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Kultur

Leere Moscheen im Iran: Die Suche nach einer neuen Identität

Der Schah von Persien brachte den Iranern westliche Moderne, Ayatollah Khomeini die islamische Tradition. Inzwischen ist die Religion zu einer bloßen Staatsideologie verkommen. Die Folge ist eine Abkehr vom Glauben.

Podiumsdiskussion in einem religiös anmutenden Raum

Der Iran diskutiert über das Verhältnis von Religion und Moderne

Das Universitätsgelände in Teheran an einem Freitag Mittag. Unter einem stählernen Dach werden lange Teppichbahnen ausgerollt, etwa 3000 Gläubige lauschen der Freitagspredigt. Die jedoch klingt weniger nach religiöser Rechtleitung als nach politischem Programm: Der Iran habe ein Recht auf Atomenergie, tönt der Redner und verurteilt den Irakfeldzug der USA. Saeed Leylaz, ein Wirtschaftsprofessor, betet lieber zu Hause. "Die Machthaber benutzen islamische Regeln als Instrument, um an der Macht zu bleiben", sagt Leylaz. "Ich glaube nicht, dass das iranische Regime ein religiöses Regime ist. Sie folgen eigenen Interessen statt islamischen Grundsätzen."

Drei Frauen spielen in einer Sporthalle Fußball

Frauenfußball - im Iran per Gesetz nur mit Kopftuch

Ausgerechnet in der islamischen Republik Iran leeren sich die Moscheen, während sie sich in den säkularen Regimen und Monarchien der arabischen Welt füllen. Indem die Ayatollahs im Namen des Islams Gelder veruntreuen, Bücher zensieren und Intellektuelle verhaften, nehmen sie den Menschen ihren Glauben. "Sie vertreiben die Religion aus dem Leben der Menschen", sagt Kambiz Tavana, Journalist bei Teherans größter Tageszeitung "Ham-Shahri". "In den letzten zehn Jahren hat sich die Entwicklung beschleunigt. Wenn jemand irgendetwas über Religion sagt, heißt es, 'ach hau doch ab mit deiner Religion. Wir haben ihre besten Vertreter an der Macht und schau dir an, was sie tun.'"

Wenn das der Islam ist…

Für viele Iraner, darunter auch islamische Gelehrte, liegt die Lösung in einer Trennung von Staat und Religion. Dadurch soll die ungesunde Verquickung von Machtpolitik und Geistlichkeit aufgelöst und so dem Islam wieder eine Chance eingeräumt werden. Doch die Machthaber bleiben taub für diesen Ansatz. Statt sich um die drängenden Probleme des Landes zu kümmern - Arbeitslosigkeit, fehlende Studienplätze und Korruption -, spiele Präsident Ahmadinejad den weltweiten Führer der Entrechteten, kritisiert die Computeringenieurin Bahareh. "Im Islam dreht sich alles um Fairness", sagt die 31-Jährige. "Deshalb erwartest du, dass deine islamische Regierung gerecht ist. Aber sie ist es nicht. Irgendwann denkst du schlecht von deiner Religion.' Wenn das der Islam ist, will ich keine Muslimin sein.' Und so verlieren wir unsere Religion."

Moschee in Teheran

Die Bürger wollen religiös sein, aber nicht unter Zwang

Bahareh hat sich ihren Glauben zurückerobert, indem sie sich intensiv mit dem Islam beschäftigt hat. Sie betet, fastet und trägt ihr Kopftuch aus Überzeugung, also auch außerhalb des Iran. Von staatlich verordneten Kleidervorschriften hält die berufstätige junge Frau nichts: "Niemand trägt hier ein richtiges Kopftuch. Die Frauen ziehen irgendetwas über, weil sie Angst vor der Polizei haben. Wenn du etwas tun musst ohne daran zu glauben, dann wirkt sich das auf dein ganzes Leben aus. In der Schule, an der Universität, bei der Arbeit - du musst ständig etwas vorspielen."

Party statt Predigt

Viele junge Menschen flüchteten sich in ein Privatleben voller Partys, Drogen und westlichem Styling, erzählt Bahareh. Die oft verzweifelte Suche nach persönlicher Freiheit und Spaß führe zu Egoismus und Oberflächlichkeit. "Wir haben alle zwei Gesichter", sagt Shahla Lahedji, vor 25 Jahren Irans erste Verlegerin, "eines nach außen und eines nach innen. Keiner weiß, welches das wahre Gesicht ist." Für Lahedji ist die iranische Gesellschaft krank: "Normalerweise bringst du deinen Kindern bei, nicht zu lügen. Aber hier sagen Eltern zu ihren Kindern, du musst lügen. Wenn dich jemand fragt, ob wir Satellitenfernsehen haben, sag nein. Wenn sie fragen, ob deine Eltern Alkohol trinken, sag nein."

Demonstration im Jahr 1979

Sie gingen gegen den Schah auf die Straße - für den Islam

"Die Jugendlichen hassen ihre Gesellschaft", sagt die 64-Jährige. "Sie hassen auch sich selbst. Sie hassen ihre Familie. Und sie fragen ihre Eltern vorwurfsvoll: Warum habt ihr diese Revolution gemacht?" Die Eltern sind Schuld an der Doppelmoral, denn sie waren es, die 1979 dem Imam Khomeini zujubelten. Fast alle Iraner beteiligten sich damals an der Islamischen Revolution. Es ging um einen freien, unabhängigen und selbstbewussten Iran. Heute fühlt sich Laheji von der Revolution verraten. Die Menschen wollten Freiheit und bekamen eine neue Form von Totalitarismus.

Umdenken erforderlich

Weil die religiösen Führer im Iran stets das letzte Wort haben, könnten sie politische Reformen jederzeit blockieren, erklärt Redakteur Tavana, der mehrere Monate in Berlin gelebt hat. Das System brauche keinen Druck von außen, sondern eine Erneuerung von innen. "Selbst intellektuelle, gebildete, westlich lebende Familien haben im Iran religiöse Überzeugungen und halten daran fest", sagt Tavana. "Der Islam ist Teil ihres Lebens, ihrer Tradition, ihrer Geschichte und Wurzeln." Deshalb würde ein Säkularismus nach europäischem Vorbild nicht zum Iran passen.

Die Islamische Republik Iran müsse Umdenken, meint Wirtschaftsprofessor Leylaz. Eine Religion zur Staatsideologie zu machen, bedeute ihren Tod. "Wenn wir Muslime sein wollen, sollte sich der Islam nicht in die Politik einmischen. Religion und Politik sind zwei verschiedene Sachen. Indem wir sie voneinander trennen, retten wir unsere Religion."

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