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Kultur

Leipziger Buchpreis für Mircea Cartarescu

In surrealen Traumwelten entlarvt er die Absurdität des Ceausescu-Regimes. Für seine Trilogie "Orbitor" erhält der rumänische Autor Mircea Cartarescu den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung.

"Ich schreibe, um diese Zeit zu überwinden, die Wunden zu heilen, die eigene innere Freiheit unter Beweis zu stellen", sagte der rumänische Schriftsteller Mircea Cartarescu in einem TV-Interview mit der DW. Mit 'diese Zeit' meint Cartarescu die Diktatur unter Machthaber Nicolae Ceausescu bis 1989. "Sich die innere Freiheit in einem totalitären Regime zu bewahren, darum geht es im Grunde."

Ein Ausdruck dieser inneren Freiheit ist seine Trilogie "Orbitor", für die er an diesem Mittwoch mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet wird. Der Preis ehrt Persönlichkeiten, die Brücken geschlagen haben zwischen den Ländern West-, Mittel- und Osteuropas und wird jährlich auf der Leipziger Buchmesse verliehen.

Sein Hauptwerk, dessen rumänischer Titel "Orbitor" soviel wie "Blendend" heißt, ist unter den Titeln "Die Wissenden" (2007), "Der Körper" (2011) und "Die Flügel" (2013) in deutscher Übersetzung erschienen. Der erste Band wurde 2013 auch in englischer Übersetzung in den USA veröffentlicht, unter dem Titel "Blinding: The left wing". Seine Bücher wurden in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt. Der 58-jährige Schriftsteller und Universitätsprofessor für Literatur aus Bukarest gilt als Kandidat für den Literaturnobelpreis.

Eine surreale und phantastische Autobiographie

Buchcover von Mircea Cartarescus Roman Der Körper (Foto: Zsolnay)

Der zweite Band von Cartarescus preisgekrönter Trilogie

In "Orbitor" spannt Cartarescu den Bogen von der Geschichte seiner Vorfahren und Eltern über seine Kindheit und Jugend im kommunistischen Bukarest bis zum Sturz des Diktators Ceausescu im Dezember 1989. "Mein Buch ist eine Autobiographie, aber eine sehr unzuverlässige", sagte der Autor während einer Lesereise durch die USA im Jahr 2013.

In der Trilogie werden die Missstände und Absurditäten aus der Zeit der Diktatur von Nicolae Ceausescu in Rumänien deutlich. Die Mutter des Ich-Erzählers wird vom Geheimdienst Securitate beschuldigt, sie verstecke geheime Botschaften, weil sie einen Teppich mit phantasievollen und komplexen Mustern webt. "Schlangen aschgrauer Menschen" warten wie "Nager" darauf, ein Stück Brot kaufen zu können, heißt es im Text, und Geheimdienst-Offiziere philosophieren über die Vorteile und Nachteile diverser Foltermethoden. Doch Cartarescu hatte nie die Absicht, einen realistischen Roman über dieses düstere Kapitel der rumänischen Geschichte zu schreiben. Er sieht sich nicht als Erzähler, sondern als Dichter. Träume und Albträume, surreale und phantastische Elemente durchziehen seine Trilogie.

Lebende Statuen und verlorene Schatten

Aus dem Jenseits zurückgekehrte Tote vertreiben die Vorfahren des Protagonisten aus ihrer Heimat südlich der Donau. Auf der Flucht opfert ein kleiner Junge den eigenen Schatten, um seine Familie zu retten. Im letzten Band werden die Statuen berühmter Persönlichkeiten lebendig und steigen von ihren Sockeln herab, um sich an der Revolution gegen Ceausescu zu beteiligen. Oftmals verbindet der Autor diese phantastischen Elemente mit den Mitteln von Humor und Satire: Die Statuen passieren Wände mit der Aufschrift "Nieder mit Ceausescu" und denken darüber nach, "wie den fünf, sechs bronzenen Ceausescus wohl zumute sein musste, die sich ihnen, aus wer weiß welchen sorgfältig gekalkten Nischen heraustretend, angeschlossen hatten, und denen gegenüber niemand Groll empfand."

Der Palast des Volkes in Bukarest (Foto: Getty Images)

Der riesige "Palast des Volkes" (heute: Parlamentspalast) in Bukarest erinnert an den Größenwahn des Diktators

An seinem Hauptwerk, das die Jury aus Leipzig als "Universalroman" bezeichnet, schrieb Cartarescu fast 15 Jahre lang. Er betonte immer wieder, dass er jedes Wort handschriftlich in Hefte notiert hat, ohne etwas zu streichen oder auch nur ein einziges Blatt herauszureißen. Seine preisgekrönte Romantrilogie hat Mircea Cartarescu in Stuttgart fertiggestellt, während eines Aufenthalts als Stipendiat der Akademie Schloss Solitude (2006/2007). Begonnen hatte er die Trilogie während seiner Zeit als Gastprofessor für Literatur in Amsterdam Mitte der 1990er Jahre.

Für ein geeintes Europa

In Rumänien ist er als Lyriker bekannt geworden und gilt als einer der bedeutendsten Erneuerer der Gegenwartsliteratur. Nach seinem Philologie-Studium arbeitete Cartarescu zunächst als Rumänischlehrer, seit Anfang der 1990er Jahre unterrichtet er Literatur an der Universität Bukarest. Zu seinem sehr vielfältigen Werk gehören neben preisgekrönten Romanen wie "Orbitor" und "Nostalgia" auch der humorvoll-romantische Erzählband "Warum wir die Frauen lieben", ein Bestseller in Rumänien, oder die märchenhafte "Enzyklopädie der Drachen", die nicht nur Kinder begeistert hat. Seine politische Einstellung hat er auch in den Medien kundgetan. In seinen Kolumnen und Kommentaren in der rumänischen Presse kritisierte er unter anderem anti-demokratische und anti-europäische Tendenzen in der rumänischen Politik und Gesellschaft.

Cartarescu lebt mit seiner Ehefrau, der rumänischen Schriftstellerin Ioana Nicolaie, und dem gemeinsamen Sohn in Bukarest. Er hat den Wahlsieg des neuen deutschstämmigen Präsidenten Klaus Iohannis in Rumänien begrüßt. Dieser hat der Korruption den Kampf angesagt und sich eindeutig zu den Werten der Europäischen Union bekannt. Europa ist auch Mircea Cartarescu wichtig - nicht nur als kultureller Raum. Gerade im Hinblick auf die angespannte internationale politische Lage sei es "Europas einzige Chance, auch aus geostrategischen Gründen, geeint zu bleiben", sagte der Autor im Interview mit der Deutschen Presseagentur. "Zum ersten Mal in meinem Leben fühle ich mich durch die globale politische Situation bedroht."

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