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Kultur

Leerstehende Häuser vor Venedigs malerischer Kulisse

Das malerische Venedig schrumpft. Immer weniger Menschen wohnen in der malerischen Lagunenstadt Italiens. Experten drängen nun, den Prozess zu stoppen, damit Venedig nicht zur Kulisse für Touristen verkommt.

Gondoliere auf dem Canale Grande

Die romantische Atmosphäre lockt keine neuen Bewohner an

Das Vaporetto tuckert den Canale Grande hinunter, nimmt an den unterschiedlichen Haltepunkten Menschen an Bord, spuckt andere aus. Venedig im Frühherbst ist noch immer voller Touristen, die Stadt brummt, ist lebendig. Die Probleme Venedigs? Davon hat man gehört. Doch es scheint alles in Ordnung. Bis das Vaporetto auf der dem San Marco gegenüberliegenden Insel Guidecca hält.

Stadtsoziologe Thomas Krämer-Badoni hat soeben eine Studie über die Veränderungen Venedigs abgeschlossen und führt durch das Viertel: "Die Giudecca war ursprünglich der Industrieteil Venedigs, hier gab es Junghanns-Uhren, später Waffentechnologie. Diese Industrien gibt es nicht mehr, ein großer Arbeitsplatzverlust." Jetzt versuche die Gemeinde Wohnungsbau für die Mittelschichten zu subventionieren und Arbeitsmöglichkeiten aufzubauen, von kleinst-handwerkliche Fabriken bis zum Jachtbetrieb.

Weniger Venezianer

Touristenboote auf dem Canale Grande

Touristen kennt die Stadt viele. Neue Einwohner kommen jedoch nicht

Was kaum einer der Millionen Touristen, die jährlich Venedig besuchen, weiß: Die Stadt hat in den letzten 50 Jahren mehr als die Hälfte ihrer Einwohner verloren. Im Mittelalter lebten 120.000 Menschen in der heutigen Altstadt, 500 Jahre später, 1951, waren es nur 50.000 mehr. Dann begann die Einwohnerzahl dramatisch zu sinken. Sie liegt derzeit bei 62.000 Einwohnern. "Plus zehn Prozent, die nicht erfasst sind, aber noch in Venedig wohnen, weil sie keine Residenti sind," erklärt Krämer-Badoni.

Auf der Guidecca versucht die städtische Verwaltung gegenzusteuern. Doch wenn man die Klingelanlagen der Neubauten studiert, dann finden sich viele ausländische Namen - oder eben auch gar keine. Ein ganz anderes Bild bietet sich in der von Inseln übersäten Lagune: Auf der Insel Murano, dem Zentrum der venezianischen Glasproduktion, tummeln sich - wie auf der Hauptinsel - die Touristen. Auf anderen Eilanden herrscht Totenstille, rotten Kasernenanlagen oder Krankenhausbauten vor sich hin, erobert sich die Natur die Insel zurück.

Philipp Oswalt ist Projektmanager von "shrinking cities", ein deutsches Projekt, das sich nicht mit dem Wachstum der Metropolen, sondern mit deren Schrumpfungsprozessen beschäftigt. Er erzählt: "La Gracia war verbunden mit dem Krankenhaus hier, war für die Quarantäne der Kranken da und wurde 1980 aufgegeben. Die UN hat hier etwas entwickeln wollen, aber das ist nicht passiert. Es steht einfach leer und harrt der Dinge."

Abwanderung der Produktion

Die Insel La Gracia ist nur ein Beispiel. Auf anderen Laguneninseln versucht eine Hotelkette mit einem Nobel-Hotel Kunden anzuziehen, doch zwei Drittel der kleineren Inseln sind heute Brachland. Zum Niedergang trug nicht zuletzt die industrielle Entwicklung auf dem Festland bei, mit dem neuen Industriegebiet Porto Marghera, das seit 1919 entstanden ist. Die Produktion wanderte dorthin ab, mit ihr die Arbeitsplätze. In den 1960er Jahren entwickelte sich Porto Marghera zu einem der bedeutendsten Standorte der Petrochemie in Europa. Die Lagune wurde für große Containerschiffe ausgebaggert, der Hafen erweitert.

Krämer-Badoni weist zudem auf die katastrophalen Umweltfolgen hin: "Wenn Sie hier eine Weile sind, dann werden sie feststellen, die Luft ist dermaßen staubig, wie man es sonst kaum kennt. Das kommt alles von den Abgasen". Abwässer würden zudem illegal in die Lagune eingeleitet werden. Das sei schon seit Jahrzehnten verboten, jedes Jahr finde man dennoch neue Ableitungen. Ein weiteres Problem sei das Sinken der Stadt, weil sich die Sedimente verdichten und die Industrie am Lagunenrand Grundwasser entnommen habe. "Die Grundwasserentnahme hat dazu geführt, dass Venedig in den letzten 50 Jahren um etwa 12 Zentimeter gesunken ist".

Verlust von Infrastruktur

Überfluteter St. Markus Platz

Sie Stadt sinkt und damit steigt der Wasserspiegel. Regelmäßig wird Venedig nun überflutet

Jetzt plant die Stadtverwaltung, Teile des Industriegebiets Porto Marghera zu einem "Wissenschaftspark" zu transformieren, saubere High-Tech-Produktion anzusiedeln. Das Interesse der Investoren sei groß, behauptet ein Vertreter der Stadt. Doch selbst wenn der Transformationsprozess für das Industriegelände gelingen sollte, die Altstadt von Venedig wird dennoch kaum an Bevölkerung gewinnen. Zudem gebe es in Venedig keine Kinos mehr, die Schulen würden weniger und die Infrastruktur, die damit zusammenhängt, verändere sich, berichtet Oswalt von "Shrinking Cities". "Es gibt Leute, die sagen, Venedig wird so etwas wie zu einem Themenpark, der nachts abgeschlossen wird."

Es ist höchste Zeit, geeignete Maßnahmen zu ergreifen, den weiteren Ausbau der Lagunenstadt für den Tourismus zu bremsen, damit Venedig nicht eines Tages nur noch die Kulisse einer Stadt bietet, die in Wirklichkeit längst untergegangen ist.

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  • Datum 19.10.2006
  • Autorin/Autor Sigrid Hoff
  • Themenseiten Venedig
  • Schlagwörter Venedig
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  • Permalink http://p.dw.com/p/9GTk
  • Datum 19.10.2006
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