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Deutschland

Leipzig sieht schwarz

Von der Drogeriemarkt-Leiterin zur Grusel-Lolita: Auf dem Leipziger Wave-Gotik-Treffen gehören solche Metamorphosen dazu. Ein Rundgang.

Zwei mit Gasmasken und Latex bekleidete Teilnehmer des Wave-Gotik-Treffens (Foto: AP)

Wer in Leipzig auffallen will, muss sich etwas einfallen lassen

"Schau mal, der sieht ja aus wie Goethe!", ruft René und zeigt auf einen Mann, der in einiger Entfernung über die Wiese schlendert. Elegant im Gehrock, trägt er Hut und Perücke, das Gesicht ist weiß gepudert. Dann verliert sich die sonderbare Gestalt im Getümmel aus Reifröcken und Gewändern.

Besucher des viktorianischen Picknicks (Foto: dpa)

Besucher des viktorianischen Picknicks

Gemeinsam mit seinem Freund Paul steht René im Clara-Zetkin-Park in Leipzig und kommt ins Staunen. Vor ihnen haben sich Hunderte Festivalbesucher zum sogenannten Viktorianischen Picknick niedergelassen. Auf Decken und Stühlchen stoßen sie an und plaudern; Wein glitzert in Karaffen, Gebäck liegt appetitlich auf Porzellantellern. Die festlich gekleideten Damen und Herren wirken allesamt, als seien sie einem Kostümfundus entsprungen: Ein Meer aus Mänteln, Hüten und Stulpen, dazwischen Feen mit Flügeln, Schleppen und Fächern. Das extravagante Picknick zwischen Rokoko und Neo-Klassik bildet den Auftakt des Leipziger Wave-Gotik-Treffens.

Zwischen Grufties und Gothics

Seit 19 Jahren trifft sich die schwarze Szene zu Pfingsten in Leipzig. Gothics, Grufties, Elektro- und Neofolk-Fans, aber auch Punks, Metaller und Mittelalter-Freaks zelebrieren vier Tage lang das Wave-Gotik-Treffen. Es ist weltweit das größte seiner Art, entstanden aus der Wave-Gotik-Subkultur in den frühen 1990-er Jahren.

René (l.) und Paul aus Leipzig (Foto: Sven Näbrich)

René (l.) und Paul aus Leipzig (Foto: Sven Näbrich)

Auch René und Paul sind dabei. "Ich trage schon immer gerne Schwarz", sagt René. Der 25-Jährige aus Leipzig wurde deshalb immer etwas schräg angeschaut. Beim Pfingsttreffen fällt er mit lackierten Fingernägeln, schwarzem Käppi und knallrotem Schlips gar nicht weiter auf.

Wie im 18. Jahrhundert

Einen längeren Anreiseweg hatte Tim Chandler aus England. Der 37-Jährige spielt gleich in mehreren Gothrock-Bands, seinen Bass hat er aber diesmal zuhause gelassen. "Ich mag die Atmosphäre in Leipzig", schwärmt der Engländer, "nicht nur die Leute, die Musik, die Konzerte - die gesamte Mischung ist einzigartig."

Tim Chandler und Starkall (Foto: Sven Näbrich)

Tim Chandler und "Starkall"

Neben Chandler steht einer, der wie so viele hier aus der Zeit gefallen scheint: Der Dreispitz sitzt ihm akkurat auf dem Kopf, der Degen hängt locker an der Seite. Starkall, so nennt sich der Mann, kommt eigentlich aus Köln - "im Moment aber wohl eher aus dem 18. Jahrhundert." Das Outfit sei ihm schon sehr wichtig, wichtiger als die Musik, sagt Starkall. Er habe es auch schon geschafft, ein Wave-Gotik-Treffen gänzlich ohne Konzert zu absolvieren.

Das ist allerdings schwierig, denn Musik ist das verbindende Element der Treffen. Allein in diesem Jahr gibt es 200 Konzerte - daneben aber auch Lesungen, Ausstellungen, Mittelaltermärkte und Friedhofsführungen.

Internationale schwarze Gemeinde

Mit rund 20.000 Besuchern stößt das Festival langsam an seine Grenzen. "Die Leute kommen mittlerweile von überall her", erklärt der Pressesprecher Cornelius Brach auf dem Festivalgelände, "aus Europa, aber auch aus Japan, Australien, Mexiko und den USA." Ein Drittel der Besucher, so schätzen die Veranstalter, reist aus dem Ausland an.

Teilnehmer des Wave-Gotik-Treffens (Foto: AP)

Aus Weinheim bei Heidelberg ist Leslie nach Leipzig gekommen. Im richtigen Leben ist sie Filialleiterin einer Drogeriemarktkette. Beim Pfingsttreffen flaniert die 21-Jährige mit Schirm und hellblauen Stiefeln durch die helle Mittagssonne. Sehen und gesehen werden. "Warum nicht?", fragt Leslie, die ihr Outfit irgendwo zwischen Gothic-Lolita und Manga-Style einordnet. "Natürlich geht es darum, sich zu zeigen – vor allem aber bin ich wegen der vielen interessanten Leute hier."

"Herrlich normal"

Teilnehmer des Wave-Gotik-Treffens (Foto: AP)

Das Wave-Gotik-Treffen ist ein schillernder Jahrmarkt der Eitelkeiten, aber auch ein Musikfestival. Im Leipziger Felsenkeller, einem von rund 40 Veranstaltungsorten, dröhnen am Samstagnachmittag die Gitarren. Auf der Bühne stehen Los Carniceros del Norte, eine Punk-Gothic Band aus Spanien. Am Bühnenrand steht Mari aus Irland. Die gebürtige Finnin hat es schon zum zweiten Mal nach Leipzig verschlagen: "Ich stehe eher auf die alten Sachen - Alien Sex Fiend, Leather Strip, S.P.O.C.K., das sind meine Bands." Mari trägt nicht nur an Pfingsten schwarz, sondern am liebsten das ganze Jahr. "Im Alltag bist du damit eine Ausnahme", sagt sie, "aber in Leipzig fühlt es sich herrlich normal an."

Ein Teilnehmer des Wave-Gotik-Treffens (Foto: AP)

Knut aus Kiel gehört auch zu den Ausnahmeerscheinungen. Der 48-Jährige hat die Punk- und Gothic-Kultur seit ihren Kindertagen Ende der 1970-er Jahre miterlebt und begleitet. Er weiß, aus welchem Club welche Musikrichtung entstanden ist - und wann immer es der Geldbeutel hergibt, ist Knut zu Pfingsten in Leipzig. "Ich schaue mir vorher nicht an, wann welche Band spielt", sagt der Norddeutsche, "da lasse ich mich überraschen." Im Laufe der Jahre habe er so viele gute Bands kennen gelernt, und auch an diesem Abend wartet noch einiges. Twisted Nerve, Bollock Brothers und Bloody, Dead & Sexy zum Beispiel. Vielleicht ist auch wieder was für Knut dabei.

Autor: Sven Näbrich

Redaktion: Dеnnis Stutе