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Bildung

Lehrer zweiter Klasse

In ganz Europa streiken Lehrer für höhere Gehälter. Doch in Deutschland wollen sie mehr: Endlich für gleichen Lohn unbefristet arbeiten. Damit angestellte Pädagogen nicht mehr Lehrer zweiter Klasse sind.

Vor acht Jahren wäre Yvonne dem Aufruf der Gewerkschaften zum Streik der angestellten Lehrer sicherlich gefolgt. Doch heute bleibt sie zuhause. Erleichtert, aber auch verärgert. Seit acht Jahren ist die 45-jährige Grundschullehrerin unbefristet angestellt, seit vier Jahren als Beamtin im Schuldienst sogar bestens abgesichert. "Mir geht's heute gut", sagt sie. "Aber ich bin enttäuscht und wütend, dass sich an der unsicheren Situation der angestellten Lehrer noch nichts verändert hat." Deshalb hat die Gewerkschaft Erziehung Wissenschaft auch in diesen Tagen wieder zu Streiks aufgerufen.

An 13 Grundschulen hat Yvonne unterrichtet. Jahrelang saß sie jeden Sommer auf dem Flur eines deutschen Arbeitsamtes, um sich arbeitslos zu melden - meistens nur für die Ferien, denn zu Schulbeginn fing sie wieder mit einem zehnmonatigen Vertrag bei einer neuen Grundschule an. "Diese ständigen Schulwechsel waren sehr belastend", erzählt sie. Immer ein neues Kollegium, immer wieder neue Kinder. Und dann die finanzielle Unsicherheit, denn bis das Geld vom Arbeitsamt oder das neue Gehalt auf ihrem Konto war, dauerte es manchmal Wochen.

Attraktivität des Lehrerberufs leidet

Einen Skandal nennt Ilse Schaad das, was Grundschullehrerin Yvonne viele Jahre lang erlebte und was viele Lehrer auch heute noch erleben. Das Vorstandsmitglied der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft hat selbst 27 Jahre lang als Gesamtschullehrerin gearbeitet - in Vollzeit, unbefristet und verbeamtet. "Wenn sich Deutschland unter den Lehrern weiterhin diese Zwei-Klassen-Gesellschaft leistet, fürchte ich um die Attraktivität des Lehrerberufs", sagt Schaad.

Streikende Lehrer in Berlin (Foto: dpa)

Lehrerwarnstreik in Berlin

Tatsächlich gibt es wohl in keinem anderen europäischen Land eine solche Ungleichbehandlung von Pädagogen. Rund 200.000 sind angestellte Lehrer, rund 640.000 Beamte. Wie Polizisten oder Richter haben sie als sogenannte "Staatsdiener" einen besonderen Status. Sie sind praktisch unkündbar und günstig privat krankenversichert, der Staat zahlt für ihre Pension. Auf diese Weise haben sie laut Schaad monatlich rund 500 bis 600 Euro mehr in der Tasche als ihre angestellten Kollegen. Und sie müssen nicht um ihren Job fürchten. Dagegen protestieren angestellte Lehrer immer wieder.

Kettenverträge: Ein seit Jahren bekanntes Problem

Auf den Beamtenstatus hoffen laut einer Umfrage der Vodafone-Stiftung gut zwei Drittel der Berufseinsteiger - und nehmen deshalb auch die Kettenverträge in Kauf. Betroffen davon sind allerdings nicht alle Berufseinsteiger. "Es kommt sehr darauf an, welches Fach in welchem Bundesland unterrichtet wird", erklärt Ilse Schaad. In manchen Bundesländern sei Sport ein Mangelfach, in anderen Latein oder Kunst.

Auch das Problem mit den befristeten Kettenverträgen stellt sich nicht überall gleich stark. In den Sommerferien melden sich vor allem in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Bayern und Hessen regelmäßig angestellte Lehrer arbeitslos. Bundesweit waren es im vergangenen Jahr 5400 Pädagogen. "Uns ärgert dabei sehr, dass die Bundesagentur für Arbeit schon vor 12 Jahren auf dieses Problem aufmerksam gemacht hat, aber nichts geschehen ist", sagt Ilse Schaad. Die Arbeitslosenversicherung sei nicht dazu da, Lehrer im Juli oder August zu bezahlen, weil die Bundesländer Geld sparen wollten.

Klaus Klemm (Foto: privat)

Bildungsforscher Klaus Klemm hält den Beamtenstatus bei Lehrern nicht mehr für zeitgemäß

Gute Chancen für Beamtenstatus

Schon lange fordern die Gewerkschaften unbefristete Arbeitsverträge und eine bessere Bezahlung für die angestellten Lehrer. Auf den Beamtenstatus für alle Lehrer aber wollen sich weder Gewerkschafter noch Bildungsexperten festlegen. "Er macht heute eigentlich keinen Sinn mehr", sagt der Essener Bildungsexperte Klaus Klemm. Doch aus diesem historisch gewachsenen Besoldungssystem auszusteigen, wäre sehr kompliziert. Deshalb rechnet Klemm nicht damit, dass Deutschland in den nächsten Jahren daran etwas ändern wird.

Dabei verdienen Lehrer in keinem anderen europäischen Land - mit Ausnahme der Schweiz - besser. Selbst in Finnland, das insgesamt deutlich mehr Geld in den Bildungsbereich investiert, bekommen Pädagogen laut Klemm nur 70 Prozent eines durchschnittlichen deutschen Lehrergehalts. Aus dem teuren Beamtensystem aussteigen wollen nur die Bundesländer Berlin und Sachsen.

In allen anderen Bundesländern können Lehrer weiterhin Beamte werden. Denn in den nächsten Jahren braucht man sie dringend. Viele deutsche Schulen werden zu Ganztagsschulen umgebaut und immer mehr behinderte Kinder in Regelschulen aufgenommen. Das erfordert mehr Personal. So können sich viele Lehramtsstudenten tatsächlich Hoffnung machen, dass sie nach ihrer Ausbildung den Weg in den sicheren Lehrerjob finden.

Weniger Respekt für deutsche Lehrer

Auch Ama Ntiedu-Duku ist optimistisch - nicht zuletzt, weil die 25-jährige Lehramtsstudentin einen Migrationshintergrund hat und genau diese Lehrer an deutschen Schulen sehr willkommen sind.

Ama Ntiedu-Duku (Foto: privat)

Studentin Ama Ntiedu-Duku wünscht sich mehr Achtung für Lehrer in Deutschland

"Mit meiner Biografie kann ich vielen Kindern aus Einwandererfamilien Mut machen", hofft Ama, die an der Universität Hildesheim Deutsch und Englisch studiert und deren Vater aus Ghana stammt. Den Lehrerberuf hat sie, so gibt Ama offen zu, auch deshalb gewählt, weil er in Deutschland besser bezahlt und sicherer ist als in anderen Ländern. "In Ghana unterrichten viele Lehrer Klassen mit 50 Schülern, sie verdienen nicht gut und sicher ist ihr Job auch nicht." Eins aber sei dort anders und das wünscht sich Ama auch in Deutschland: "In Afrika genießen Lehrer mehr Respekt."

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