Leipziger Buchmesse: Buchpreis-Gewinner 2018 | Bücher | DW | 15.03.2018
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Bücher

Leipziger Buchmesse: Buchpreis-Gewinner 2018

Die Leipziger Buchmesse ist traditionell ein Seismograf für interessante, innovative Autoren. Ausgezeichnet wurde in diesem Jahr: ein Buch, das man langsam lesen sollte. Geschrieben hat es die Autorin Esther Kinsky.

Die Verkündung, wer den Preis gewonnen hat, ist traditionell der erste Höhepunkt des literarischen Messegeschehens. Der Preis der Leipziger Buchmesse zählt zu einer der wichtigsten Auszeichnungen für deutsche Literatur und Sachbücher in Deutschland. Mit insgesamt 60.000 Euro dotiert, ist der Preis seit 2005 in drei Kategorien ausgeschrieben: Belletristik, Sachbuch und Übersetzung. Letztere ist eine eher seltene Auszeichnung. Für viele Preisträger ist ein gut dotiertes Preisgeld ein unverhofftes Geschenk, das ihnen eine Zeit lang unabhängiges Schreiben finanziert. Die Preisträger in diesem Jahr sind:

Belletristik: Esther Kinsky

"Hain. Geländeroman" von Esther Kinsky ist im Suhrkamp-Verlag erschienen. In ihrem Roman, der keinen Plot, keine wirkliche Erzählung hat, unternimmt eine Ich-Erzählerin Reisen ganz eigener Art nach Italien. Landschaftsmeditation, Kindheitserinnerungen und Trauer kommen bei ihr zusammen. Ein Buch wie ein poetisches Requiem, 300 Seiten ohne Handlung. "Was für ein stilles, kaum bewegtes, menschenarmes Buch", beschrieb Juror Gregor Dotzauer ihre Art zu schreiben.

Die Erzählerin hat ihren Lebensgefährten verloren, und versucht sich mit einer Reise von ihrem Schmerz abzulenken. Das Buch werde getragen von "übersinnlich präzisen Beobachtungen, die ihre Tiefe ganz aus der Versenkung in die Oberfläche gewinnen", urteilte die Jury. In der Begründung heißt es: "Man wird der unspektakulären Melodie dieses Buches und der rhythmischen Präzision seiner Sätze nur gerecht, wenn man es langsam liest: mit einer Geduld, die nichts erwartet, und gerade deshalb mit einem Staunen über die Fülle seiner Einzelheiten belohnt wird."

Buchmesse Leipzig 2018 Autorin Esther Kinsky (picture-alliance/dpa/J. Kalaene)

Esther Kinsky bei der Preisverleihung in Leipzig

Esther Kinsky, 1956 geboren, ist in der Nähe von Bonn am Rhein aufgewachsen. Flüsse spielen deshalb in ihren Büchern oft eine große Rolle. Sie mag das biografische Verankern ihrer Geschichten, lässt sich aber immer literarischen Spielraum. Italien, wo der jetzt ausgezeichnete Roman spielt, ist für sie eher das Gegenteil eines Sehnsucht-Landes gewesen.

Nach dem Tod ihres Mannes, des schottischen Übersetzers Martin Chalmes, bereiste die Autorin kleine italienische Orte, abseits der touristischen Pfade. Und stieß immer wieder auf Spuren ihrer eigenen Geschichte.

Ihr Vater konnte gut italienisch, und brachte ihr die vergnügliche Genauigkeit des literarischen Übersetzens bei. Esther Kinsky lernte Englisch, Russisch und Polnisch, und war in den 1980er Jahren oft in Warschau. Nach der deutschen Wiedervereinigung zog sie nach London und lebte hauptsächlich von Übersetzungen. Später kaufte sie sich ein Haus an der ungarisch-rumänischen Grenze - um in Ruhe schreiben zu können.

Inzwischen lebt und arbeitet sie wieder in Deutschland, in Berlin-Neukölln. Sie wurde vielfach ausgezeichnet: 2016 bekam sie den renommierten Adelbert-von-Chamisso-Preis für ihren Roman "Am Fluss". Erst vor einer Woche ist Kinsky als Übersetzerin des Romans "Dunkel, fast Nacht" aus dem Polnischen von Joanna Bator mit dem Internationalen Hermann-Hesse-Preis geehrt worden.

Sachbuch/Essayistik: Karl Schlögel

Der Historiker schrieb "Das sowjetische Jahrhundert. Archäologie einer untergegangenen Welt" (Edition der Carl Friedrich von Siemens Stiftung, C. H. Beck). Das Buch hat in ungewöhnlich populärer Art und Weise ein komplexes politisches Thema aufbereitet. Die Jury in Leipzig wusste das zu würdigen: "Karl Schlögel, der sein ganzes Leben in engem Kontakt mit Russland und der Sowjetunion verbracht hat, legt hier eine fesselnde Physiognomik dieses untergegangenen Reichs vor, von dessen herrlich knisterndem Packpapier bis zur eisigen Hölle in den sibirischen Lagern", heißt in der Begründung.

Buchmesse Leipzig 2018 Autor Karl Schlögel (picture-alliance/dpa/J. Kalaene)

Ausgezeichneter Sachbuch-Autor: Karl Schlögel

Karl Schlögel hat ein ausgesprochenes Talent auch schwierige Historie umzusetzen. Er schrieb auch Radiofeatures über seine historisch-politischen Themen, und lehrte bis zu seiner Emeritierung Osteuropäische Geschichte - zuerst an der Universität Konstanz, später an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder. Er ist Autor zahlreicher Bücher zur sowjetischen und osteuropäischen Geschichte.

Schlögel zeigte sich sehr erfreut über die Auszeichnung. "Ich fühle mich mehr als belohnt für die Mühen, die in diesem Buch stecken." Auf der Leipziger Buchmesse ist er kein Unbekannter: 2009 erhielt er den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung für sein Sachbuch "Terror und Traum. Moskau 1937".

Übersetzung: Sabine Stöhr und Juri Durkot

Zusammen übersetzten sie aus dem Ukrainischen "Internat" von Serhij Zhadan. Der Hintergrund von Zhadans Werk ist der Konflikt zwischen der ukrainischen Regierung und moskautreuen Separatisten im Donbass. "Die Umgebung verroht, aber der Wahrnehmungsapparat des Helden gewinnt an Schärfe und Genauigkeit. Keine billige Drastik, sondern dichte Beschreibungen, die auf Deutsch eine enorme Kraft entfalten. Die Sprache ist Schutzraum und Erkenntnisinstrument in einem", hieß es von der Jury. Übersetzerin Stöhr und der Publizist und Journalist Durkot übertrugen gemeinsam schon mehrere Werke von Serhij Zhadan ins Deutsche.

Juri Durkot und Sabine Stöhr, Preisträger des Leipziger Buchpreises 2018 in der Rubrik Übersetzung (picture-alliance/dpa/J. Kalaene)

Juri Durkot und Sabine Stöhr, Preisträger des Leipziger Buchpreises 2018 in der Rubrik Übersetzung

Die Preisträger wurden von den Jury-Mitgliedern Maike Albath, Alexander Cammann, Gregor Dotzauer, Burkhard Müller, Jutta Person und Wiebke Porombka unter dem Vorsitz von Kristina Maidt-Zinke ausgewählt. "Für die Jury war es, vor allem in der Kategorie Belletristik, auch in diesem Jahr nicht ganz einfach, sich auf herausragende Titel zu einigen", sagte die Jury-Vorsitzende und Literaturkritikerin Kristina Maidt-Zinke, als sie die Nominierungen für die Preise bekanntgab.

Wer gehörte zu den Nominierten?

Absolute Außenseiterin im Rennen um den begehrten Preis in der Sparte Belletristik war Anja Kampmann die von Haus aus Lyrikerin ist und sich an ihren ersten Roman, "Wie hoch die Wasser steigen" (erschienen im Hanser Verlag), gewagt hat. Ein sprachliches Wagnis - hier ein Ausschnitt:

"… und jeder Geruch von Kreuzkümmel, Anis und Urin in den schattigen Mauerecken war bald nichts anderes mehr als der Geruch einer neuen Fremdheit, die sich in ihm ausbreitete, als wäre er nichts als eine Ebene, voll von trockenem Gras".

Die Cover der Bücher, die für die diesjährigen Preise der Leipziger Buchmesse nominiert waren (Leipziger Buchmesse)

Die Cover der Bücher, die für die diesjährigen Preise der Leipziger Buchmesse nominiert waren

Zudem stand mit "Die Grüne Grenze" von der US-Amerikanerin Isabel Fargo Cole ein politischer Roman über das Leben am Rande der DDR auf der Auswahlliste von fünf Titeln in der Sparte Belletristik.
Einer der Favoriten in dieser Kategorie war Georg Klein ("Miakro", erschienen im Rowohlt Verlag), der nach Meinung vieler Literaturkritiker "spannend, intelligent, verstörend und sprachlich glänzend" schreibt. Eine Kostprobe:

"Und Axler dämmerte: Deshalb, weil er weit mehr als einen Mundvoll des Flascheninhalts getrunken hatte, lag der Wandler bewegungslos und andersartig schlafend, als sie es von sich selbst aus ihren Büronächten kannten, dort unten im Wurzelloch." 

Allerdings hatte der erfolgreiche Autor ein Manko: Er hat den Preis der Leipziger Buchmesse bereits 2010 gewonnen - für sein Buch "Roman einer Kindheit".

Wichtiger Frühjahrstreff der Buchbranche

Die Leipziger Buchmesse zieht ein anderes Publikum an, als die zahlenmäßig weitaus größere Frankfurt Buchmesse. In der ostdeutschen Messestadt Leipzig bestimmen junge Leute, engagierte Kleinverlage, Bücherfreaks und phantasievoll verkleidete Cosplayer das Publikum in den Messehallen.

Coseplayer auf der Buchmesse Leipzig (picture-alliance/dpa/H. Schmidt)

Coseplayer auf der Buchmesse Leipzig

In Leipzig geht es ums Lesen. Und auch um die Entdeckung neuer literarischer Talente und begabter Autoren, die den Buchmarkt mit Innovationen bereichern können. Der Preis der Leipziger Buchmesse trägt zu der Entdeckung solcher Talente bei. Im Jahr 2014 gewann in der Sparte Belletrisitik der bis dahin eher unbekannte junge bosnische Autor Saša Stanišić. Für ihn ein Sprungbrett in den internationalen Buchmarkt.

Auf dem traditionellen Frühjahrstreff der Buchbranche präsentieren sich bis zum kommenden Sonntag mehr als 2.600 Aussteller aus dem In- und Ausland. "Leipzig liest" trägt mit zum publikumsstarken Teil der Messe bei. Dort stehen in diesem Jahr 3.600 Veranstaltungen im Programm - von der klassischen Lesung in Buchhandlungen, Theatern und an anderen Leseorten in Leipzig bis hin zu performativen Literaturinszenierung auf der Bühne.

Buchmesse Leipzig 2015 Manga Convention (picture-alliance/dpa/J. Kalaene)

"Leipzig liest" kommt vor allem bei jungen Leuten an

Im vergangenen Jahr hatte die aus der Ukraine stammende Autorin Natascha Wodin mit ihrer autobiografischen Spurensuche "Sie kam aus Mariupol" den Preis in der Sparte Belletristik erhalten. Im Rahmen der Eröffnung wurde am Mittwochabend in Leipzig die Norwegerin Åsne Seierstad mit dem renommierten Buchpreis zur Europäischen Verständigung für ihr Buch "Einer von uns" über den Massenmörder Anders Behring Breivik ausgezeichnet. 

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