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Wissen & Umwelt

Lebensraum Plastikmüll

Plastikmüll im Meer ist schädlich für Vögel, Meeressäugetiere und viele Fische. Aber nicht alle Organismen leiden darunter. Der Meerwasserläufer nutzt den Müll sogar zur Eiablage.

Kunststoffe sind aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Plastikflaschen, Plastiktüten, Möbel, Elektrogeräte, Nahrungsmittelverpackungen, Baustoffe, Gewächshaus-Planen und vieles mehr umgibt uns. Vieles davon gelangt auf allen möglichen Wegen irgendwann ins Meer. Weil Plastik leichter ist als Wasser, schwimmt es dann herum - schätzungsweise 100 Gramm pro Quadratkilometer Ozean. Für alle Weltmeere entspricht das einer Menge von mehr als 40.000 Tonnen Plastikmüll. Schlecht ist das zum Beispiel für Wasservögel, Fische und Schildkröten. Sie fressen das Plastik aus Versehen und viele sterben daran, weil sie es nicht verdauen können.

Verottete Plastikflasche im Mittelmeer (Foto: DW)

Plastik wird von verschiedenen Organismen besiedelt

Aber es gibt auch einen Meeresbewohner, der sich das Plastik zu Nutze macht: Der Meerwasserläufer (lateinisch: Halobates sericeus). Wie seine Verwandten im Süßwasser lässt sich das etwa einen Zentimeter lange und schlanke Insekt von der Oberflächenspannung des Wassers tragen. So läuft er unbeschwert auf dem Wasser hin und her. Seine Eier legt er unter Wasser ab. Dazu braucht der Meerwasserläufer allerdings ein Substrat, also irgendein festes Treibgut, das sich zur Eiablage eignet.

Kunststoff ersetzt Holz

Das muss kein Plastik sein: Traditionell dienen dem Meerwasserläufer Algen, Holz oder der schwimmbare Rückenknochen von Tintenfischen, genannt Schulp, als Eiablage. "Ein ganz wichtiges Substrat ist auch Bimsgestein, das bei Vulkanausbrüchen frei wird und in seiner Charakteristik dem Plastik sehr ähnlich ist: Es ist anorganisch. Es kann nicht so einfach zersetzt werden und es ist ein ideales Substrat um Eier festzuheften," erklärt der Biologe Martin Thiel, der sich mit diesem besonderen Habitat beschäftigt. Holz sei als Substrat zum Beispiel in den früheren Jahrhunderten sehr viel wichtiger gewesen, als noch in großem Maße geschlagenes Holz zum Transport geflößt wurde.

Während Staustufen und Dämme seit der Industrieentwicklung des 20. Jahrhunderts fast das ganze Holz zurückhalten, hat der Plastikmüll dramatisch zugenommen. Heute gibt es davon fast hundertmal soviel wie noch in den 1970er Jahren. Forscher des Instituts für Ozeanographie an der La Jolla Universität in Kalifornien konnten nun nachweisen, dass der Meereswasserläufer seitdem viel mehr Platz für die Eiablage findet. Insbesondere in sogenannten Konvergenzzonen oder Frontgebieten, also dort wo verschiedene Strömungen zusammenlaufen, sammelt sich besonders viel Plastik an.

Fischereiabfälle im Spülsaum (Foto: picture alliance/ Hinrich Bäsern)

Fischerschnüre - gefährlich für Meeressäuger aber Lebensraum für Kleinorganismen

Zwar hat der Meerwasserläufer nun wieder genug Platz für seine Eier, das heißt aber noch nicht zwangsläufig, dass er sich jetzt auch unbegrenzt vermehren kann. Das Nahrungsangebot im nährstoffarmen Pazifik begrenzt sein Wachstum. Zudem steht der Meerwasserläufer in Konkurrenz zu anderen Bewohnern der Konvergenzzonen, denn dort geht es recht lebhaft zu. "Auf dem Treibgut gibt es eine ganz besondere Lebensgemeinschaft von Organismen, die sich an die Bedingungen angepasst haben," erläutert Thiel, der die Forschungsarbeit seiner kalifornischen Kollegen begutachtet hat.

Buntes Treiben im Müll

Jedes Stück Treibgut wird zuerst durch Algen besiedelt. Dann setzen sich andere Organismen fest, wie zum Beispiel Seepocken, die zwar Muscheln ähneln, aber in Wirklichkeit kleine Krebstiere sind. Als nächstes siedeln sich Räuber an. Neben dem Meerwasserläufer, der eigentlich eine Raubwanze ist, gehören auch Nacktschnecken dazu. "Es gibt auch Moostierchen und viele andere Organismen, die sich auf diesem Treibgut festsetzen. Das geht hin bis zu vielen kleinen Fischen, größere Fische bis hin zu Thunfischen," so Thiel.

Diesen Reichtum macht sich auch der Mensch zu nutze. So bestücken Fischereiflotten Flöße mit Satellitensendern und lassen sie los. Mit anderem Treibgut landen die Sender irgendwann in den fischreichen Konvergenzzonen. Dort machen dann die Fischer Jagd auf die Thunfische.

Diese Meeresschildkröte wurde tot an einem Strand in Spanien aufgefunden. Wahrscheinlich hat sie Plastikabfälle gefressen und ist daran gestorben (Foto: DW)

Wenn Schildkröten Plastik fressen, können sie daran sterben

Aber der Plastikmüll hat auch eine schlechte Seite: Durch das ständige Auf und Ab der Wellen und durch das aggressive UV-Licht der Sonne wird das Plastik in immer kleineres Stücke zerrieben, bis es mit dem bloßen Auge kaum noch zu erkennen ist. Das meiste Plastik in den Ozeanen ist mittlerweile solches Mikroplastik. Und sehr viel Plastikmüll ist schon in dem Moment mikroskopisch klein, wenn er ins Meer gelangt.

Unsichtbares Plastik

"Das meiste sind synthetische Fasern aus Textilien, Bestandteile von Reinigungsmitteln, Kosmetika und Katalysatoren in der chemischen Produktion. Auch der Abrieb von Autoreifen und allen möglichen Schleifprozessen wird mit dem Regenwasser in die Flüsse und ins Meer geschwemmt," erläutert Heinz-Dieter Franke, der auf Helgoland an der Biologischen Anstalt des Alfred-Wegener-Instituts arbeitet. Weil dieses Plastik aber für das menschliche Auge unsichtbar sei, habe die Öffentlichkeit das Problem sehr lange ignoriert.

Und je kleiner die Plastikpartikel sind, desto gefährlicher können sie auch für die Meeresbewohner sein, denn aus dem Plastikmüll entstehen Abbauprodukte, die im Wasser sehr langlebig existieren können. Und an der Oberfläche der Partikel können Giftstoffe aus der Umgebung angereichert werden. Kleine Partikel werden schnell verschluckt, von Magensäften zersetzt und gelangen so in andere Organe und in den Nahrungskreislauf. "Je stärker der Abbau der Plastikpartikel fortgeschritten ist, umso größer ist die Gefahr, dass solche Substanzen dann auch in den Stoffwechsel in den hormonellen Haushalt von Organismen eingreifen und dort größere Störungen verursachen," warnt Franke. 

Ein verdreckter Strand vor der Indischen Millionenmetropole Mumbai (ddp images/AP Photo/Rajesh Nirgude)

Städte wachsen rasant - der Müllstrudel im Ozean wird immer dichter

Obwohl das Phänomen des Plastikmülls im Ozean seit langem bekannt ist, weiß die Forschung noch sehr wenig darüber, was sich genau biologisch dort verändert, wo besonders viel Plastikmüll schwimmt. Auch über die Frage, welche Rolle Bakterien bei der weiteren Zersetzung der Plastikteile spielen, ist bisher kaum etwas bekannt. "Man muss bedenken dass dies ein Lebensraum ist, der sehr weit draußen auf dem Ozean und sehr, sehr schwer zu erforschen ist. Wir wissen sehr wenig über die Ökologie, dieses besonderen Lebensraumes", räumt der Biologe Thiel ein.

Sicher ist soviel: Einige Meeresbewohner profitieren von den Veränderungen, andere nicht. Eine mögliche Zunahme der Meerwasserläufer-Populationen könnte für kleine Fische, die sich von dessen Eiern ernähren, gut sein. Für größere Plankton-Organismen hingegen ist sie schlecht, denn der Meerwasserläufer frisst Plankton. "Es werden Stoff- und Energieflüsse umgelenkt", erläutert Franke. "Was das jetzt bedeutet, hängt natürlich stark von unserem jeweiligen Gesichtspunkt ab." So wäre es ja für Fischer nützlich, wenn dadurch bestimmte Fischpopulationen zunehmen. Aber dies sei  zu stark "durch die menschliche Brille" gesehen. Ob das gut oder schlecht ist, sei eigentlich kein wissenschaftliches Kriterium.