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Kultur

Leipziger Filmtheater schreibt Geschichte

Das Union-Theater Connewitz ist eines der ältesten Kinos Deutschlands. Es überstand zwei Weltkriege und das Kinosterben. Nach der Wende aber kam das Aus. Zum 100. Geburtstag ersteht es wieder auf - für kurze Zeit.

Das UT Connewitz ist das älteste noch erhaltene Lichtspieltheater Leipzigs und eines der ältesten Deutschlands. Die erste Filmvorführung fand am 1. Weihnachtstag des Jahres 1912 statt: Gegeben wurde der Kriminalfilm Die schwarze Katze, 2. Teil[1], ein kurzer Stummfilm in der Regie von Viggo Larsen.

Lichtspieltheater UT Connewitz in Leipzig

Von außen sieht man kaum, dass sich hinter diesen Mauern ein altes Kino versteckt. An einer ganz normalen Hauseinfahrt im Leipziger Süden hängt ein Metallschild mit den eingestanzten Kapitalen "UT", die Abkürzung für Union-Theater. Ein schmaler Gang führt ins Hinterhaus, hinter der Klapptür öffnet sich ein riesiger Kuppelsaal. Die Farbe blättert von Wänden und Decke, ein Rang ragt in den großen Raum, bemalter Stuck umrahmt die Leinwand über der Bühne. "Das Besondere ist, dass das Gebäude so vor uns steht, wie es damals errichtet wurde und auch nicht verbaut oder verbastelt worden ist", sagt Peter Lau. Er ist Architekt und stellvertretender Vorsitzender des Vereins, der das Haus am Leben erhält. Der Charme einer längst vergangenen Zeit ist dem Haus bis heute erhalten geblieben.

Historisches Filmtheater

UT Connewitz in Leipzig - die Hausfront heute

Hinter dieser Hausfront versteckt sich ein riesiger Kuppelsaal

Peter Lau spricht mit Stolz über das alte Lichtspielhaus. Zwei Jahre vor dem Ersten Weltkrieg wurde es erbaut und zählt zu den wenigen historischen Kinos in Deutschland, die für Filmvorführungen genutzt werden können. Rund ein Drittel der großen Leipziger Kinos fielen im Zweiten Weltkrieg den Bomben zum Opfer. Das UT hatte Glück. Es kam mit zerstörten Fensterscheiben davon. So blieben die Stummfilmausstattung des Saals, der Vorführraum, die kleine Bühne und der gesamte Portikus mit seinen Säulen und sogar Teile der Originalbemalung erhalten. Auch den späteren, gängigen Modernisierungen entkam das UT. "Es gab zu DDR-Zeiten immer wieder verschiedene Umbaumaßnahmen. Oft sind die Ränge, die wir hier sehen, sehr stark verkürzt worden. Das ist im UT Connewitz aus finanziellen Gründen nicht geschehen, und wir sind heute sehr froh darüber", sagt Peter Lau.

Doch das ständig fehlende Geld hat der historischen Bausubstanz zugesetzt. Ein Grund für den Geldmangel waren auch sinkende Einnahmen an der Kinokasse. "Eine Kinokarte hat 1950 fast genauso viel gekostet wie 1989", erinnert sich Armin Thiel, der ab den 1960er Jahren als Filmvorführer im UT Connewitz arbeitete. Die Lebenshaltungskosten aber stiegen mit der Zeit stetig an, genauso wie die Kosten für den Kinobetrieb. Hinzu kam ein neuer Konkurrent auf dem Markt der bewegten Bilder: das Fernsehen. Das Kino verlor immer mehr an Attraktivität. Nach dem Krieg ging jeder Leipziger statistisch gesehen 24 Mal pro Jahr ins Kino, 1980 nur noch fünfeinhalb Mal. "Die meisten Leute kamen, wenn ein Film aus dem kapitalistischen Ausland lief. Für die Sex-Komödie 'Auf der Alm da gibt's koa Sünd' der 1970er Jahre hatten sie Schlange gestanden. Sie wollten einfach was anderes sehen, als die typische sozialistische Propaganda", sagt Thiel.

Leidenschaft fürs Lichtspielhaus

Lichtspieltheater UT Connewitz Hausfront 1925

Die erste Filmvorführung fand am ersten Weihnachtstag des Jahres 1912 statt

Der bauliche Zustand des UT Connewitz verschlechterte sich zusehends. "Ein moderner Projektor war einfacher zu bekommen als ein Maler, eine neue Heizung oder ein neues Fenster", erinnert sich Ralf Nünthel. Der Filmvorführer arbeitete in den 1980er Jahren im UT und veröffentlichte 2004 sein Buch "UT Connewitz & Co. – Kinogeschichte(-n) aus Leipzig-Süd". Ab den 1970er Jahren bot es auch Platz für Jugendweihefeiern und Konzerte, diente als Treffpunkt für die DDR-Punkszene. Nach der Wende versuchten westdeutsche Vertriebe die Menschen mit bereits ausgewerteten Filmen zu begeistern. Doch der Plan ging nicht auf. 1992 wurde das UT Connewitz geschlossen.

Dass das kulturelle und architektonische Kleinod heute wieder bespielt werden kann, ist hauptsächlich einer Gruppe engagierter Leipziger zu verdanken. Zum Connewitzer Straßenfest im Mai 2001 machten sie das damals verlassene Gebäude erstmals Mal wieder zugänglich. 1800 Besucher zählte das alte Kino, das fast zehn Jahre nach der Wende leer stand. Die Leidenschaft für das Lichtspielhaus war wieder entfacht, und ein Verein wurde gegründet. Die Mitglieder entrümpelten aus eigener Kraft den großen Saal, machten Toiletten nutzbar, legten Elektrokabel und bespielten das Haus schon mit ersten Kulturveranstaltungen, bevor alle Baumängel beseitigt waren. Da sei so manches improvisiert worden, erinnert sich Peter Lau. "Nach einer der ersten Tanzveranstaltungen stand in der Zeitung, dass die Stimmung so furios und die Leute so erhitzt waren, dass es sogar von der Decke tropfte. Aber es tropfte nicht wegen der Leute, die sich schweißgebadet auf der Tanzfläche bewegten, sondern weil es gerade heftig regnete und hier an verschiedenen Stellen auch das Wasser runterkam."

Konzert der Band EA80 im Jahr 2008

Heute finden im Lichtspielhaus Kulturveranstaltungen statt

Als Kino wird das UT Connewitz heute rund 100 Mal im Jahr genutzt. Im Gegensatz zu den 652 Menschen, die am 25. Dezember 1912 zur Eröffnung hier Platz fanden, können heute gerade mal 108 Menschen auf den rot gepolsterten Klappstühlen im Parkett Platz nehmen. Das UT Connewitz soll künftig für Konzerte und andere Kulturveranstaltungen genutzt werden. Zum 100. Geburtstag am ersten Weihnachtsfeiertag aber werden die Filmprojektoren wieder angeworfen. Mit dem Stummfilm "The Artist" wird so an die Ära des frühen Films und gleichzeitig an die Geburtsjahre des UT Connewitz erinnert.

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