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Deutschland

Leipzig mobilisiert den Widerspruch

Nachdem die Dresdner Demo der Islamkritiker verboten worden war, sollte der Protest in Leipzig stärker denn je werden. War er womöglich auch, aber ganz anders als von Pegida erwartet.

Das ist sie also, die Kundgebung des Leipziger Ablegers der islamfeindlichen Bewegung Pegida (Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes), die alle vorhergehenden in den Schatten stellen sollte. Die Legida (Leipziger gegen die Islamisierung des Abendlandes) hatte auf mehr als 40.000 Teilnehmer in der sächsischem Stadt gehofft. Aber der Augustusplatz am Rande der Fußgängerzone ist nur spärlich gefüllt. Es sind dann vielleicht immerhin 15.000.

"Es warten noch Zehntausende darauf, zu uns zu kommen", muntert ein Sprecher seine Zuhörer vom Podium aus auf. Klarer Fall von Wunschdenken. Es liegt nicht daran, dass die 20.000 Gegendemonstranten rings um den Platz tatsächlich ziemlich hartnäckig dabei sind, den Legida-Anhängern den Weg zu versperren. Vor allem der heiß erwartete Zustrom aus der Pegida-Hochburg Dresden ist ausgeblieben. Dort war die Demo am Montag nach einer Terrorwarnung verboten worden.

Alle Politiker sind "Volksverräter"

Diejenigen, die gekommen sind, werden zunächst von Jürgen Elsässer beschallt. Der Rechtspopulist und ehemalige Kommunist versucht sich in der schwierigen Aufgabe, es allen Anwesenden irgendwie recht machen zu wollen. Sie wollen es kritisch. "Buuh" rufen sie, wenn es um den Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) geht, noch lauter beim sächsischen Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich (CDU) und fast ekstatisch buhen sie bei Bundeskanzlerin Angela Merkel. Auf allen Ebenen der Politik fühlen sie sich verkannt. "Volksverräter!" skandiert die Menge.

Die anderen, die Politiker sind schuld an allem. Und die Presse steckt mit ihnen im Bunde: Der jüdische Publizist Michel Friedman, die FAZ, der Bundesverband der Zeitungsverleger. "Lügenpresse!", antworten Elsässers Zuhörer. Er geißelt eine "ungebremste Massenzuwanderung" und erzeugt höhnisches Gekicher, als er darauf hinweist, dass es in Paris, bei Charlie Hebdo, nun mal Linke waren, die islamistischer Gewalt zum Opfer gefallen sind.

Anti-Merkel-Plakat auf der Legida Demonstration in Leipzig (Foto: dpa)

Die Kanzlerin zieht den größten Zorn auf sich

Unzufriedenheit als Gemeinsamkeit

Aber nicht alle lachen. Denn das ist auch so eine Eigenart der Pegida/Legida, dass das keine homogene Gruppe ist. Es gibt sie natürlich, zahlreich, die verschlossenen, halbvermummten jungen Männer mit Kapuzenpulli und mit ihren fiesen, halblaut gerufenen Parolen: Rechtsradikale. Wie ein Mann aus Merseburg, der findet, dass Islam und Dschihad genauso zusammengehören wie Alkohol und Alkoholismus.

Da ist aber auch der mittelalte Leipziger, der meint, dass Deutschland keine Waffen exportieren sollte, der vor dem Polizeistaat warnt und Nichtwähler einsperren lassen will. Oder ein Mann mit Zauselbart, der meint, dass in Deutschland überhaupt zu viele Menschen seien und Tiere und Pflanzen darunter leiden. Wie passt der Rollstuhlfahrer mit den kleinen Kuschelschäfchen auf seinem Stetson hierher, der per Transparent vor den Machenschaft der US-Bundespolizei FBI warnt? Einer schwenkt eine Klobürste.

Irgendwie sind alle hier unzufrieden. Das ist der kleinste gemeinsame Nenner.

Transparent der Legida Demonstration in Leipzig (Foto: dpa)

Die Demonstration der Unzufriedenen

Ihr Demonstrationszug setzt sich schließlich in Bewegung. Symbolträchtig soll er sein. Hier in Leipzig, wo zum Niedergang der DDR Hunderttausende den Stadtring entlanggelaufen sind und "Wir sind das Volk!" gerufen haben. Sie skandieren es auch. Links und Rechts laufen Polizisten in Schutzkleidung. 4.000 sind aus dem ganzen Bundesgebiet zusammengezogen worden, um Legida und die Gegendemonstranten auseinanderzuhalten. Wer ist hier das Volk?

Aus den Fenstern hängen Transparente, die für Toleranz und Vielfalt werben. Mittelfinger werden den Bewohnern entgegen gereckt. Hinter den Absperrungen skandiert man auch "Wir sind das Volk!". Dort ist auf jeden Fall mehr davon. Eine Stunde dauert der Umzug. Fotografen werden angerempelt: "Lügenpresse!". Gegendemonstranten versuchen zu Legida durchzubrechen. Die Sicherheitskräfte behalten die Situation im Großen und Ganzen im Griff.

Legida-Demonstranten schwenken die deutsche Fahne (Foto: Reuters)

Legida-Demonstranten schwenken die deutsche Fahne

Es war nicht durchweg friedlich

Bereits vor der Demonstration hat es auf der Bahnstrecke zwischen Dresden und Leipzig zwei Brandanschläge gegeben. Die Fernzüge mussten Umwege nehmen. Außerdem gab es noch zwei Anschläge auf den City-Tunnel. Am Ende der Legida-Demonstration kommt es noch zu Handgreiflichkeiten. Gegendemonstranten werfen Böller, irgendwoher fliegen Flaschen. Der Polizei fällt es jetzt schwer, Legida-Anhänger und ihre Gegner zu trennen. Besonders vor dem Hauptbahnhof. Dann beruhigt sich Lage wieder.

Leipzig hat es für diesen Abend hinter sich. Es wird sich wiederholen. "Wir kommen wieder", haben die Veranstalter der Unzufriedenen-Demo angekündigt. Es klang wie eine Drohung.