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Wirtschaft

Lebensmittel-Spekulation in Zeiten der Dürre

Die Preise für Lebensmittel steigen wieder, die Angst vor einer neuen Krise wächst. Um die Preise nicht weiter anzuheizen, haben einige deutsche Banken die Spekulation auf Lebensmittel eingestellt.

Es kommt nicht oft vor, dass eine Bank von Entwicklungshelfern und Umweltschützern gelobt wird. Noch seltener ist es, dass das Lob der Bank dann peinlich ist. Die Commerzbank hat sich entschlossen, die Spekulation auf die Preisentwicklung von Grundnahrungsmitteln einzustellen. Dafür erhielt sie viel Applaus. "Am Handeln der Commerzbank sollten sich andere Häuser ein Beispiel nehmen", lobte etwa die Nichtregierungsorganisation Foodwatch.

Seit der Nahrungsmittelkrise 2008 stehen Finanzprodukte, mit denen auf Lebensmittelpreise spekuliert wird, stark in der Kritik. Der Vorwurf: Die Spekulation treibe die Preise in die Höhe und verschärfe weltweit den Hunger, weil sich arme Menschen kein Essen mehr leisten können.

Peinliches Lob?

Der Commerzbank selbst schien der ganze Rummel eher unangenehm zu sein. Jedenfalls war sie nicht bereit, mit der Deutschen Welle über ihre vermeintlich gute Tat zu reden. "Das Interesse der Commerzbank ist es offenbar, die eigenen Kunden, die weiter in diesem Feld Geld investieren wollen, nicht zu verprellen. Deshalb will sich die Bank nicht rühmen, dass sie ausgestiegen ist", vermutet Martin Rücker von Foodwatch gegenüber der DW. "Unser Interesse ist es dagegen, die Beispiele zu benennen, bei denen sich Banken aus Vorsorgegründen von einem Geschäftsfeld verabschieden."

Auch die Dekabank - die Fondstochter der deutschen Sparkassen - und die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) bieten inzwischen keine Geldanlagen auf der Basis von Grundnahrungsmitteln mehr an. "Damit reagieren wir auf die öffentliche Diskussion, inwieweit Investments in Nahrungsmittel ethisch vertretbar sind", teilte ein LBBW-Sprecher mit.

Dabei waren solche Geschäfte einträglich. Denn für viele Anlieger scheint es naheliegend, auf steigende Lebensmittelpreise zu wetten. Die Nachfrage steigt, weil die Weltbevölkerung wächst. Außerdem wird zunehmend Ackerfläche benötigt, um Pflanzen für die Produktion von Biokraftstoff anzubauen. Das soll der Umwelt helfen, verknappt aber gleichzeitig die Anbaufläche für Lebensmittel.

Händler an der weltgrößten Warenterminbörse in Chicago (Foto: AP Photo)

Händler an der weltgrößten Warenterminbörse in Chicago (Archivbild)

Ernteausfälle in den USA und Indien

Eine Dürre, wie jetzt in den USA, lässt die Preise dann noch weiter nach oben schießen. Soja ist seit Juni um 30 Prozent teurer geworden, Mais sogar um 50 Prozent. Für beide Produkte sind die USA das wichtigste Exportland. Auch in Indien gibt es wegen des schwachen Monsunregens Ernteausfälle. Je weniger geerntet wird, desto höher die Preise. "In den ärmsten Ländern der Welt müssen Menschen 80 Prozent oder mehr ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben", so Martin Rücker von Foodwatch. "Hier führt die kleinste Preissteigerung dazu, dass sich die Menschen ihre Nahrungsmittel nicht mehr leisten können."

Der Lebensmittelindex, den die Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen erstellt, lag im Juli höher als während der Ernährungskrise 2008. Damals war es in mehr als 30 Ländern zu Unruhen gekommen. Seitdem wird Banken und anderen Finanzinvestoren vorgeworfen, die Lebensmittelpreise durch Spekulation noch weiter nach oben zu treiben.

"Wir haben berechnet, dass etwa 15 Prozent der Preissteigerungen bei Lebensmitteln auf Spekulation zurückzuführen sind", sagt Rafael Schneider, Entwicklungsexperte der Welthungerhilfe. Die Hilfsorganisation hat die Zahlen mit Wissenschaftlern aus Bremen erstellt. Doch wie genau sich Spekulation auf die Preise auswirkt, ist in der Forschung sehr umstritten. Die Deutsche Bank konnte sich deshalb nicht dazu durchringen, aus der Nahrungsmittelspekulation auszusteigen. Sie kündigte im März lediglich an, in diesem Jahr keine neuen Anlageprodukte dieser Art anzubieten, bestehende werden jedoch weitergeführt.

Deutsche Bank prüft noch

Die genauen Zusammenhänge soll nun eine Arbeitsgruppe in Deutschlands größter Bank prüfen, eine Entscheidung wird Ende des Jahres erwartet. Martin Rücker von Foodwatch findet das inkonsequent. "Wenn man Zweifel hat, ob man mit seinen Produkten Schaden anrichtet - und wir sprechen hier ja von einem Schaden für Leib und Leben von Menschen - dann muss man aus Vorsorgegründen sagen: Schluss damit, bis nicht das Gegenteil bewiesen ist, also die Unschädlichkeit."

Auch die Deutsche Bank wollte für diesen Beitrag kein Interview geben. Sie teilte nur schriftlich mit, dass sie die Nahrungsmittelknappheit "mit Besorgnis" verfolge. Die hohen Lebensmittelpreise sind aus Sicht der Bank vor allem eine "Folge einer steigenden Nachfrage". Dafür seien unter anderem das Bevölkerungswachstum, sich verändernde Essgewohnheiten und die Produktion von Biokraftstoffen verantwortlich.

Andere Investoren scheinen diese Einschätzung zu teilen - und wetten weiter auf steigende Preise. An den großen Warenterminbörsen sind sie inzwischen in der Mehrheit. Nur 20 bis 25 Prozent der Termingeschäfte dienen wirklich der Absicherung von Preisen für Erzeuger, Händler und Abnehmer von Lebensmitteln. Das belegen Zahlen der Commodity Futures Trading Commission, einer Behörde, die die Terminmärkte in den USA reguliert. Der große Rest ist reine Spekulation.

Krisengipfel der G20

Als Lehre aus der letzten Nahrungsmittelkrise haben die 20 führenden Industrie- und Schwellenländer im letzten Jahr ein Krisenreaktionsforum gegründet. Frankreich, die derzeit vorsitzende Nation, hat bereits Gespräche über eine Krisensitzung Anfang September angekündigt.

"Dieser Krisengipfel muss sich vor allem darum kümmern, dass der Handel offen gehalten wird", sagt der Agrarökonom Joachim von Braun, Leiter des Zentrums für Entwicklungsforschung an der Universität Bonn. "Bei der letzten großen Preiskrise 2008 haben Länder massenhaft ihre Lebensmittelexporte gestoppt. Dann stieg der Hunger in den Ländern, die von Importen abhängig sind. Das darf nicht wieder passieren, deshalb ist ein politischer Dialog erforderlich."

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