studenten ihr Studium ab. Es gab Theateraufführungen, die Museen waren offen und im Sommer 1942 erlebte Dmitri Schostakowitschs siebte Sinfonie hier ihre Aufführung. Der Komponist hatte das Werk nur ein Jahr vorher unter Beschuss der Deutschen mitten in der Stadt zu Papier gebracht.

Das Schweigen der Nachgeborenen

Lange galt die Blockade Leningrads in der Geschichtswissenschaft als "normale militärische Operation", so der Chefredakteur der Zeitschrift Osteuropa, Manfred Sapper. Das Ausmaß des Leids der Zivilbevölkerung wurde jahrzehntelang beschwiegen, erklärt die britische Historikerin Anna Reid, denn die Täter waren die Väter und Großväter an der Ostfront. "Es ist leichter sich daran zu erinnern", schreibt sie in ihrem Buch über die Belagerung, "dass diese Verwandten Frostschäden erlitten, dass sie hungerten und in Gefangenenlagern Zwangsarbeit leisten mussten, als sich vorzustellen, dass sie Dörfer niederbrannten, Bauern Winterkleidung und Lebensmittel raubten und dabei halfen, Juden zusammenzutreiben und zu erschießen."

Soldaten der sowjetischen Luftabwehr an Flakgeschützen an der Newa (Foto: picture-alliance/akg)

Soldaten der sowjetischen Luftabwehr an Flakgeschützen an der Newa

Leningrad stand im deutschen Bewusstsein lange im Schatten der Erinnerung an Stalingrad. Weil es dort besonders viele deutsche Opfer gab, begründet das Jörg Ganzenmüller. Bis in die 1980er Jahre wurden die Verbrechen der Wehrmacht fast komplett ausgeblendet, so der Historiker. "Es ist ein großes Verdrängen", so der ehemalige Leiter des deutsch-russischen Museums in Berlin-Karlshorst, Peter Jahn: "Um nicht noch eines dieser großen Jahrhundertverbrechen in unsere kollektive Erinnerung aufnehmen zu müssen."

Daniil Granin, der Schriftsteller und Überlebende der 871 Blockadetage von Leningrad, sagte 2014 zum Jahrestag des Endes der Belagerung im Deutschen Bundestag, er habe den Deutschen lange nicht verzeihen können, dass sie auf die Kapitulation der Stadt gewartet hatten. Er empfand es als ehrlos statt Soldaten den Hunger geschickt zu haben.

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