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Fußball

Leihgeschäfte: Chance und Risiko

Die Besitzverhältnisse im Fußball sind ein dunkles Geheimnis. Im Trend liegt, junge Talente zu kaufen und sie dann einige Zeit auszuleihen, bevor sie bereit für das eigene Team sind. Doch was macht das mit den Spielern?

"Ganz generell fühlt man sich im Fußballgeschäft manchmal wie in einem modernen Menschenhandel", sagte Weltmeister Christoph Kramer vergangenen August in einem Interview mit dem "Spiegel" und sorgte damit für Aufsehen. Zwar revidierte Kramer seine Aussage später - und doch blieb sie hängen, auch weil etwas Wahres dran ist an den Worten des Spielers, der laut Vertrag Bayer Leverkusen "gehört", aber von der Werkself zunächst an den VfL Bochum und nun an Borussia Mönchengladbach ausgeliehen wurde.

Leihgeschäfte sind gängige Praxis im Profifußball. Im September 2014 hatte beispielsweise der FC Chelsea ganze 26 Spieler auf seiner Gehaltsliste stehen, die nicht bei den Londonern ihrer Arbeit nachgingen, sondern quer über den Kontinent an andere Vereine ausgeliehen waren, um dort Spielpraxis zu sammeln. In Deutschland verfährt Bayern München ähnlich, auch wenn Sportdirektor Michael Reschke kürzlich behauptete: "Hinter unseren Ausleihgeschäften steckt nicht dasselbe Prinzip wie beim FC Chelsea."

Hojbjerg, Kurt und Kimmich

Pierre-Emile Höjbjerg im Training beim FC Augsburg (Foto: dpa)

Pierre-Emile Höjbjerg: Talent, Bankdrücker, Leihgabe...und dann?

Beispiel Pierre Emile Hojbjerg: Im Falle des Dänen, der im Winter an den FC Augsburg verliehen wurde, spielten vor allem die Wünsche des Spielers eine Rolle. In München fristete er trotz seines unbestrittenen Talents ein Leben als Bankdrücker. Trotzdem, wenn die Bayern von sich selbst nicht als einem "Leih-Verein" sprechen möchten, dann birgt das einen gewissen Widerspruch.

Mit Sinan Kurt (zuvor Borussia Mönchengladbach) und Joshua Kimmich (vom VfB Stuttgart) schnappten die Bayern in den vergangenen Monaten bei zwei umworbenen Talenten zu, bevor die Konkurrenz die Gelegenheit dazu hatte. Das Interesse der Bayern und der Wechsel nach München unterstreichen das außergewöhnliche Talent der beiden Nachwuchsspieler. Gleichzeitig zeigen die Bayern, dass sie die Zukunft ihrer Mannschaft von langer Hand planen.

Großer Sprung zu Bayern

Kimmich ist 19 Jahre jung und kommt sowohl als Ausnahmespieler der U19-Europameister-Mannschaft als auch als ein Wunschspieler Pep Guardiolas von RB Leipzig zu den Bayern. Dorthin war er von seinem eigentlichen Verein, dem VfB Stuttgart ausgeliehen. Rund sieben Millionen sollen die Bayern sich die Dienste des Youngsters haben kosten lassen. Dennoch wird Kimmich wohl zunächst nicht im Bayern-Kader auftauchen, sondern ist aufgrund seines jungen Alters Kandidat für eine weitere Ausleihe.

Bastian Schweinsteiger, David Alaba, Mitchell Weiser und Julian Green (v.l.) (Foto: dpa)

Feiern mit den Großen: Die Talente Mitchell Weiser (2.v.r.) und Julian Green (r.) mit Bastian Schweinsteiger (l.) und David Alaba (2.v.l.)

Kimmich ist eines von vielen Talenten, das früh den Sprung zu den Bayern wagt und sich nun im harten Umfeld zwischen Weltmeistern und Nationalspielern beweisen muss. In der jüngeren Vergangenheit gab es einige Beispiele, bei denen der Wechsel misslang. Gleichzeitig stellt sich auch nicht jedes Ausleihgeschäft als Gewinn für den entliehenen Spieler oder den ausleihenden Klub dar. Jan Kirchhoff kam vom FSV Mainz 05 zu den Bayern, setzte sich nicht durch und wurde an den FC Schalke verliehen, wo er lange verletzt war und nicht regelmäßig spielte. Die Kaufoption für rund sechs Millionen Euro ließen die Schalker verstreichen. Julian Green, ein Spieler aus der Bayernjugend, ging auf Leihbasis zum Hamburger SV und bekam dort im Abstiegskampf ebenfalls kaum Einsatzzeit. Mitchell Weiser, der zwischenzeitlich an den 1. FC Kaiserslautern in die 2. Bundesliga ausgeliehen war, ist zurück in München, kommt dort aber so gut wie nie zum Einsatz.

Gegenbeispiele für gelungene Ausleihgeschäfte, bei denen sich der Spieler weiterentwickelte und anschließend nahtlos als Verstärkung in den Bayernkader zurückkehrte, sind Toni Kroos (Bayer Leverkusen), Philipp Lahm (VfB Stuttgart) und David Alaba (TSG Hoffenheim).

Eine Spielergeneration mit Ausleih-Fluch

Heribert Bruchhagen (Foto: dpa)

Heribert Bruchhagen

"Die Bayern, Leverkusen, Hoffenheim und Leipzig sichern sich jedes Talent. Aber wo sollen die denn spielen?" klagte Heribert Bruchhagen, der Vorstandschef von Eintracht Frankfurt kürzlich und kritisierte: "Sie haben alle Berater, die es jedoch oft versäumen, zu beachten, wo ihr Junge im Übergang die besten Karten hat." Dennoch setzen viele Spieler darauf, es eher im Rahmen einer Ausleihe bei einem anderen Klub zu versuchen, statt sich beim Stammverein durchzubeißen, auch wenn das beinhaltet, eine Zeit lang nur auf der Bank zu sitzen.

Im modernen Fußball wird das wahre Können gerne überhöht, eine gesunde Entwicklung des Spielers dabei aber aus den Augen verloren. Zusammen mit der Gefahr einer schweren Verletzung und den immer kleiner werdenden Möglichkeiten für junge Spieler, kann eine falsche Entscheidung bei einem Leihgeschäft schnell dafür sorgen, dass ein großes Talent einige Zeit später nur noch irgendein Fußballspieler unter vielen ist.

Wünschenswert wäre es, dass die Vereine, ihre Manager und die Berater nicht vergessen, dass es sich bei den Spielern - abseits ihres Wertes als Fußballer - immer noch um junge Menschen handelt. Neben dem Bedürfnis, möglichst oft auf hohem Niveau Fußball zu spielen, haben sie auch den Wunsch, irgendwo hinzugehören, und nicht jedes halbe Jahr zu einem anderen Klub in einer anderen Stadt verpflanzt zu werden. "Menschenhandel" ist - um den von Christoph Kramer möglicherweise unbedacht gebrauchten Ausdruck noch einmal zu bemühen - sicher ein zu hartes Wort. Ein reines "Wellness-Paket" ist das Ausleihgeschäft im Profifußball aber mit Sicherheit auch nicht.