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Bücher

Leipziger Buchmesse präsentiert serbische Autoren

Das Exil hat serbische Autoren wie Bora Ćosić oder David Albahari bekannt gemacht. Worüber aber schreiben jene Schriftsteller, die in Serbien blieben? Wie gehen sie mit der jüngsten Vergangenheit um?

Die Nationalflaggen von Serbien und Deutschland in einer Fotomontage (Foto: Mirko Schwanitz/ DW)

Um die Autoren, die nach den letzten Balkan-Kriegen in den 90er Jahren in Serbien blieben, ist es still geworden. Das will die Leipziger Buchmesse nun ändern. Sie rückt die serbische Gegenwartsliteratur mit ihrem diesjährigen Messeschwerpunkt in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Wer dieser Tage durch Belgrad flaniert, spürt, wie viel sich seit dem Sturz von Milošević verändert hat. Die bunten Kioske, die einst die Gehsteige überfluteten und über die ein Großteil des Buchhandels abgewickelt wurde, sind längst verschwunden. Kein Buchladen wirbt noch wie zur Milošević -Zeit mit den Biografien bekannter Kriegsverbrecher.

"Wenn sie Bücher über General Mladić suchen oder ein Machwerk von Karadžić, dann schauen sie doch bitte im Regal für Geschichte oder bei den Biografien nach", sagt eine Mitarbeiterin in der Delfi-Buchhandlung. Weil die meisten serbischen Buchhandlungen im Besitz von Verlagen sind, findet man dort oft nur Bücher aus einem Verlagsprogramm. In der Delfi-Buchhandlung hingegen finden sich Bücher aus allen Verlagen. Und so kann man sich hier den besten Überblick über die serbische Gegenwartsliteratur verschaffen. Schnell wird klar, das sich nach wie vor nur wenige Autoren, mit der jüngsten Vergangenheit auseinandersetzen.

Belgrads Haupt-Fußgängerzone Terazije (Foto: Mirko Schwanitz/ DW)

Belgrads Haupt-Fußgängerzone Terazije

Astronomie des himmlischen Volkes

Einer von ihnen ist Sreten Ugričić, Romancier und Leiter der Serbischen Nationalbibliothek. "Manchmal werde ich auch als Astronom vorgestellt, weil ich eine: "Einführung in die Astronomie" geschrieben habe. Darin geht es um meine ironische Haltung gegenüber jenen, die immer noch glauben, die Serben seien ein himmlisches Volk. Da wird natürlich jeder, der sich mit diesem Volk beschäftigt, automatisch zum Astronomen." Sreten Ugričić gehört zu jenen Autoren, die seit Jahren Widerstand leisten gegen eine Gesellschaft, die ihre Verbrechen noch immer leugnet. Den Serben kommt alles Mögliche in den Sinn, nur nicht, dass sie ihr Verhältnis zur Wahrheit ändern, lässt er den Hofnarren in seinem neuesten Roman "An den unbekannten Helden" sagen.

Blätter eines Buches (Foto: BilderBox)

Das Buch erscheint pünktlich zur Leipziger Buchmesse im Dittrich-Verlag. Zwar beschäftigen sich immer mehr serbische Autoren mit der jüngsten Geschichte. Doch viele schlichen noch immer wie eine Katze um heißen Brei, meint Ugričić. "Das Paradoxe ist, dass es so aussieht, als wäre unser Trauma tiefer als das der Kroaten, Bosnier oder Kosovoalbaner. Warum? Weil wir eine moralische Niederlage erlitten.

Und weil die anderen Völker dieses Problem nicht hatten, konnten sie sich auch in ihrer Literatur viel früher mit der jüngsten Vergangenheit auseinandersetzen. Das ist keine Entschuldigung. Im Gegenteil. Gerade weil unsere Niederlage so tief ist, haben wir die Pflicht, die Auseinandersetzung damit an erste Stelle zu setzen."

Psychogramm einer gespaltenen Gesellschaft

Es sind vor allem jüngere Autoren, die dies immer öfter wagen. Poetisch, politisch und provokativ. Nicht nur in Romanen oder Kurzerzählungen, wie in der gerade von Angela Richter herausgegebenen Anthologie "Der Engel und der rote Hund". Auch in der Lyrik hat die Auseinandersetzung längst begonnen. Der gerade im Drava-Verlag von Dragoslav Dedović herausgegebene Sammelband "Eintrittskarte" zeigt, auf welche Weise sich Dichter und Dichterinnen mit der Vergangenheit auseinandersetzen.

Dragana Mladenović (Foto: Mirko Schwanitz/ DW))

Dragana Mladenović

Dragana Mladenović etwa, die als erste Lyrikerin den Umgang Serbiens mit Kriegsverbrechern zum Thema eines ganzen Gedichtbandes machte. "Ich halte es für ein wenig deplatziert, heute über zwischenmenschliche Beziehungen zu schreiben. Ich habe selbst erlebt, wie einer von diesen Kriegsverbrechern bei einer Familie untergebracht wurde, die ich kannte. Da wurde mir bewusst, dass diese Leute sich überall verstecken können. Der Kriegsverbrecher in meinem Poem steht stellvertretend für sie alle."

Aus einem fiktiven Protokoll einer Polizeiwache formt Mladenović in ihrem Buch "Rodbina" das Psychogramm einer noch immer gespaltenen Gesellschaft. Da ist der Rentner mit dem Spitznamen "der Stumme", weil er bis jetzt geschwiegen hat. Der stumme Serbe, der plötzlich zu reden beginnt, weil er nicht auch noch den letzten Anstand verlieren, weil er seine Ängste überwinden will. Mladenović markiert damit auch den Beginn einer neuen, mutigeren Auseinandersetzung der serbischen Literatur mit der jüngsten Vergangenheit.

Autor: Mirko Schwanitz

Redaktion: Conny Paul