1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Wirtschaft

Leider nur eine Momentaufnahme

Die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland ist erstmals seit November 1992 unter die Drei-Millionen-Marke gesunken. Kein Grund zur Freude, meint Rolf Wenkel. Das dicke Ende kommt noch.

Themenbild Kommentar Grafik Symbolbild

Grafik für Kommentar oder Fernschreiber-Kolumne, August 2004

Eine schöne Momentaufnahme liefern uns die Arbeitsmarkt-Statistiker für den Monat Oktober: Erstmals seit 16 Jahren ist die Zahl der Arbeitslosen unter die symbolträchtige Marke von drei Millionen gesunken. Doch alle Fachleute sagen voraus: Dies wird für lange Zeit die letzte positive Überraschung sein, die vom Arbeitsmarkt zu erwarten ist.

Denn dieser Arbeitsmarkt ist ein so genannter nachlaufender Indikator, der erst mit mehreren Monaten Verspätung auf konjunkturelle Veränderungen reagiert. Alle Welt spricht davon, dass die Finanzkrise auf die Realwirtschaft überschwappen wird, die Wirtschaftsforschungsinstitute und der Wirtschaftsminister haben ihre Wachstumsprognosen drastisch nach unten korrigiert – das kann und wird nicht ohne Folgen bleiben für den Arbeitsmarkt.

Mit dem Rücken zur Wand

Die Frage ist nur, wie tief der Fall sein wird. Im günstigsten Fall kommt der beeindruckende Beschäftigungsaufbau der vergangenen Jahre lediglich zum Stillstand und die Zahl der Arbeitslosen stagniert. Im schlimmsten Fall wird Kurzarbeit, wie sie jetzt schon in der Automobilindustrie angesagt ist, schon bald nicht mehr ausreichen. Wenn Unternehmen mit dem Rücken zur Wand stehen, werden sie Arbeitsplätze abbauen und die Zahl der Arbeitslosen wird wieder deutlich steigen.

Doch vieles spricht dafür, dass der deutsche Arbeitsmarkt diesmal besser gerüstet ist für ein Nachlassen der Weltkonjunktur als in früheren Zeiten, als jeder externe Schock auf dem Arbeitsmarkt einen höheren Sockel an Arbeitslosen hinterließ als zuvor. Denn die Arbeitsmarktreformen aus der Agenda 2010, so verhasst sie bei Gewerkschaften und Sozialpolitikern auch sein mögen, haben den deutschen Arbeitsmarkt deutlich robuster und flexibler gemacht – und für beeindruckende Erfolge gesorgt.

Fast eine Viertelmillion neuer Jobs sind seit 2004 entstanden, und das keineswegs nur im Billiglohnsektor. Von 2004 bis 2007 ist die Arbeitslosigkeit um 22 Prozent zurückgegangen, die Kosten der Arbeitslosigkeit für die öffentlichen Kassen sind im gleichen Zeitraum um knapp 25 Milliarden Euro oder 27 Prozent gesunken.

Umdenken der Unternehmer setzt ein

Hinzu kommt ein demographischer Faktor - Deutschland wird immer älter, aus den Schulen und Universitäten kommt immer weniger Nachwuchs. Allein in diesem Jahr drängten rund 80.000 Menschen weniger auf den Arbeitsmarkt als im Jahr zuvor - viele sind in Rente gegangen. Und im nächsten Jahr werden es vermutlich schon 130.000 Menschen sein, schätzt das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Das sind Zahlen, die den Arbeitsmarkt deutlich entlasten, auch wenn die Finanzkrise vielleicht härter auf die Realwirtschaft durchschlagen wird, als wir uns das heute vorstellen können.

Und noch ein Argument spricht dafür, dass die drohende Rezession dem Arbeitsmarkt nur einen leichten Dämpfer versetzen könnte. Der Fachkräftemangel hat nämlich viele Unternehmen zum Umdenken bewogen. Sie denken jetzt ähnlich wie es die mittelständisch geprägten Maschinenbauer schon lange tun. Die sind nämlich seit Jahrzehnten an extreme konjunkturelle Schwankungen in ihrer Branche gewöhnt und schleppen ihre Mitarbeiter in schlechten Zeiten durch, weil sie genau wissen, dass man sie in guten Zeiten wieder braucht. Wer voreilig entlässt, wird später Schwierigkeiten bekommen, weil gute Fachkräfte nur schwer und teuer zu bekommen sind.

Vielleicht ist das ja auch ein Modell für die Zukunft und für börsennotierte Unternehmen, wenn im Zuge der Aufräumarbeiten nach der Finanzkrise so unselige Dinge wie Shareholder Value und oder pure Denken in Quartalsergebnissen mal kritisch hinterfragt und ordentlich zurechtgestutzt werden. Schön wär's jedenfalls.