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Kultur

Leipzigs Katholiken bauen ein Gotteshaus

In Leipzig entsteht der größte katholische Kirchenneubau in Ostdeutschland seit der politischen Wende. Die Messestadt will Kriegszerstörung und die "Kulturbarbarei" des SED-Systems vergessen machen.

Lothar Vierhock hat schon seit vielen Jahren mit diesem Neubau zu tun. Das bisherige Gotteshaus seiner Kirchengemeinde ist seit vielen Jahren marode und baufällig. Ersten vagen Überlegungen folgten Verhandlungen mit der Stadt Leipzig - über ein Grundstück, die Suche nach Geld, einen Architekturwettbewerb und konkrete Baupläne. Nicht erst seit der Grundsteinlegung Ende April ist der Propst Fachmann rund ums Bauen.

Für den 47-jährigen katholischen Geistlichen ist der Neubau "eine Rehabilitation für das, was die katholische Kirche in Leipzig in der kommunistischen Zeit erlebt hat", sagt er der Deutschen Welle. "Wir sind voller Begeisterung, dass wir wieder aus der Randlage in die Stadtmitte Leipzigs hineinziehen können." Auch fast 24 Jahre nach dem Fall der Mauer ist die Härte, mit der das Regime die Christen behandelte, nicht vergessen.

Die DDR sprengte die Gotteshäuser

Sankt Trinitatiskirche Leipzig. Der größte katholische Kirchenneubau in Ostdeutschland seit der politischen Wende. Grundsteinlegung am 27.04.2013. Seit der Wende gab es in Ostdeutschland kein nur annähernd großes Bauvorhaben der katholischen Kirche. (Foto: Christoph Strack, DW)

Programmatische Bauarbeiter-Jacke

Die katholische Kirche baut in Leipzig, der sächsischen Messestadt mit gut 540000 Einwohnern. Es ist – sieht man einmal vom Wiedereraufbau der stark zerstörten, weltberühmten evangelischen Frauenkirche in Dresden ab - der größte Kirchenneubau in Ostdeutschland seit dem Ende des Kommunismus. "Sankt Trinitatis" ist als Propsteikirche die katholische Hauptkirche Leipzigs. Und sie hat eine dramatische Geschichte.

Der erste Bau entstand 1847 auf einem Gelände unweit des heutigen Bauplatzes. Nach schweren Bombenschäden 1943 und 1944 konnte die Gemeinde den Bau nur notdürftig sichern, einen Wiederaufbau erlaubte die kommunistische Führung nicht. Nach der Sprengung der Ruine 1954 fanden die Katholiken als Gast in der evangelischen Universitätskirche Unterschlupf. Doch auch dieses noch völlig intakte Gotteshaus ließ die Stadt Leipzig 1968 sprengen, trotz des Protests tausender Bürger. Die Präsenz der Kirche in der Stadt störte die damals Mächtigen. Ältere Leipziger sprechen noch heute von "Kulturbarbarei". Erst Ende der 1970er Jahre erlaubte der Staat dann, nach langen Verhandlungen, einen katholischen Kirchenneubau – außerhalb des Stadtzentrums. Doch war der Grund viel zu feucht. Der 1982 fertig gestellte Bau wurde marode.

All das mag auch Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) durch den Kopf gehen. Der 55-Jährige Westdeutsche ist seit sieben Jahren erster Bürger der Messestadt. Vom Fenster des "Neuen Rathauses" schaut er direkt auf die Trinitatis-Baustelle. "Ich freue mich auf gute Nachbarschaft", sagt er. Es sei wichtig und gut, dass auch die katholische Kirche "ins Herz der Stadt zurückkommt".

Die Kirchengemeinden wachsen

Sankt Trinitatiskirche Leipzig. Der größte katholische Kirchenneubau in Ostdeutschland seit der politischen Wende. Grundsteinlegung: 27.04.2013. Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) und der katholische Bischof von Dresden-Meißen, Heiner Koch (Foto: Christoph Strack, DW)

Oberbürgermeister Jung (SPD) und Bischof Koch

Das Stadtoberhaupt beschreibt die Entwicklung Leipzigs nach den Wendejahren als einen neuen Aufbruch. Die Zahl der Einwohner wächst seit fünf Jahren rasant. Jährlich ziehen bis zu 12.000 Menschen in die Messestadt. Viele der Neubürger kämen aus dem westlichen Teil Deutschlands, der alten Bundesrepublik. Das komme auch den christlichen Kirchengemeinden der Stadt zugute.

Das spürt auch Vierhocks Trinitatis-Gemeinde. Die katholische Kirche in Deutschland hat – nicht zuletzt wegen des Bekanntwerdens zahlreicher Missbrauchsfälle – seit 2010 mit weit über hunderttausend Kirchenaustritten pro Jahr zu kämpfen. Katholiken und Protestanten mussten seit der Jahrtausendwende in ganz Deutschland hunderte Gotteshäuser mangels Nachfrage aufgeben. Doch Sankt Trinitatis boomt: Jedes Jahr nimmt die Zahl der Gemeindemitglieder um 150 zu und liegt nun bei gut 4 400. Auffallend viele von ihnen sind jung, nicht älter als 20 bis 30 Jahre alt. Vierhock möchte mit seiner Gemeinde einladend auf die Menschen in der Stadt zugehen. Ihm schwebt eine offene Kirche vor.

Sankt Trinitatiskirche Leipzig. Der größte katholische Kirchenneubau in Ostdeutschland seit der politischen Wende. Grundsteinlegung: 27.04.2013. Derzeit gibt es den Kirchenbau nur als Modell. In einem als Informationszentrum eingerichteten Baucontainer können Besucher Modell und Baupläne einsehen. (Foto: Christoph Strack, DW)

Bisher existiert die Kirche nur als Modell. Besucher können es samt der Pläne in einem der Baucontainer begutachten

Der katholische Bischof von Dresden-Meißen, Heiner Koch, zu dessen Sprengel auch Leipzig gehört, staunt laut über diesen Aufbruch. Er kam im März aus dem rheinisch-katholischen Köln in die sächsische Diaspora. "Nach all den Jahren der Gewaltherrschaft in dieser Region – hier ist eine Zukunftsperspektive. Und die Gemeinde knüpft an eine sehr lebendige Tradition an." Für ihn ist der Neubau "mitten in der Stadt" ein Zeichen dafür, "die Frage nach Gott lebendig" zu halten. Er weiß, dass ein solches Kirchbauprojekt sogar bundesweit Aufsehen erregt – und dass die 15 Millionen Euro Baukosten von allen deutschen Katholiken durch Spenden mitfinanziert werden müssen.

Minderheit in der Minderheit

Sankt Trinitatiskirche Leipzig. Der größte Kirchenneubau in Ostdeutschland seit der politischen Wende. Grundsteinlegung am 27.04.2013. (Foto: Christoph Strack, DW) .

Kirchenneubau im Herzen der Stadt. Grundsteinlegung Ende April

Die Katholiken in Leipzig bilden, wie in anderen Teilen Deutschlands, eine doppelte Minderheit: Unter den Christen sind sie die deutlich kleinere Konfession. Insgesamt gehört nur jeder fünfte der rund 540 000 Leipziger einer der großen Kirchen an. 14 Prozent der Bevölkerung ist evangelisch, knapp vier Prozent katholisch. Für Oberbürgermeister Jung heißt das: "Die Kirchen können es sich hier überhaupt nicht mehr leisten, sich zu separieren." Wenn man wahrgenommen werden wolle, gehe das nur über ein Miteinander.

Ökumene sei in Leipzig "Gott sei Dank" eine Selbstverständlichkeit, sagt Bischof Koch. Zur Ökumene passt auch die Lage des Neubaus: Die Straßenanschrift der künftigen Kirche, die bis Ende 2014 fertig sein soll, und des dazugehörigen Gemeindehauses lautet "Nonnenmühlgasse". Das erinnert an ein vor bald 500 Jahren aufgelöstes Frauenkloster. Und gleich hinter dem wandhohen Kirchenfenster, durch das einmal Licht in den Innenraum fluten soll, verläuft der Martin-Luther-Ring.

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