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Wissen & Umwelt

Legt der Klimawandel eine Pause ein?

Tiefe Minusgrade in Westeuropa bis in den April hinein - ein schier endloser Winter. Und auch der globale Temperaturanstieg scheint sich zu verlangsamen. Abkühlung statt Klimaerwärmung?

Frühlings-Knotenblumen blühen im Schnee (Foto: picture-alliance/dpa)

Symbolbild - Sommerzeit Winterwetter

Nimmt man jeweils die Durchschnittstemperatur über fünf Jahre, ist in den vergangenen 15 Jahren eine Abflachung der globalen Temperaturkurve zu verzeichnen. "Im letzten Jahrzehnt war die neue Erwärmung eher gering", sagte Ed Hawkins von der britischen University of Reading im Gespräch mit der DW. Für Hawkins kommt die Entwicklung nicht ganz unerwartet. "Wir sind zuversichtlich, dass zwar der menschliche CO2-Austoß für einen großen Anteil der Erwärmung während der letzten 150 Jahre verantwortlich war. Wir gehen aber nicht davon aus, dass nun jedes Jahr wärmer sein wird als das letzte", so der britische Wissenschaftler. Auch in den 60er und 70er Jahren habe es Zeiten gegeben, wo die Temperaturen sogar abkühlten.

Die Temperaturabflachung könnte auf natürliche Schwankungen zurückzuführen sein, meint Hawkins. So passierten innerhalb bestimmter Zeitspannen Veränderungen im Ozean. Hawkins vermutet, dass die Erwärmung in den letzten Jahren im Laufe eines natürlichen Kreislaufs im tiefen Ozean absorbiert werde, sodass sie an der Oberfläche nicht zu messen ist.

Arbeiter schaufeln Kohle vor einem Kohlekraftwerk in China. (ddp images/AP Photo/Oded Balilty, File)

Länder wie China brauchen und produzieren zunehmend Energie - dabei entsteht Feinstaub, der die Erde kühlt

Als weiteren möglichen Grund nennt Hawkins die zunehmende Verbrennung von Kohle in Ländern wie China und Indien. Der dadurch entstehende Feinstaub in der Atmosphäre könnte die Erde kühlen, indem er Sonnenstrahlung wieder zurück ins All reflektiert. Noch könne man nicht sagen, ob die jetzige Abschwächung der Erwärmung zu den normalen Schwankungen gehöre oder nicht.

Kurzeitige Abweichungen haben keinen Aussagewert

Peter Lemke, Leiter des Fachbereichs Klimawissenschaften am deutschen Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) warnt davor, den kurzen Fünfjahresmittelwert als Messlatte für die Klimaentwicklung zu nehmen. "Für Klimaprozesse schaut man sich immer 30 Jahre-Perioden an", erklärte Lemke im Interview mit der DW. "Und für die letzten 30 Jahre gibt es einen deutlichen Trend nach oben." Bei einer kurzen Zeitspanne hänge die Entwicklung zu stark von einem einzelnen Jahr ab. So sei beispielsweise 1998 besonders heiß gewesen. Durch die Auswahl eines solch besonders heißen oder aber besonders kalten Ausgangspunktes könne man einen steigenden oder fallenden Trend nachweisen. Lemke betont, dass die Temperatur in den letzten 15 Jahren wohl angestiegen sei - sofern man sich nicht auf kurze Abschnitte verlässt: "2010 war das wärmste Jahr global gesehen, 2005 war nur unwesentlich weniger warm. Die Temperaturen sind seit 1978 nicht mehr in dem normalen Bereich gewesen, sondern deutlich erhöht", erklärt der Klimaexperte. Normal heißt im Vergleich zum Mittelwert eines Zeitraums von 30 Jahren.

Infografik: Die globale Temperaturentwicklung seit 1880. DW-Grafik: Peter Steinmetz Redakteurin: Dr. Irene Quaile-Kersken

Die Infografik zeigt: Längerfristig geht der Temperaturtrend nach oben

"Die Frage ist: Wie empfindlich ist unser Klimasystem gegenüber Störungen wie dem Anstieg des CO2 Gehalts?", fragt Lemke. "Was macht das Klimasystem damit bezüglich Niederschlag, Temperaturanstieg oder Eisschmelze? Das ist kompliziert."

Aber gerade darauf kommt es für diejenigen an, die sich auf die Klimaentwicklung vorbereiten und anpassen müssen. Unterschiedliche Modelle schätzen den Anstieg der Temperatur in den kommenden 100 Jahren auf etwa anderthalb bis sechs Grad. Der neue Bericht des Weltklimarats (IPCC), der 2014 veröffentlicht werden soll, wird das Problem der großen Bandbreite dieser Schätzungen aufgrund unterschiedlicher Klimamodelle voraussichtlich nicht lösen können, sagt Lemke. Die jetzige Verlangsamung der Erwärmung sei aber auf jeden Fall kein Grund zur Entwarnung.

Der britische Wissenschaftler Hawkins könnte sich vorstellen, dass der neue IPCC-Bericht zu der Annahme kommt, dass das Klima etwas weniger empfindlich auf den CO2-Anstieg reagiert als bisher gedacht. "Trotzdem gehen wir von einer großen Erwärmung in den kommenden Jahrzehnten aus. Wir werden aber unter Umständen etwas mehr Zeit haben", sagt Hawkins.

Klimaerwärmung = kalte Winter?

Die Kälteperiode, die in Westeuropa dem Eindruck einer Entwärmung entgegenwirken könnte, ist auf ein stabiles Hochdruckgebiet über Skandinavien zurückzuführen - also ein meteorologisches Phänomen, kein klimatisches. Global gesehen sei der Winter wärmer gewesen als normal, betont AWI-Klimachef Lemke.

"Das Interessante ist, dass einige Klimastudien zeigen, dass solch eine stabile Hochdrucklage über Skandinavien häufiger auftreten kann, wenn das Packeis in der Arktis im Sommer und Herbst vorher deutlich reduziert war", erklärt Lemke. "Diese Reduktion im Packeis wärmt den Ozean auf, er gibt nachher die Wärme im Herbst an die Atmosphäre ab, stört die normalen Zirkulationsmuster und sorgt dafür, dass das Hochdruckgebiet auftaucht und dass es etwas stabiler ist als sonst." Die Ausdehnung des arktischen Meereises erreichte 2012 ein Rekordtief. Das lang anhaltende kalte Frühlingswetter scheint die These von Vladimir Petoukhov vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung zu bestätigen. Bei der Veröffentlichung einer Klimastudie Ende 2010 erklärte der Wissenschaftler: "Harte Winter widersprechen nicht dem Bild globaler Erwärmung, sondern vervollständigen es eher."

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