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Europa

Leere Wohncontainer stehen schon bereit

Die türkische Stadt Kilis bereitet sich darauf vor, Flüchtlinge aufzunehmen, die aus Griechenland zurückgeschickt werden. Schon jetzt leben hier mehr Syrer als türkische Einwohner. Aus Kilis berichtet Verica Spasovska.

In den Gassen von Kilis herrscht geschäftiges Treiben. Kleine Läden reihen sich in der Altstadt bunt aneinander: Kupferschmieden, Schneider, Frisöre. Die 19-jährige Zeinep aus Aleppo verkauft Damenunterwäsche und scheint sich mit der Situation arrangiert zu haben. Vor drei Jahren ist die Kurdin vor den Bomben in die türkische Grenzstadt geflohen.

Einwohnerzahl mehr als verdoppelt

"Das Leben hier ist eigentlich in Ordnung", sagt sie, "aber wenn ich nach Hause zurückkehren könnte, würde ich sofort den Boden küssen. Denn, wenn hier in Kilis Bomben aus Syrien einschlagen, dann machen Einheimische uns Flüchtlinge für den Terror verantwortlich. Und solche Anfeindungen tun weh." Erst vergangene Woche waren drei Raketen in Kilis eingeschlagen. Ein Kind und eine Frau kamen dabei ums Leben. Kilis ist nur zwanzig Kilometer von der syrischen Grenze entfernt. Hinter der Grenze herrscht der sogenannte "Islamische Staat" (IS).

Türkei Kilis Flüchtlinge Zeinep aus Aleppo

Zeinep: "Wenn ich nach Hause zurück kehren könnte, würde ich sofort den Boden küssen."

Seit dem Ausbruch des Bürgerkriegs in Syrien hat sich die Einwohnerzahl von Kilis mehr als verdoppelt. Neben den ursprünglich 100.000 türkischen Bewohnern beherbergt die Stadt inzwischen rund 130.000 Flüchtlinge. Viele sind bereits seit mehreren Jahren hier, manche erst seit ein paar Monaten. 45.000 von ihnen leben in einem Flüchtlingslager, die anderen haben private Unterkünfte gefunden.

Bürgermeister: Flüchtlinge sind unsere "Gäste"

Der Bürgermeister von Kilis, Hasan Kara, sagt über die Flüchtlinge, dass sie "Gäste" seien, mit denen die Einwohner alles teilten, was sie selbst haben. Das glaubt man ihm aufs Wort. Aber er gibt auch zu, dass es nicht einfach sei, so viele Menschen aus Syrien in der Stadt aufzunehmen. Dabei gehe es nicht nur um die Infrastruktur und die Wasserversorgung, die ursprünglich für die Hälfte der derzeitigen Bevölkerung ausgelegt war. Die syrischen Flüchtlinge unterschieden sich eben in vielerlei Hinsicht von den Türken, erzählt Kara.

Türkei Kilis Flüchtlinge Bürgermeister Hasan Kara

Der Bürgermeister von Kilis, Hasan Kara

So tragen die syrischen Frauen, auch kleine Mädchen, konsequent Kopftuch. Es sind auch viele Burkaträgerinnen zu sehen. Die Syrer sprechen kein Türkisch und in Kilis spricht man nicht Arabisch. Bezahlbarer Wohnraum ist knapp geworden, Arbeitsplätze auch und die türkischen Bürger von Kilis ärgern sich darüber, dass ihre zumeist arbeitslosen syrischen Nachbarn bis tief in die Nacht munter sind, während sie selbst früh morgens zur Arbeit müssen.

Zurück nach Hause - wenn es ginge

Was schwerer wiegt: Mit den syrischen Flüchtlingen kommen auch archaische Lebensweisen. Dass Mädchen und Jungen getrennt unterrichtet werden, darauf haben die syrischen Eltern im Lager bestanden. In der aufgeklärten Türkei ist das ungewohnt. Aber die Verwaltung von Kilis hat sich gefügt.

Türkei Kilis Flüchtlinge Kindergarten im Flüchtlingslager

Betreuung für die Keinsten: Kindergarten im Flüchtlingslager

Welchen Kraftakt die Stadt Kilis und ihre Bewohner bei der Aufnahme der Flüchtlinge leisten, wird in dem Lager deutlich, das die Stadt vor ihren Toren errichtet hat. Gleich hinter der Moschee reihen sich fein säuberlich helle Wohncontainer aneinander, markiert mit Straßennamen und Hausnummern. Wäsche flattert auf den Leinen. Eine alte Frau versucht, in rostigen Blechkübeln Kräuter zu ziehen. Ein Greis genießt die Frühjahrssonne. Die Kleinsten sitzen im Kindergarten und malen, mehr als zweitausend Kinder drücken die Schulbank, ein Sanitätszentrum gewährleistet die medizinische Versorgung, natürlich kostenlos, und im Supermarkt sind die Regale randvoll gefüllt. "Ja", meint ein grauhaariger Lehrer aus Aleppo: "Es ist gut hier, aber auch ein bisschen teuer." Wenn es ginge, würde er nach Hause zurückkehren.

Container für 10.000 weitere Flüchtlinge

Aber zurück nach Syrien, das ist zurzeit unmöglich. Wenn Flüchtlinge Kilis verlassen, erzählt Bürgermeister Kara, dann wollten sie fast ausnahmslos nach Deutschland. Von der Vereinbarung zwischen der Europäischen Union (EU) und der Türkei haben viele noch nichts gehört. Falls doch, dann hofften diejenigen, die trotzdem fort wollen, dass sich irgendwie noch eine Möglichkeit findet, nach Deutschland oder sonstwo nach Westeuropa zu kommen.

Türkei Kilis Flüchtlinge Schule im Flüchtlingslager

Getrennte Klassen für Mädchen und Jungen: Schule im Flüchtlingslager in Kilis

Derweil hat sich Kilis schon darauf vorbereitet, bis zu 10.000 weitere Flüchtlinge aufzunehmen. Am Rande der kleinen Flüchtlingsstadt steht eine ganz neu errichtete und noch unbewohnte Container-Kolonie bereit. Unter anderem für diejenigen, die demnächst aus Griechenland zurückgeschickt werden sollen. Zurück in die Türkei müssen alle Flüchtlinge, die seit dem 20. März in Griechenland ankommen und nicht glaubhaft darlegen können, dass sie in der Türkei verfolgt werden. "Die Vereinbarung mit der EU ist ja im Prinzip gut", meint Kara diplomatisch, "aber wenn der Krieg in Syrien nicht gestoppt wird, bringt sie gar nichts."

Die türkische Staatsbürgerschaft als Option

Wenn es nach ihm ginge, sollten die Flüchtlinge in Kilis bleiben. Weil sie von hier aus rasch wieder in ihre Heimat zurückkehren könnten, wenn der Krieg irgendwann einmal vorbei ist. Doch je länger dieser dauert, desto wahrscheinlicher ist es, dass viele der 2,7 Millionen syrischen Flüchtlinge, die die Türkei aufgenommen hat, für immer bleiben. Nach fünf Jahren können sie die türkische Staatsbürgerschaft annehmen. Dafür dürften sie Präsident Recep Tayyip Erdogan dankbar sein. Und er gewinnt neue Wähler, heißt es hinter vorgehaltener Hand.

Vielleicht ist die türkische Staatsbürgerschaft irgendwann auch für Zeinep eine Option. Jetzt würde sie sich nämlich gerne endlich verlieben, sagt sie. Und vielleicht wäre das dann auch für sie ein Grund zu bleiben. Nach Deutschland wolle sie ohnehin nicht so gerne. Denn dort seien die syrischen Flüchtlinge ja nicht so willkommen. Das habe sie im türkischen Fernsehen gehört.

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