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Leichte Sprache statt Behördenkauderwelsch

Mit Übertragungen in einfaches Deutsch machen Bundesbehörden ihr Internetangebot verständlicher für Menschen mit Behinderungen – und alle anderen. Doch dafür sind Profis gefragt.

Leichte Sprache ist nicht einfach! Wer wüsste das besser als Andrea Tischner. Sie ist Übersetzerin und Referentin für Leichte Sprache. Leichte Sprache ist eine Übersetzung der Alltagssprache in besonders einfaches Deutsch. Das geht allerdings nicht Eins zu Eins, betont die studierte Sozialpädagogin. Man kann es durchaus mit einer Fremdsprache vergleichen. "Man versucht die Aussage und den Sinn eines Textes zu erfassen und entwirft ihn dann neu in leichter Sprache".

Leichte Sprache hat Regeln

Und das bedeutet: kurze Sätze, Bindestriche zwischen Wortteilen, kein Konjunktiv und keine Fremdwörter. Jeder Satz enthält nur eine Aussage. Begriffe werden erklärt oder mit Beispielen versehen und Bilder sind fester Bestandteil. "Deshalb sind Texte in leichter Sprache auch grundsätzlich länger als in schwerer Sprache", so Tischner.

Leichte Sprache ist nicht allein ein deutsches Phänomen. Es gibt sogar ein europäisches Logo für Texte in dieser Sprache. Die Niederlande und Schweden sind Deutschland dabei noch einen Schritt voraus. Das schwedische Zentrum für Leichte Sprache "Lättläst" macht eine eigene Zeitung und übersetzt Bücher, unter anderem Henning Mankells Bestseller-Krimis. Das Angebot richtet sich auch an Sprachlerner.

Bürokratendeutsch verständlich machen

Claudia Wessels blättert am Donnerstag (01.09.2005) in ihrem Büro in Bremen Walle im Wörterbuch für Leichte Sprache. Die 32-jährige ist gemeinsam mit ihrer 36-jährigen Kollegin Petra Schneider hauptberufliche Übersetzerin des Büros für leichte Sprache der Lebenshilfe in Bremen. Die beiden Pädagoginnen wissen, worauf es ankommt: Leichte Sprache zeichnet sich durch klare Strukturen aus. Deshalb teilen sie Bandwurmsätze in einzelne kurze Aussagen, die meist in eine Zeile passen. Fremdwörter werden durch Alltagssprache ersetzt. Foto: Carmen Jaspersen dpa/lni (zu KORR: Büro für Leichte Sprache macht aus Fach-Chinesisch einfaches Deutsch vom 01.09.2005) +++(c) dpa - Report+++

Wörterbuch für leichte Sprache

In Deutschland gibt es Texte in Leichter Sprache seit rund zehn Jahren. Allerdings ist das in der Öffentlichkeit noch wenig bekannt. Das könnte sich jetzt ändern. Seit dem vergangenen Herbst gilt in Deutschland eine Verordnung, die den barrierefreien Zugang zum Internetauftritt der Bundesbehörden regelt. Grundlagen dafür sind das Behindertengleichstellungsgesetz und die UN-Behindertenrechtskonvention, die auch Deutschland unterzeichnet hat. Etliche der Seiten etwa von Ministerien müssen demnach zusätzlich als Version in Leichter Sprache zur Verfügung stehen. Seitdem hat Andrea Tischner alle Hände voll zu tun. In ihrem Büro in Kassel sitzt sie zum Übersetzen. Ansonsten ist sie viel unterwegs, um Mitarbeiter von Ämtern oder Firmen in Leichter Sprache zu schulen. 

Etliches kommt jetzt in Bewegung, doch ohne Druck von unten wäre die Politik vermutlich noch nicht so weit: Schon 2006 haben sich über 20 Initiativen, Selbsthilfegruppen und Institutionen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz Im Netzwerk Leichte Sprache zusammengeschlossen. Andrea Tischner ist als erste Ansprechpartnerin auf der Internetseite aufgeführt.

Klar und deutlich für alle

Der jüngste parlamentarische Vorstoß trägt unter anderem ihre Übersetzerhandschrift. "Kultur für alle" heißt der Antrag, den die SPD Ende Januar in den Bundestag eingebracht hat und der Regeln für barrierefreie Kulturangebote fordert. Zum ersten Mal wird gleich eine Version in Leichter Sprache mitgeliefert. Und es dürfen sich durchaus alle angesprochen fühlen, denn von solchen Texten, meint Andrea Tischner, profitieren nicht nur Menschen mit Behinderungen. Auch diejenigen, für die Deutsch Fremdsprache ist, leiden unter Bürokratendeutsch, Fachchinesisch oder Juristenkauderwelsch. "Und nicht nur die", fügt Andrea Tischner lachend hinzu. "Wer jemals ratlos vor seiner Steuererklärung gesessen hat, weiß, was ich meine."

"Jeder Mensch kann Texte in Leichter Sprache besser verstehen", heißt es im Internetportal des Netzwerks Leichte Sprache. Und so können aus manchem vernebelnden Politiker-Deutsch plötzlich deutliche Sätze entstehen: "Diese Verträge und Gesetze sind sehr wichtig", so steht es in dem besagten SPD-Antrag, "Aber nicht alle Regeln darin sind gut. Und vieles steht auch nur auf dem Papier. Das heißt: Es wird nicht gemacht. Oder es wird nicht richtig gemacht. Oder es wird zu spät gemacht."

Autorin: Gabriela Schaaf
Redaktion: Jochen Kürten

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