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Filme

Lederhose, Logik und die Vielfalt Deutschlands

In Taipeh wirken deutsche Filme exotisch. Auf einem Festival konnten Taiwans Kinogänger nun eine cineastische Entdeckungsreise unternehmen. Dabei stießen sie auch auf Deutschlandbilder abseits gängiger Klischees.

Daniel Brühl mit Honecker-Bild unterm Arm in Good Bye Lenin (AP Photo/X-Filme, HO)

"Good Bye Lenin" in Taiwan

Deutschland – das Land der Lederhosen und der Schweinshaxen. Kaltes Wetter, Heidelberg und schnelle Autos - das ungefähr sind die gängigen Klischees in Taiwan. 10.000 Kilometer entfernt, ist Deutschland für die meisten Menschen dort etwa so fremd wie Ostasien für uns. Doch über das Kino, über deutsche Filme, konnten die Menschen vor kurzem mehr erfahren über Deutschland und die Deutschen.

Normalerweise schafft es jedes Jahr nur eine Handvoll deutsche Filme nach Taiwan. Dann läuft in einem Programmkino in Taipeh zum Beispiel ein paar Wochen lang "Jerichow" von Christian Petzold oder "Vier Minuten" von Chris Kraus. Viel lieber sehen die Taiwaner Filme aus Hollywood und vielleicht noch aus ihren Nachbarländern Japan und Südkorea.

Ein großer Berliner Plüschbär auf der Straße in Taipeh, rundherum junges Publikum (Taipei Film Festival 2009)

Berliner Bär in Taipeh

Berlin in Taipeh

In diesem Sommer aber war deutsches Kino plötzlich fast allgegenwärtig. Plakate und Banner mit Szenenfotos aus deutschen Filmen schmückten die Einkaufsstraßen. Das Filmfestival Taipeh hatte begonnen, und es gab eine Sonderreihe zum Thema "Berlin". Mehr als 30 deutsche Filme waren im Programm.

Taiwaner wie der Ingenieur Zeng Hong standen Schlange, um an Karten zu kommen: "Deutschland ist für Taiwaner wie mich sehr weit weg", so der 33-Jährige. "Mein Deutschland-Bild ist noch immer geprägt durch die Hitlerzeit. Man sieht auch selten Berichte in den Medien. Aber dieses Jahr ist Deutschland das Festival-Thema. Und da bin ich neugierig geworden auf deutsche Kultur." Er hat sich extra einen Tag frei genommen, um den Eröffnungsfilm "Deutschland 09" zu sehen.

Ein Mann im Nachthemd mit Plakat auf dem steht: Das land ist aus den Fugen geraten (Berlinale 2009)

Zustandsbeschreibung von 13 Regisseuren: "Deutschland ´09"

Fassbinder & Co. als Zugpferde

Der Episodenfilm, in dem 13 Regisseure einen kritischen Blick auf das heutige Deutschland werfen, orientiert sich an "Deutschland im Herbst", einem der wichtigsten Werke des "Neues deutschen Films". Die siebziger und frühen achtziger Jahre verkörpern für viele filminteressierte Taiwaner noch immer das deutsche Kino schlechthin.

Hou Hsiao-Hsien ist der Festival-Präsident und weltweit anerkannter Altmeister unter Taiwans Regisseuren. Auch er erinnert sich sofort an die Namen aus dieser Zeit: "Fassbinder, Wim Wenders, Herzog – die waren im selben Alter wie wir jungen Regisseure in Taiwan. Wir haben ihre Arbeit sehr genau verfolgt, und wir fanden es spannend, wie sie es schafften, dass ihre Filme Teil der gesellschaftlichen Debatten wurden." Als Beispiel nennt der 62-Jährige die späten siebziger Jahre, als es darum ging, wie die deutsche Regierung auf den Terrorismus reagiert.

Das Kino als Kulturbotschafter

Aber die Taiwaner konnten auf dem Festival auch Filme wie "Alle Anderen" der jungen Regisseurin Maren Ade kennen lernen, der bei der Berlinale dieses Jahr den Silbernen Bären gewonnen hatte. Solche aktuellen Filme sollten bei der Kultur-Arbeit im Ausland einen festen Platz haben, meint Markus Wernhardt, der Leiter des Goethe-Instituts in Taipeh: "Film ist für uns das ideale Medium, um ein Stück Deutschland dreidimensional und plastisch nach Taiwan oder Ostasien zu bringen. Man erlebt die deutsche Realität in einem Film anders als in einem Stück Literatur oder über die Zeitung. Die Qualität des filmischen Mediums ist die Anschaulichkeit, so kann wirklich ein geballtes Stück Deutschland vermittelt werden."

Dichtbevölkerte Straßenszene in Taipeh, Filmfestivalbanderole darüber (Klaus Bardenhagen)

Festivalstimmung in Taipeh

Großes Interesse an deutschen Filmen

In den meisten Vorführungen in Taipeh saßen mehrere hundert Zuschauer - ein junges Publikum mit auffallend vielen Frauen, bemerkte Regisseur Wolfgang Becker, dem auch die Freundlichkeit der Taiwaner auffiel: "Wenn man auf der Straße jemanden anlächelt, kommt ein Lächeln zurück. Ich war mal auf einem Festival in Hongkong, da war die Atmosphäre ganz anders."

Tatsächlich freuen sich Taiwaner über jeden internationalen Kontakt, denn ihr Land wird von den meisten Staaten – darunter auch Deutschland – nicht offiziell anerkannt. Dabei hat Taiwan sich zu einer der freiesten und demokratischsten Gesellschaften Asiens entwickelt. Grund für die Isolation ist die Volksrepublik China, die Taiwan für sich beansprucht.

Historische Parallelen

Das Filmfest ist daher für die Menschen wie ein Fenster zur Welt. "In den vergangenen Jahren konnte ich hier Filme aus Irland, Japan und Israel sehen", sagt Ingenieur Zeng Hong. Dieses Jahr also Berlin. Der 20. Jahrestag des Mauerfalls war nicht der einzige Grund für den Programmschwerpunkt, so Festivalpräsident Hou Hsiao-Hsien. 1989 hatte er mit seinem Film "Die Stadt der Traurigkeit" den Goldenen Löwen des Festivals in Venedig gewonnen und ihn im folgenden Jahr bei der Berlinale gezeigt.

Wolfgang Becker mit Mikro zeigt Poster (Taipei Film Festival 2009)

Wolfgang Becker in Taiwan

"Das Kino war damals noch im Osten der Stadt", erinnert sich Hou. "Die Mauer war offen, aber sie stand noch." So, wie in den folgenden Jahren die Wiedervereinigung dem deutschen Film viele Themen und Geschichten beschert habe, könne die aktuelle Situation zwischen Taiwan und China den Regisseuren auf beiden Seiten künstlerische Impulse bringen. "Aktuell gibt es eine Annäherung", sagt Hou, "aber viele Probleme sind noch nicht geklärt."

Publikumserfolg "Good B ye Lenin"

Noch wartet Taiwan auf einen Film, der die China-Frage so behandelt wie etwa "Good Bye Lenin" den Mauerfall: "Meine Filme drehen sich um Menschen, nicht um politische Themen", sagt Regisseur Wolfgang Becker bei seinem Besuch des Festivals. Für den gelernten Historiker ist Kino kein geeignetes Mittel, um gesellschaftliche Debatten zu führen. "Es ist aber wunderbar geeignet, um am Beispiel von Menschen zu zeigen, wie der Wind der Geschichte durch ihr Wohnzimmer weht."

Wolfgang Becker wird mit weiblickem jugendlichen Fan fotografiert (Taipei Film Festival 2009)

Regisseur Becker mit Fan

Und so hatte "Good Bye Lenin" trotz seines spezifisch deutschen Themas auf Zuschauer in Taiwan eine ähnliche emotionale Wirkung wie in Deutschland. "Es wurde an den richtigen Stellen gelacht, und es war an den richtigen Stellen leise", sagte Becker nach der Vorführung. Gut fürs deutsche Image im Ausland ist sein Film offenbar auch: "Wir haben Deutschland immer für sehr hart und logisch gehalten", meinten die Taiwaner Cathy Tan und Max Liu. "Aber nach diesem Film glauben wir, dass es auch sehr poetisch und vielfältig sein kann. Das ist ein ganz neuer Eindruck."

Autor: Klaus Bardenhagen

Redaktion: Jochen Kürten

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