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Bücher

Lebensscherben & Liebesgeiz

Der deutsche Buchpreis hat in den fünf Jahren seines Bestehens dazu beigetragen, dass die deutsche Literatur auch international bekannter wird. Ausgezeichnet wird jeweils der beste deutschsprachige Roman des Jahres.

Die Jury des Deutschen Buchpreises 2009: Dr. Lothar Müller, Michael Lemling, Dr. Hubert Winkels, Prof. Dr. Martin Lüdke, Richard Kämmerlings, Iris Radisch, Dr. Daniela Strigl (v.l.n.r.) - Foto: Rainer Rüffer

Die Jury hat entschieden: Sechs Romane haben es auf die Shortlist geschafft.

Er gilt als das Prestigeprojekt der deutschen Literaturbranche - der deutsche Buchpreis. Eine Jury aus Kritikern und Buchhändlern hat sich Monate lang durch Berge von Literatur gelesen. Nach einer Vorauswahl haben es nun sechs Romane auf die begehrte Shortlist geschafft. Wer sich dann über 25.000 Euro Preisgeld und Traumauflagen freuen kann, wird sich am 12. Oktober zeigen. Dann wird der Preisträger zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse bekanntgegeben.

Schreckensbilder

Herta Müller (Foto: Carl Hanser Verlag)

Herta Müller

Herta Müller ist die Bekannteste unter den Nominierten und ihr Roman "Atemschaukel" sicher ein Favorit in diesem Jahr. Die vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin erzählt von den Schrecken eines sowjetischen Arbeitslagers für Rumäniendeutsche. Das Buch basiert auf Gesprächen mit ehemals Deportierten, allen voran mit dem Dichter Oskar Pastior. Er, wie auch Herta Müller, gehörten zur deutschen Minderheit in Rumänien an und wollten ursprünglich das Buch gemeinsam schreiben. Doch 2006 starb Oskar Pastior. "Atemschaukel" ist eine zarte Hommage an den Dichter und das politischste Buch auf der diesjährigen Shortlist.

Eifel-Blues

Norbert Scheuer (Foto: Elvira Scheuer)

Norbert Scheuer

Norbert Scheuer war bis jetzt eher einem kleinen Kreis von Lesern bekannt, obwohl er schon mehrere Romane und Erzählungen veröffentlicht hat. Sie alle sind verankert in der Eifel, der Heimat des Autors. So auch "Überm Rauschen". Ein Mann kehrt nach Jahren der Abwesenheit in seinen Heimatort zurück und blickt auf die Scherben seiner Familiengeschichte. Dagegen steht die fast magische Welt der Fische und ein Fluss, der Erinnerungen heranspült und dessen Rauschen all das Schreckliche übertönt.

Träume adé

Stephan Thome (Foto: Jürgen Bauer / SV)

Stephan Thome

Ebenfalls in die Provinz führt uns Stephan Thome mit seinem Debütroman "Grenzgang". Er erzählt von zerplatzten Träumen und nie gelebten Möglichkeiten von Menschen um die 40. Da ist der Wissenschaftler, der in der Großstadt gescheitert ist und nun in seinem oberhessischen Dorf ein tristes Leben als Studienrat führt. Oder eine Tänzerin, die als allein erziehende, überforderte Frau endet. Ihre Wege kreuzen sich beim titelgebenden "Grenzgang", einem dreitägigen Dorffest mit einer ungeahnten Anziehungskraft. Stephan Thome stammt selbst aus Hessen, lebt zur Zeit in Taipeh und wagt einen literarischen Blick auf seine Heimat.

Liebe in der Warteschleife

Rainer Merkel (Foto: Fischer Verlage)

Rainer Merkel

Um die Verortung von Erinnerung geht es auch in Rainer Merkels Roman "Lichtjahre entfernt". Ein Familientherapeut ist auf dem Weg zum Flughafen in New York. Er lässt die Ereignisse der letzten Jahre Revue passieren, erinnert sich an Affären, Abenteuer und seine wahre Liebe, die Lichtjahre entfernt zu sein scheint. Rainer Merkel, ein studierter Psychologe, lotet in seinem dritten Roman die Innenwelt eines Mannes aus, der sowohl mit Geld als auch mit Gefühlen geizt.

Der Körper – ein Gefängnis

Kathrin Schmidt (Foto: autorenarchiv.de)

Kathrin Schmidt

Das wohl persönlichste Buch der diesjährigen Shortlist ist "Du stirbst nicht" von Kathrin Schmidt, die vor allem durch ihre sprachgewaltigen Romane bekannt wurde. Von Hause aus Psychologin, hat sie sich immer auch für das Seelenleben ihrer Figuren interessiert. 2002 erlitt die Schriftstellerin im Alter von 44 Jahren eine Gehirnblutung und verlor die Fähigkeit, sich zu bewegen und zu sprechen. Ihr neuer Roman setzt an diesem Punkt an. Es geht um Grenzerfahrungen, den Verlust der Sprache und wie sich diese Ohnmacht körperlich manifestiert.

Düsteres Panoptikum

Clemens J. Setz (Foto: Residenz Verlag)

Clemens J. Setz

Der Grazer Autor Clemens J. Setz ist mit 27 Jahren der Jüngste unter den Nominierten und sein 700-Seiten-Roman "Die Frequenzen" der wohl ungewöhnlichste auf der Liste. Darin finden sich Briefe, Zeitungsmeldungen und eine Serie von Hunde-Monologen, die assoziativ einander anstoßen. In diesem Buch fangen Gemälde an zu sprechen, und Computer verlieren ihren Verstand. Mittendrin die Geschichte zweier junger Männer und die steirische Landeshauptstadt Graz – ein düsterer Ort voller Geheimnisse. Clemens J. Setz gewann 2008 bereits den Ernst-Willner-Preis beim Bachmann-Wettbewerb und ist der einzige Kandidat aus Österreich in diesem Jahr.


Geplatzte Lebensträume, persönliche Rückblicke, Geschichten aus der Provinz sind in diesem Jahr federführend. Historische Themen, politische Blickwinkel spielen eher eine Nebenrolle. Die Jury hat erstaunlich viele weitgehend unbekannte Autoren auf die Shortlist gesetzt, deren Literatur noch zu entdecken, aber nicht minder spannend ist.


Autorin: Aygül Cizmecioglu
Redaktion: Gabriela Schaaf

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