1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Politik & Gesellschaft

"Lebensqualität verbessern, nicht nur Lebenszeit gewinnen"

Helmut Hoffmann-Menzel, Oberarzt der Palliativstation des Bonner Malteser Krankenhauses, erklärt die Besonderheiten der Palliativmedizin. Er spricht über Entwicklungen und Erfolge, aber auch darüber, was noch zu tun ist.

Porträt Dr. Hoffmann-Menzel, Facharzt für Anästhesiologie, spezielle Schmerztherapie und Palliativmedizin, Oberarzt auf der Palliativstation des Malteser Krankenhauses Bonn (Foto/Copyright: MTG)

Der Palliativmediziner Dr. med. Helmut Hoffmann-Menzel vom Bonner Malteser Krankenhaus

Deutsche Welle: Herr Hoffmann-Menzel, Sie sind Facharzt für Anästhesiologie, spezielle Schmerztherapie und Palliativmedizin. Und Sie arbeiten als Oberarzt im Zentrum für Palliativmedizin des Malteser Krankenhauses Bonn. Was ist der Unterschied zwischen einer Palliativstation und einer normalen Station im Krankenhaus?

Helmut Hoffmann-Menzel: Es gibt mehrere Unterschiede. Ein ganz wesentlicher ist, dass auf einer Palliativstation Menschen mit einer Erkrankung behandelt werden, die in absehbarer Zeit zum Tode führt und deren ursächliche Behandlung nicht mehr im Vordergrund steht. Es hat vielmehr ein Therapieziel-Wechsel stattgefunden. Es geht nunmehr um die Behandlung von Krankheitssymptomen mit dem Ziel, Lebensqualität zu verbessern und nicht unbedingt, Lebenszeit zu gewinnen.

Was für Patienten befinden sich vorrangig auf Palliativstationen?

Es werden überwiegend - aber nicht nur - Tumorerkrankte behandelt. Auch Patienten mit weit vorangeschrittenen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Lebererkrankungen, Nierenerkrankungen, oder neurologischen Erkrankungen werden auf der Station betreut. Das sind die Unterschiede zu einer normalen Station, was die Patienten betrifft. Was das Personal und die Räumlichkeiten betrifft, wollen wir - obwohl wir Teil des Krankenhauses sind - den Krankenhauscharakter nicht im Vordergrund stehen lassen. Es wird Wert auf Wohnlichkeit, Privatsphäre und Persönliches für die Patienten und ihre Angehörige gelegt.

Wie sieht die Personalsituation aus?

Wir sind vom Personalschlüssel her in der Pflege deutlich besser ausgestattet als auf sonstigen Stationen im Krankenhaus. Wir haben einen Pflegeschlüssel von 1,2 Stellen pro Bett. Das entspricht der Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin. Im Hinblick auf die ärztliche Versorgung haben wir für diese Zehn-Betten-Station einen Stationsarzt, einen Oberarzt und natürlich für andere ärztliche Tätigkeiten weitere Kollegen, die alle die Weiterbildung zum Palliativmediziner abgeschlossen haben oder sie gerade erlangen.

Kritiker sagen, dass die Palliativmedizin in Deutschland noch sehr unterentwickelt sei. Wie sehen Sie das?

Es gibt sicher noch sehr viel zu tun. Die Versorgungslage ist - vor allem, wenn man die ländlichen Gebiete ansieht - noch sehr verbesserungswürdig. Hier im südlichen Nordrhein-Westfalen gibt es eine gute Versorgung und auch entsprechende Lehrstühle an den Universitäten Köln, Bonn und Aachen. Aber es gibt daneben auch hier noch Versorgungslücken. Das kann man so im Wesentlichen auf die gesamte Bundesrepublik übertragen. Im ländlichen Raum liegt das an den Entfernungen, an der Bevölkerungsstruktur und an der Ärztestruktur. Aber insgesamt hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten auch vieles entwickelt.

Und was ist bislang erreicht worden?

Seit den 1980er Jahren hat eine enorme Entwicklung stattgefunden und es sind mehr als 180 Palliativstationen entstanden. Zwar sind die angestrebten Versorgungskapazitäten längst noch nicht erreicht, aber bezüglich der stationären Versorgung in Palliativstationen und Hospizen hat eine erfreuliche Entwicklung stattgefunden. Und es haben sich viele Ärzte im Bereich Palliativmedizin weiterbilden lassen.

Sie haben hier am Malteser Krankenhaus Bonn eine große Akademie für Palliativmedizin. Mediziner, die im Studium gelernt haben, zu heilen, sollen dort Sterbebegleitung lernen. Was kann an der medizinischen Ausbildung verbessert werden?

Als ich Medizin studiert habe, das ist schon einige Jahre her, war Palliativmedizin im Studium nicht existent. Auch die Schmerztherapie war damals sehr, sehr unterrepräsentiert. Bezüglich der Schmerztherapie ist das heute im Prinzip leider immer noch so. Palliativmedizin aber ist seit 2009 als Pflichtfach für die Studierenden in die Approbationsordnung mit aufgenommen. Unsere Abteilung ist Teil des Lehrstuhls für Palliativmedizin der Universität Bonn und damit an der Ausbildung der Studenten beteiligt. Unser Chef, Professor Lukas Radbruch, ist Lehrstuhlinhaber. Wir gestalten die Seminare und Vorlesungen. Das heisst, die heutigen Studenten sind im Bereich Palliativmedizin viel besser ausgebildet als wir damals. Fachärzte können zudem in unserem Zentrum die Weiterbildung zum Palliativmediziner mit einer ganzjährigen Tätigkeit auf unserer Palliativstation und in Kursen, die unsere Akademie anbietet, abschließen. Sie erwerben dann nach einer Prüfung vor der Ärztekammer die Zusatzbezeichnung Palliativmedizin.

Wie steht es grundsätzlich um die Kenntnisse in Sachen Palliativmedizin unter den jetzt praktizierenden deutschen Ärzten?

Viele der jetzt tätigen Ärzte haben Palliativmedizin, so wie ich damals, im Studium nicht kennengelernt, weil es bis vor kurzem nur an wenigen Universitäten gelehrt wurde. Je nach Neigungen und Erfahrungen im beruflichen Leben legt auch jeder von uns andere Schwerpunkte. Manche orientieren sich eher operativ oder intensiv- und notfallmedizinisch. Manche aber sehen ihre Aufgabe vor allem in der Betreuung von Patienten, bei denen der ursprüngliche medizinische Ansatz - die Heilung - gar nicht mehr im Vordergrund steht, sondern die Begleitung in einer kritischen Lebensphase mit schlimmen Nachrichten, die Patienten und auch ihre Angehörigen verarbeiten müssen. Uns ist es ein Anliegen, diese Zeit mit den existentiellen Nöten für die Patienten und ihre Familien so gut zu begleiten, wie es geht. Das lernt man nicht im Studium, auch nicht in den Kursen, sondern das muss man leben. Vieles haben auch wir letztlich erst im Umgang mit und durch unsere Patienten gelernt.

Das Gespräch führte Daphne Grathwohl
Redaktion: Klaudia Prevezanos