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Welt

Lehren aus dem Absturz der MH17

Auf welcher Flugroute Ziele angeflogen werden, ist in erster Linie eine wirtschaftliche Frage. Aber Piloten können im Gefahrenfall auch eine eigene Route wählen. Setzt jetzt das große Umdenken ein?

Air France, British Airways, Singapore Airlines und einige andere Fluggesellschaften haben das Kriegsgebiet Ostukraine schon länger nicht mehr überflogen. Andere, wie die deutsche Lufthansa, haben ihre Flugrouten nach Asien erst jetzt geändert - nach dem Absturz der Boeing-777 der Malaysia Airlines, der vermutlich ein Abschuss war und bei dem knapp 300 Menschen starben.

Sie haben ihre Routen geändert, weil sie es mussten, der Luftraum über der Ostukraine ist inzwischen komplett gesperrt. Es ist ungewöhnlich, dass ein solch großes Gebiet von Passagiermaschinen nicht mehr überflogen werden darf, der allergrößte Teil des weltweiten Luftraumes ist frei.

Der Pilot hat das letzte Wort - oder?

Aber: Muss ein Gebiet - auch ein Kriegsgebiet - überflogen werden, nur weil es erlaubt ist? Für die Fluggesellschaften ist das eine Frage der Abwägung zwischen Sicherheit und Wirtschaftlichkeit. Der Journalist und Luftfahrtexperte Tim van Beveren glaubt, dass viele Airlines vermeidbare Risiken in Kauf nehmen, um Geld zu sparen. "In der Luftfahrt geht es leider immer sehr viel um den Faktor Geld", sagt er im Interview mit der Deutschen Welle.

Eine Karte der Flugroute des Fluges MH17 bis zum Absturz (Grafik: DW)

Die Maschine mit der Flugnummer MH17 war auf dem Weg nach Kuala Lumpur

Die Fluggesellschaften haben stets die Kosten im Blick, wollen ihre Maschinen auf dem kürzesten Weg von A nach B schicken. Aber hat die Flugzeugcrew dabei kein Mitspracherecht? Doch, meint van Beveren: "Als Pilot habe ich immer die Möglichkeit zu sagen: Ich akzeptiere eine Route über ein solches Krisengebiet nicht." Ken Thomas von der Europäischen Flugsicherung Eurocontrol bestätigt, dass der Pilot bei der Wahl der Route das letzte Wort hat.

Bei einem Unwetter oder einer anderen akuten Bedrohung stellt eine Entscheidung für ein Abweichen vom Kurs sicher kein Problem dar. Was aber, wenn der Pilot vor dem Flug zu seinem Arbeitgeber sagt "Über dieses Gebiet möchte ich nicht fliegen"? Dann, so Lufthansa-Pilot Jörg Handwerg, müsse man gegenüber seinem Chef gute Argumente haben, vor allem wenn die eigenen Kollegen oder andere Airlines die Strecke fliegen.

Luftraum ab 10.000 Meter war frei

Ob ein Luftraum sicher ist oder nicht, darüber entscheidet grundsätzlich der

Staat, zu dem der Luftraum gehört

. In diesem Fall hätte also die Ukraine den Luftraum für zivile Maschinen sperren müssen, wenn die ukrainische Regierung eine Gefahr gesehen hätte. Tatsächlich war der Luftraum schon vor dem Absturz bis zu einer Höhe von 10.000 Metern gesperrt, darüber war er frei.

Wegen der Kämpfe am Boden habe es eine Anweisung gegeben, die ostukrainischen Flughäfen nicht anzufliegen, erklärt Handwerg, der auch im Vorstand der

Pilotenvereinigung Cockpit ist

. "Eine Bedrohung bei einem Flug in einer Höhe von über 10.000 Metern war aber nicht erkennbar, zumal Passagiermaschinen bei solchen Konflikten keine Ziele sind."

Jörg Handwerg von der Pilotenvereinigung Cockpit vor einer Abflugtafel (Foto: Reuters)

Jörg Handwerg: Flugrouten künftig mehr hinterfragen

Seine Schlussfolgerung aus der Katastrophe: "Wir Piloten werden in Zukunft noch mehr hinterfragen, welche Lufträume und Flughäfen wir nutzen und welche wir meiden sollten." Die Vereinigung Cockpit lehne es grundsätzlich ab, dass zivile Maschinen über Kriegsgebiete fliegen. "Wenn es sich nicht vermeiden lässt, sollten die Flugzeuge Abwehrtechnik bekommen, wie wir sie von Militärmaschinen kennen", fordert der Lufthansa-Pilot.

Gefahr für weitere Maschinen und Regionen

Sorgen macht Handwerg auch noch etwas anderes: Dass jeder ganz einfach nachsehen kann, wo sich jedes beliebige Flugzeug gerade befindet, auf welcher Höhe es fliegt und mit welcher Geschwindigkeit. "Die Flugdaten werden völlig unverschlüsselt zum Boden geschickt. Wir liefern potenziellen Terroristen damit Informationen frei Haus und machen uns angreifbar."

Noch ist nicht endgültig klar, ob die Boeing-777 der Malaysia Airlines auf ihrem Weg von Amsterdam nach Kuala Lumpur tatsächlich abgeschossen wurde. Allerdings ist es

sehr wahrscheinlich

. Unwahrscheinlich ist indes, dass das gezielt passierte. Luftfahrtexperte van Beveren richtet aber den Blick auf ein anderes Land, das für Passagierflugzeuge gefährlich sein könnte: Israel. "Da gibt es jede Menge Flugverkehr. Auch dort wird gekämpft und es sind Waffensysteme im Einsatz, die Flugzeuge im Landeanflug erwischen können. Da ist es ein leichtes, ein ziviles Flugzeug zum Ziel zu machen."

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