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Afrika

Leichtes Spiel für Kinderhändler in Mosambik

Mosambik ist eines der ärmsten Länder der Welt. Nicht einmal jedes zweite Kind schließt die Grundschule ab, viele müssen früh zum Lebensunterhalt beitragen. In dieser Situation haben Kinderhändler ein leichtes Spiel.

Kinder beim Essen im Magwaza Centre - dem Auffanglager für Opfer von Kinderhandel (Foto: DW)

Die Kinder bleiben durchschnittlich drei Monate im Auffanglager

Die 9-jährige Lina sitzt auf einer rostigen Schaukel, nur ihre Füße bewegen sich. Mit den Zehenspitzen zieht sie Kreise im rotbraunen Sandboden. Ein zierliches Mädchen mit kurz geschorenen Haaren und einem verschlissenen roten Pullover. Die spielenden Kinder um sich herum scheint sie nicht wahrzunehmen. Den Blick gesenkt, fast flüsternd, erzählt sie ihre Geschichte. "Eine Frau hat mich zu Hause abgeholt. Wann genau das war, weiß ich nicht. Es ist ziemlich lange her."

Wie eine Sklavin gehalten

Die Frau habe ihr erzählt, dass sie in Zukunft bei ihr wohnen werde, erinnert sich das Mädchen. "Dort musste ich ganz allein die Hausarbeit verrichten. Aber ich habe nicht alles geschafft, denn für manches bin ich noch zu klein und nicht kräftig genug." Das habe die Frau wütend gemacht. "Sie hat mich jeden Tag geschlagen. Irgendwann bin ich geflohen, einfach auf die Straße gerannt. Dort habe ich Polizisten gesehen, ihnen erzählt was passiert ist, und die haben mich dann hierhin gebracht."

Lina hebt kurz den Blick von ihren Füßen. Die Schaukel steht am Rande eines Grundstücks, das von einer hohen, bunt bemalten Mauer umgeben ist. Windschiefe Tore markieren ein Fußballfeld, aber nur an ein paar Stellen wächst Gras, Hühner scharren im Sand. Am Eingangstor sitzt ein Wachmann. Fenster und Türen der Gebäude sind vergittert – eine Kantine, Schlafräume mit Etagenbetten, ein Klohäuschen. Alles wirkt trotz der bunten Bemalung trostlos.

Kinderschmuggel nach Südafrika

Außenanlage des Auffanglager für Opfer von Kinderhandel in Mosambik (Foto: DW)

Die Kinder im Auffanglager kommen aus sehr armen, schwierigen Verhältnissen

Nur ein paar Meter von Lina entfernt, im Schatten unter einem großen Mangobaum, sitzen fünf Jungen mit einer Frau im Kreis. Die Jungs sind vor ein paar Tagen an der Grenze aufgegriffen worden, erzählt Lea Boaventura von der Kinderhilfsorganisation "terre des hommes", die dieses Auffanglager für Opfer von Kinderhandel gegründet hat. Etwa vierzig Kinder werden jeden Monat nur wenige Kilometer entfernt über die Grenze nach Südafrika geschmuggelt, schätzt die rundliche Frau. Offizielle Statistiken gibt es nicht, die Dunkelziffer ist groß. "Die Kinder kommen aus sehr armen, schwierigen Verhältnissen. Viele von ihnen wollen ihre Lebensbedingungen verbessern und ihren Eltern liegt natürlich auch daran. Daher hat jeder leichtes Spiel, der verspricht, die Kinder nach Südafrika mitzunehmen, damit sie dort zur Schule gehen oder arbeiten können."

Die Kinderhändler würden oftmals Nachbarn, Verwandte, in einigen Fällen sogar Lehrer vorschicken, erklärt Boaventura die Masche der Händler. "Meistens werden die Familien nicht bezahlt, im Gegenteil. Oft verlangen die Kinderhändler sogar Geld für den Transport, sie kassieren dann noch mal, wenn sie die Kinder verkaufen." Das Geschäft sei also extrem profitabel, rechnet sie vor. "Hinzu kommt, dass Täter in weiten Teilen des Landes noch immer nicht strafrechtlich verfolgt werden. Sie können also vollkommen frei operieren."

Trotz Gesetz hilflos

Zwar hat Mosambik, als erstes Land der Region, seit 2008 ein Gesetz gegen Kinderhandel, fügt Lea Boaventura mit einem tiefen Seufzer hinzu, bisher aber ist noch niemand verurteilt worden. Korruption ist verbreitet, die Grenze leicht mit etwas Schmiergeld auch ohne Papiere zu überqueren. Sie wendet sich wieder den fünf Jungen zu. Warum habt ihr denn versucht nach Südafrika zu kommen, fragt sie. In Südafrika kann man im Garten arbeiten, das Haus putzen oder auf die Kinder aufpassen, es gibt dort viele Jobs, sagt einer der Jungs selbstbewusst. Das hat ein Freund ihnen erzählt, der inzwischen selbst im reichen Nachbarland lebt.

Ob jemand sie begleitet habe, will Lea Boaventura weiter wissen. Nein, sagen die Jungs unisono. Es klingt wie miteinander abgesprochen. Einer von ihnen fügt noch hinzu: "Ich habe in Maputo Autos gewaschen und so ziemlich viel Geld verdient. Als ich genug beisammen hatte, bin ich in meinen Heimatort gefahren und habe die anderen gefragt, ob sie mit nach Südafrika kommen wollen. So haben wir uns auf den Weg gemacht."

Kinder werben Kinder

Schaukelnde Kinder vor dem Magwaza Centre in Mosambik (Foto: DW)

Nicht selten wollen die Eltern ihre Kinder erstmal nicht wieder aufnehmen

Lea Boaventura runzelt die Stirn. Das ist eine neue Masche der Kinderhändler, meint sie. Minderjährige werden rekrutiert, um andere Kinder anzuwerben. In Südafrika müssen sie dann wie Sklaven auf Farmen arbeiten, in Bordellen anschaffen oder sie werden zwangsverheiratet. Etwas mühsam erhebt sich die engagierte Kinderrechtlerin von ihrem roten Plastikstuhl, verabschiedet sich von den Jungs, geht ein paar Schritte in das Büro, das direkt neben dem Schlafraum liegt. Am Schreibtisch sitzt ein junger Mann in einem gestreiften, makellos gebügelten Hemd.

Schwierige Suche nach den Tätern

Isidro Alfonso Alberto ist Sozialarbeiter der Regierung. Zwölf Kinder lebten momentan hier, erzählt er, die meisten blieben rund drei Monate, bevor sie wieder zu Hause oder bei Verwandten untergebracht werden könnten. Zunächst sei es schwierig zu entscheiden, ob ein Fall von Kinderhandel vorliege, berichtet der Leiter des Auffanglagers. "Zuerst sprechen unsere Sozialarbeiter mit den Kindern, danach eine Psychologin. Sie werden in der Klinik auch körperlich untersucht. Die Kinder haben oft Angst zu erzählen, was mit ihnen passiert ist und es ist sehr schwierig herauszufinden, wer die Täter waren", so Alberto weiter. Sobald klar sei, woher das Kind komme, würde Kontakt zu den Familien hergestellt, erklärt er das Prozedere. "Doch immer wieder kommt es vor, dass die Eltern das Kind zunächst nicht wieder aufnehmen wollen. Wir behalten das Kind dann solange hier, bis wir eine Rückkehr verantworten können und überprüfen danach regelmäßig, ob es ihm gut geht."

Nachdenklich schaut der Sozialarbeiter aus dem offenen Fenster. Inzwischen haben sich die fünf Jungen um die Schaukel versammelt, Lina und ihre Freundin sitzen etwas abseits und schauen ihnen beim Spielen zu. Die 9-jährige ist einer der Problemfälle, erzählt Isidro Alfonso Alberto. Zurück nach Hause möchte sie nicht. Auch dort wurde sie geschlagen, vielleicht sogar sexuell missbraucht. Daher wird nun nach Verwandten gesucht, die Lina aufnehmen wollen. Ohne, dass sie dafür arbeiten muss.

Autorin: Leonie March

Redaktion: Stephanie Gebert