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Haager Tribunal

Lebenslänglich für den "Schlächter vom Balkan"

Das Haager Tribunal befand den früheren Befehlshaber der bosnischen Serben Ratko Mladic in fast allen Punkten der Anklage für schuldig, darunter auch für den Völkermord in Srebrenica.

Die Anklageliste gegen General Ratko Mladic war lang und umfasste schwerste Verbrechen: Wegen Völkermords, schwerwiegender Verstöße gegen die Genfer Menschenrechtskonvention, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit wurde er vor dem Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) in Den Haag angeklagt. Zwischen April 1992 und Juli 1995 soll er mit seiner Armee der bosnischen Serben Städte und Dörfer in Bosnien-Herzegowina angegriffen, geplündert und zerstört haben. Tausende Tote, systematische Vertreibungen und Vergewaltigungen der nicht-serbischen Bevölkerung während des Krieges sollen auf sein Konto gehen.

Er wird außerdem für die dreijährige Belagerung und Bombardierung von Sarajevo verantwortlich gemacht. Und nicht zuletzt für die Vorbereitung und Durchführung des Völkermordes von Srebrenica im Juli 1995.

Auftakt zum Völkermord

"Schießt nur auf Menschenfleisch! Nur auf Menschenfleisch! Sie haben nichts, sie haben bloß ein paar einfache Gewehre, und das ist alles." Das befahl Ratko Mladic per Funkspruch seinen Soldaten bei der Erstürmung der damaligen UN-Schutzzone in Srebrenica. Und sie folgten ihm: 30.000 Bosniaken wurden in wenigen Tagen vor den Augen der holländischen Blauhelm-Soldaten aus ihren Häusern vertrieben, etwa 8.000 Jungen und Männer hingerichtet und in Massengräbern verscharrt. Das war das größte Massaker in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg.

Mann blickt Fahndungsplakate Radovan Karadzic und General Ratko Mladic in Sarajevo (picture-alliance/dpa)

Lange Zeit auf der Flucht: Fahndungsplakate von Radovan Karadzic und General Ratko Mladic

Auf dem Höhepunkt seiner Karriere war General-Oberst Ratko Mladic ein glühender Nationalist. Er selbst sah sich als Rächer der Serben für die Jahrhunderte lange Herrschaft der Türken auf dem Balkan. In den internationalen Medien nannte man ihn "den Schlächter vom Balkan".

Feldherr in Kroatien…

Seine Karriere begann er aber als überzeugter Kommunist. Der 1943 in Ostbosnien geborene Mladic war zwei Jahre alt, als sein Vater, einer der Partisanen Titos, von den faschistischen kroatischen Ustascha-Milizen getötet wurde. Später besuchte er die jugoslawische Militärakademie in Belgrad und absolvierte sie als Klassenbester.

Karadzic und Mladic Archiv 1993 in Pale (picture-alliance/dpa)

Gemeinsam im Krieg: Der Befehlshaber der bosnischen Serben, General Ratko Mladic (l), neben dem bosnischen Serbenführer Radovan Karadzic 1993

Zu Beginn des Kroatien-Krieges im Juni 1991, als sich die in Kroatien lebenden Serben gegen die Unabhängigkeit Kroatiens auflehnten, wurde Mladic als Oberst der jugoslawischen Armee Kommandeur des 9. Korps im kroatischen Knin. Seine Aufgabe: serbische Milizen zu organisieren und sie im Kampf gegen kroatische Unabhängigkeit zu unterstützen. Unter seinem Kommando wurden die Städte Sibenik und Zadar bombardiert und die kroatische Bevölkerung aus umliegenden Ortschaften vertrieben.

…und in Bosnien/Herzegowina

Im Mai 1992 übernahm er die gleiche Arbeit in Bosnien/Herzegowina: Inzwischen zum General aufgestiegen, wurde Mladic Kommandeur der bosnisch-serbischen Truppen und kämpfte dafür, eine Verbindung zwischen den von Serben gehaltenen Gebieten im Osten und Westen Bosniens zu schaffen. Persönlich befahl er die Belagerung und Bombardierung der Hauptstadt Sarajevo.

Dabei sollten, so sagte er stets öffentlich, immer nur militärische Ziele angegriffen werden. Ein während dieser Zeit aufgefangener Funkspruch verrät aber etwas anderes: "Ihr sollt die Gebäude des Präsidiums und des Parlamentes unter Beschuss halten" - Explosion - "Da gibt es nicht viele Serben. Wir werden sie (die Bosniaken) zerstören."

Gegner der internationalen Friedenspläne

Für viele internationale Beobachter wurde der untersetzte, bullige Mladic zum Inbegriff der Missachtung des Westens durch die Serben. "Grenzen werden immer mit Blut gezogen und Staaten mit Gräbern gezeichnet", so lautet ein ihm zugesprochener Ausspruch. Obwohl er offiziell dem politischen Führer der bosnischen Serben, Radovan Karadzic, untergeordnet war, hatte Ratko Mladic innerhalb der Führung der bosnischen Serben beträchtlichen Einfluss. Nie war er nur einfacher Soldat. So soll er etwa das bosnisch-serbische Parlament dazu gebracht haben, 1993 den Friedensplan der internationalen Vermittler David Owen und Cyrus Vance, abzulehnen.

Am 25. Juli 1995, noch vor der Unterzeichnung des Daytoner Friedensvertrages, wurde Mladic gemeinsam mit Karadzic vor dem Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag für Verbrechen in Bosnien/Herzegowina angeklagt. Ein Jahr später entließ die neue Präsidentin der Republika Srpska, Biljana Plavsic, Mladic als Generalstabschef. Er tauchte unter, offenbar mit Unterstützung von serbischen Politikern und der Armee. Besonders verstecken musste er sich nicht: Stets des Schutzes seiner Helfer sicher, wurde er mehrmals in Restaurants und Fußballstadien gesichtet.

Der Unbelehrbare

Im Mai 2011 wurde Mladic dann doch in Serbien verhaftet - der internationale Druck auf die damalige serbische Regierung wurde zu groß. Seit mehr als sechs Jahren sitzt Mladic nun in Den Haag. Dem 74-jährigen wird am Mittwoch in der ersten Instanz das Urteil gesprochen. 523 Tage dauerte der Prozess. Fast 600 Zeugen wurden angehört. Mladic hat stets seine Unschuld in allen Punkten der Anklage beteuert, die Anklagepunkte nannte er "widerwärtig" und das Haager Tribunal bezeichnete er als "satanisch". Die Staatsanwaltschaft forderte lebenslange Haft, die Verteidigung einen Freispruch. Nun wurde Mladic in der ersten Instanz zu der lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt.

Bosnien Srebrenica Trauer Opfer Massaker (Getty Images/M. Divizna)

Tödliche Bilanz - Beisetzung von Opfern von Srebrenica

Als er noch auf der Flucht war drohte Mladic seinen Verfolgern, er trage immer eine Giftpille bei sich. Lebend würde man ihn nicht fassen. Geschluckt hat er diese Pille nicht, und inzwischen hat er auch drei Schlaganfälle im Gefängnis überstanden. Seine Tochter dagegen erschoss sich noch vor Ende des Krieges 1994, weil sie die Verbrechen, die ihrem Vater in Kroatien und Bosnien-Herzegowina vorgeworfen werden, nicht mehr ertragen konnte - mit der Pistole, die er als bester Kadett seines Jahrgangs einst von der Militärakademie erhalten hatte.