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Kultur

"Leipzig liest" - und wie!

Ernsthaft, bewegend und bisweilen auch skurril: Das Lesefest der Leipziger Buchmesse zeigt, was Literatur alles sein kann. Auch dieses Jahr zieht es Tausende Menschen an, es werden Preise verliehen und Kontakte geknüpft.

Eigentlich müsste man sich zweiteilen. Mindestens. Bei 2800 Veranstaltungen in nur vier Tagen verpasst man zwangsweise viele Lesungen, Diskussionen oder Vorträge, die man ganz bestimmt interessant gefunden hätte. "Leipzig liest" ist das größte Lesefest in Europa - damit zumindest werben die Veranstalter auf den Plakaten, die in der Stadt hängen. "Das Einmalige ist, dass eine Halbmillionen-Stadt komplette vier Tage in Literatur eingebunden wird", sagt Oliver Zille, der Direktor der Leipziger Buchmesse. Ob Oper, Kirche, Buchhandlung oder Kneipe - überall wird in diesen Tagen gelesen und performed. Insgesamt finden sich 365 Leseorte in der Stadt. "In der Dichte gibt es das nirgends in der Welt", so Zille im Gespräch mit der DW.

Vier Tage für das Publikum

Kriminacht in der Trauerhalle auf dem Südfriedhof im Rahmen des Lesefests Leipzig liest der Leipziger Buchmesse, März 2013 (Foto: DW/P. Lambeck)

Spannend: Krimis in der Trauerhalle

Messe und Lesefest gehören in Leipzig eng zusammen. Die Leipziger Messe ist als Publikumsmesse konzipiert - nur so hat sie sich neben ihrer großen Schwester, der Frankfurter Buchmesse, die jedes Jahr im Herbst stattfindet, behaupten können. Die Veranstaltungen von "Leipzig liest" finden tagsüber auf dem Messegelände statt, am Abend geht es dann an die verschiedenen Orte in der Stadt. Unter anderem auch auf den Friedhof: ein perfekter Ort für eine Krimi-Lesung. Das dachten sich die Verleger des Buchvolk-Verlages und luden ein zur "Langen Nacht der kurzen Krimis". Nicht direkt auf den Friedhof - das wäre angesichts der Minusgrade auch etwas kalt gewesen -, sondern in die Trauerhalle. Ein hoher Raum, der ein bisschen anmutet wie eine Kirche. Die Zuhörer saßen mucksmäuschenstill auf ihren Stühlen und lauschten versunken den Stimmen und Geschichten der sächsischen Autoren.

Wer es lieber wärmer hat, der war bei der "Wannenbuch"-Lesung in der Sauna richtig (Artikelbild). Hier ging es eher entspannt zu. Gut die Hälfte der Besucher saß im Bademantel da, die beiden Vorleser hockten in Badehose und Bikini in zwei antiken Badewannen. Wannenbücher sind Bücher aus Plastik, die man auch im Wasser lesen kann. Es handelt sich dabei um Kurzgeschichten auf acht Seiten, für die man ungefähr eine Viertelstunde braucht - genau so lange wie für ein Bad, bevor das Wasser kalt wird. Als Bilderbuch für Kinder gibt es so etwas schon lange, als Erwachsenenversion mit Text erst seit 2010. In dem Jahr haben die beiden Journalisten Jens Korch und Grit Strietzel den Verlag "Edition Wannenbuch" gegründet.

Preisverleihung Leipziger Buchpreis 2013 in der Glashalle der Messe, März 2013 (Foto: DW/P. Lambeck)

Festlich: Preisverleihung in der Glashalle der Leipziger Buchmesse

Literaturfest ohne Kurator

Leipzig liest" ist kein klassisches Literaturfestival. Es gibt keinen künstlerischen Leiter oder Kurator, der ein Programm festlegt, sondern es sind die Verlage, die das Programm gestalten. "Jeder Verlag, der an der Messe teilnimmt, kann auch am Lesefest 'Leipzig liest' teilnehmen", sagt Oliver Zille. Das mache die Vielfalt des Programms aus. Einer der Höhepunkte ist die Verleihung des Preises der Leipziger Buchmesse. Ein Preis, der - wie Zille sagt - vor acht Jahren ins Leben gerufen wurde, um einen Fokus zu setzen für das literarisch interessierte Publikum.

Dieses kommt aber auch noch an anderen Stellen auf seine Kosten, unter anderem bei der Langen Leipziger Lesenacht in der Moritzbastei, Leipzigs bekanntestem Kulturzentrum. Das Gebäude ist der letzte erhaltene Teil der alten Leipziger Stadtbefestigungsanlagen, der Grundstein wurde im 16. Jahrhundert gelegt. Es ist ein Ort mit Atmosphäre. Hier begeistert die Lyrikerin und Performancekünstlerin Nora Gomringer die Gäste mit unbeschreiblicher Energie und kühnem Wortwitz. "Ich werde etwas ganz Außergewöhnliches mit der Sprache machen..." beginnt sie. Und es stimmt. Das Publikum dankt es ihr wiederholt mit begeistertem Zwischenapplaus.

Nora Gomringer (links) liest in der Moritzbastei beim Lesefest Leipzig liest der Leipziger Buchmesse, März 2013 (Foto: DW/P. Lambeck)

Außergewöhnlich: Performance-Lyrikerin Nora Gomringer

Berühmte Namen und Gesichter

Prominente dürfen in Leipzig natürlich auch nicht fehlen. Besondere Aufmerksamkeit bekam Michail Gorbatschow, der letzte Präsident der Sowjetunion. Er stellte in der Leipziger Peterskirche seine Biographie "Alles zu seiner Zeit" vor. Schon eine Stunde vor der Veranstaltung standen die Leute draußen Schlange. Gorbatschow hatte ursprünglich noch weitere Termine auf der Messe, doch die musste er wegen Überanstrengung absagen, wie sein Verlag mitteilte. Die Zuschauer in den Messehallen waren enttäuscht, aber auch verständnisvoll. "Er kommt nicht", erklärte eine Dame ihrem Bekannten am Telefon. "Aber später ist hier noch der ungarische Schriftsteller Peter Esterházy. Das täte mich auch interessieren."

Viele Zuhörer hatte auch der israelische Schriftsteller Amos Oz. Er sprach über sein neues Buch "Unter Freunden". Ein Erzählband, der in einem fiktiven Kibbuz spielt. Geschichten, die von Hoffnung und Träumen handeln - und von Einsamkeit. "Es ist ein Buch über die großen und einfachen Dinge im Leben", so der Autor, "Liebe und Verlust, Verlangen, Einsamkeit und Tod - und das alles vor dem Hintergrund einer kollektiven Gesellschaft mit einer sehr starken und enthusiastischen Ideologie." Amos Oz selbst hat viele Jahre in einem Kibbuz gelebt. Er war als Teenager eingetreten, in einem Akt der Rebellion gegen seinen Vater, erzählt er in Leipzig.

Amos Oz stellt auf der Leipziger Buchmesse 2013 sein neues Buch Unter Freunden vor - Lesefest Leipzig liest der Leipziger Buchmesse, März 2013 (Foto: DW/P. Lambeck)

Publikumsmagnet: Der Schriftsteller Amos Oz

"Die Leute sollen hierher kommen und Dinge mitnehmen, von denen sie vorher nicht wussten, dass es sie gibt." Mit diesem Anspruch geht Buchmessedirektor Oliver Zille an seine Arbeit. Und das scheint zu funktionieren: Im vergangenen Jahr ging die Messe mit einem neuen Besucherrekord zu Ende. Er selbst ist übrigens kein Typ für Lesungen, gibt er zu. Er lese die Bücher lieber selbst, statt sie sich von den Autoren vorlesen zu lassen. Aber er als Leser und er als Messedirektor - das seien eben zwei verschiedene Personen.