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Asien

Lederhosen und Blaskapelle? Das Deutschland-Bild in China

Wenn sie an Deutschland denken, fallen vielen Chinesen nur Bier und Autos ein. Das soll sich ändern: Mit einem aufwändigen Projekt rückt die Bundesregierung das Deutschlandbild im Reich der Mitte in eine neues Licht.

Foto: Ruth Kirchner / DW

Auf der grossen Bühne in Shenyang werden deutsche Traditionen erläutert

Aus riesigen Lautsprechern dröhnt die Musik über den Platz. Dort, wo sonst Rentner morgens in aller Stille ihre Tai Qi Übungen machen, wiegen sich tausende von jungen Leuten im Takt. Die chinesischen Polizisten hinter der Absperrung gucken nervös. So etwas hat es in Shenyang noch nie gegeben: Mitten in der Sechs-Millionen-Stadt, im Zhongshan Park, ein riesiges Open-Air-Festival. Jeden Abend Musik – mal punkig und laut, mal deutsch-romantisch wie bei der Kölner Pop-Band "Klee".

Mit lauten und leisen Tönen für Deutschland werben

Die Konzerte sind Teil der Veranstaltungsreihe "Deutschland und China gemeinsam in Bewegung". Das Projekt der Bundesregierung hat bereits 2007 im südchinesischen Nanjing begonnen und macht bis 2010 in insgesamt sechs Städten halt. Jüngste Station: die nordostchinesische Stadt Shenyang, die zehn Tage lang ganz im Zeichen Deutschlands steht. Jenseits der Klischees von Lederhosen, Bier und Blaskapelle will sich Deutschland in Shenyang als "Land der Ideen" vorstellen, als Land der Innovation, der grünen Technologie und der Zukunftsvisionen.

Über eine reine Image-Kampagne gehe das Projekt aber weit hinaus, betont Organisator Michael Kahn-Ackerman vom Goethe-Institut in Peking: "Wir stehen vor Aufgaben, die eine einzelne Nation, auch wenn sie so groß und so stark und so selbstbewusst ist wie die chinesische oder so hoch entwickelt und hoch technologisiert wie die deutsche, alleine nie werden lösen können", so Kahn-Ackermann . Die Botschaft sei daher einfach: "Lasst uns anfangen zu lernen, wie wir miteinander erfolgreich zusammenarbeiten."


Foto: Ruth Kirchner / DW

Besucher vor dem Stand von Daimler bestaunen den Smart

Eine millionenschwere Kampagne

Den Versuch, durch "Soft Power", also durch Ideen, Werte und Visionen in China zu punkten, lässt sich die Bundesrepublik einiges kosten. 2,3 Millionen Euro sind allein für die Veranstaltungsreihe in Shenyang geplant. Zwei Drittel der Gelder kommen aus öffentlichen Kassen. Den Rest schießen deutsche Großunternehmen dazu – und präsentieren im Gegenzug ihre Konzepte für eine grüne Zukunft; und ganz nebenbei ihre Produkte.

Während draußen die Popmusik wummert, wird im Siemens-Pavillion für Energiesparlampen geworben, bei Bosch für umweltfreundliche Waschmaschinen und bei BASF für Dämmstoffe. Die Werbung stehe nicht im Mittelpunkt, betonen die Veranstalter zwar immer wieder - doch vor dem Daimler-Pavillion, wo ein bunter Elektro-Smart die Besucher anlockt, freut sich ein junger Mitarbeiter dennoch über den Andrang. "Viele Leute wissen gar nicht, dass Mercedes-Benz von Daimler ist", sagt er. Da könne die Veranstaltung vielen Leuten schon ein bisschen auf die Sprünge helfen. Aber auch der Daimler-Mann versichert: "Es geht hier um Nachhaltigkeit, nicht um eine Verkaufsshow im herkömmlichen Sinne".


Klischees über deutsche Tugenden überwiegen noch

Foto: Ruth Kirchner / DW

Technik "made in Germany" in Shenyang

Besonders gut kommt bei den Besuchern an, was auch bislang schon als typisch deutsch galt. Vor dem Leierkastenmann drängen sich die Schulkinder; mit den Frauen in typischen Schwarzwälder Trachten lässt man sich gerne fotografieren.

Auch im Biergarten bei Bratwurst und Sauerkraut müssen die meisten Gäste nicht lange zögern bei der Frage, was ihnen zu Deutschland einfällt. "Autos", sagt ein Mann, der mit seinen Freunden an einem der langen Biertische sitzt. Alle nicken zustimmend. "Bier", sagt sein Nachbar – allgemeines Gelächter. Einem dritten fällt deutsche Technologie ein. "Die ist nicht schlecht."

Manche Besucher fragen sich aber auch, was die Diskussionsrunden zum ökologischen Bauen, zur nachhaltigen Industriepolitik oder zur Abfall-Kreislaufwirtschaft eigentlich mit ihrem Alltag zu tun haben. "Für uns einfache Leute ist das alles zu weit weg", sagt ein 44-jähriger Familienvater, der seine kleine Tochter mitgebracht hat. "Wir können wenig damit anfangen."


Was bleiben soll: Ein gutes Gefühl für Deutschland

Die Veranstalter hoffen, dass trotzdem etwas hängen bleibt von dem anderen, dem innovativen Deutschland – und der Idee des Kulturaustausches. Vielleicht, sagt Kahn-Ackermann, bleibt beim "nation branding" wenigstens ein positives Gefühl übrig. "Wenn die Leute hinterher Deutschland sympathischer finden, finde ich das nicht schlecht."

Eine Wohlfühlstimmung hat sich auf der Shenyanger Deutschland-Promenade mit Sicherheit verbreitet. In den frühen Abendstunden, wenn das Pop- und Rock-Program wieder losgeht, drängen sich vor der Hauptbühne hunderte, manchmal tausende von Besuchern. Musik umsonst und draußen – auch das ist Werbung für Deutschland.


Autorin: Ruth Kirchner
Redaktion: Peter Koppen