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Kultur

Leipziger Montagsdemonstranten geehrt

25 Jahre nach dem Mauerfall bekommen die Anführer der Montagsdemonstrationen den Deutschen Nationalpreis. Geehrt wird eine Bewegung, die mit Friedensgebeten begann und schließlich die Welt veränderte.

Es ist das Jahr 1981. In der Leipziger Nikolaikirche versammeln sich neuerdings montagabends Menschen zu Gottesdiensten, die sie "Friedensgebete" nennen. Sie werden von Gläubigen aus dem Umfeld der evangelischen Kirche gehalten. "Es ging uns damals um den Frieden, um die Umwelt und um die Dritte Welt", erzählt der Leipziger Uwe Schwabe, der von Anfang an dabei war.

Als Bürgerrechtler bekam er am 24. Juni 2014 den Deutschen Nationalpreis zusammen mit den Pfarrern Christian Führer (Nikolaikirche) und Christoph Wonneberger (Lukaskirche) sowie dem Archiv Bürgerbewegung Leipzig verliehen - stellvertretend für die Montagsdemonstranten. Man zeichne damit Menschen aus, "deren revolutionärer Mut und deren Gewaltverzicht den Einsturz des DDR-Regimes bewirkten", urteilt die Deutsche Nationalstiftung.

1989 schließlich gärt es

Mit den Jahren werden die Friedensgebete politischer. Die Organisatoren unternehmen immer häufiger Aktionen auch außerhalb der Kirche, meist um auf die Umweltzerstörung aufmerksam zu machen. Und es werden immer mehr Menschen, die mitmachen wollen, weil sie bei den Friedensgebeten in geschütztem Rahmen über Politik reden können.

Leipziger Kirche St. Nikolai (Foto: picture-alliance/dpa)

Wurde weltberühmt: die Leipziger Nikolaikirche

1989 schließlich gärt es in der Bevölkerung der DDR. Etliche Bürger fliehen über die Tschechoslowakei und Ungarn in den Westen. Aber viele Menschen entscheiden sich auch bewusst dazubleiben, wie Uwe Schwabe: "Ich wollte der kommunistischen Diktatur nicht das Feld überlassen", sagt er.

Westdeutsche Journalisten filmen die Proteste

Am 4. September 1989 kommen erstmals mehrere tausend Menschen zum Friedensgebet. Von nun an werden die Proteste "Montagsdemonstrationen" genannt. Etwas ist besonders an diesem Tag: In Leipzig ist Messe. Westliche Journalisten sind in der Stadt. Wissend, dass sich die Medien von drüben geradezu gierig auf oppositionelle Aktionen von DDR-Bürgern stürzen würden, versammelt sich eine Gruppe von Widerständlern vor der Nikolaikirche, und zwar erstmals mit Plakaten. Auf ihnen steht: "Für ein offenes Land mit freien Menschen".

Die Westmedien zeigen die Demonstrationen noch am gleichen Abend in den Nachrichten. Doch nicht nur West-Bürger sehen diese, sondern auch viele DDR-Bürger, die heimlich West-Fernsehen einschalten. So bekommen sie mit, was in ihrem eigenen Land passiert. Das bestärkt den Protest.

"Eine gespenstische Angst an diesem Tag"

Stasi und Polizei rücken immer wieder an und versuchen, die Demonstranten zu vertreiben. Sie prügeln auf sie ein, verhaften sie. Doch die Leipziger lassen sich nicht mehr aufhalten. Und auch in anderen Städten der DDR gehen Proteste los.

Einen Monat später, am 9. Oktober, kommt der "Tag der Entscheidung". Denn er macht klar, dass die Ereignisse von 1989 als friedliche und nicht als blutige Revolution in die deutsche Geschichte eingehen werden. Obwohl es zuerst nicht danach aussieht.

"Es war eine gespenstische Angst an diesem Tag", erinnert sich Uwe Schwabe. Die Stadt Leipzig wird völlig abgeriegelt. Tausende Polizisten bringen sich in Stellung. Ihre Aufgabe: "die Niederschlagung der Konterrevolution" - wie es im SED-deutsch heißt. Gerüchte machen die Runde, dass in den Gefängnissen des Landes Betten aufgestockt und in den Krankenhäusern Blutkonserven für Verletzte bereitgestellt würden. Offenbar stellt sich die Regierung auf einen blutigen Tag ein. Es wird mit 20.000 Demonstranten gerechnet. Ein Gruppe Oppositioneller liest einen Appell an die Gewaltlosigkeit vor.

"Wir sind das Volk!"

Es kommen aber 70.000. Zu viele für die Polizei. Sie zieht sich zurück. "Es lag an den vielen Menschen, dass die Demonstrationen friedlich geblieben sind", sagt Schwabe rückblickend. "Die Polizei wusste: Wenn sie einschreiten würde, dann würde es ein großes Blutvergießen geben. Diese Verantwortung wollte wohl niemand übernehmen."

Es bleibt friedlich. Und es geht weiter. Eine Woche später kommen bereits 120.000. Zwei weitere Wochen später sind es 300.000. Überall in der DDR fordern die Menschen nun eine freie Presse, freie Wahlen, Reisefreiheit und sie rufen immer wieder: "Wir sind das Volk!". Sie fordern nicht: die Maueröffnung oder das Ende der DDR. Dass das passieren könnte, das kann sich damals niemand vorstellen. Sie fordern: Reformen im eigenen Land.

Die Mauer fällt

Also weiterdemonstrieren! Am 5. November kommen in Leipzig eine halbe Million Menschen zusammen. So viele, wie die Stadt damals Einwohner hat. In anderen Städten sind es weitere Hunderttausende. Weil ein neues Reisegesetz den DDR-Bürgern nicht die Reisefreiheit zugesteht, die sie wollten, werden die Leute wütender. Mit der sich selbst gegebenen Aufforderung, friedlich zu bleiben, marschieren sie an diesem Tag zum Gebäude der Staatssicherheit.

Vier Tage später kommt es, das geforderte Reisegesetz. Der damalige SED-Funktionär Günter Schabowski verkündet in einer legendär gewordenen Pressekonferenz die sofortige Reisefreiheit der DDR-Bürger. Die Menschen stürmen noch in derselben Nacht an die Grenze, die Mauer fällt. Die Montagsdemonstrationen halten noch bis März 1990 an, bis auf DDR-Boden die ersten freien Wahlen stattfinden.

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