Lebendes Fossil: Hat der Stör in der Donau eine Zukunft? | Wissen & Umwelt | DW | 24.05.2018
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Wissen & Umwelt

Lebendes Fossil: Hat der Stör in der Donau eine Zukunft?

Gefördert durch die EU, arbeiten Forscher, Aktivisten und Fischer an der Rettung des Störs in der Donau. In weniger als 100 Jahren haben wir seinen Bestand bedrohlich dezimiert. Ein Grund ist die Gier nach wildem Kaviar.

Es gab einmal eine Zeit, da durchkämmten gewaltige Knochenfische die Donau. Sie kamen vom Schwarzen Meer und schwammen den Fluss bis nach Wien hinauf und manchmal noch weiter. Groß wie Boote seien sie gewesen, heißt es in Überlieferungen. Man sagt, sie hätten als Vorlage für die Flussmonster gedient, die in einigen Märchen über Europas zweitlängsten Fluss bis heute erzählt werden.

So groß sind die heutigen Störe in der Donau nicht. Sie sind aber nicht weniger legendär. Diese Knochenfische gibt es in ähnlicher Form seit mindestens 200 Millionen Jahren. Damit gehören sie zu den Fischarten, die am längsten auf der Erde existieren. In dieser Zeit haben sie gewaltige geologische Umbrüche erlebt und extremen Klimaveränderungen getrotzt. Trotzdem hat es der Mensch geschafft, sie in den vergangenen 100 Jahren nahezu auszurotten.

Heute sind 85 Prozent aller Störe vom Aussterben bedroht. Das gilt auch für die 18 Störarten in Europa und Asien. In der Donau ist eine Art bereits ausgestorben und vier weitere stehen kurz davor.

Der Mensch hat mit Dämmen Wanderrouten abgeschnitten sowie einen Großteil ihrer Brut- und Jagdreviere trockengelegt. Den Rest erledigen Wilderer, die auf der Suche nach wildem Kaviar die wenigen verbliebenen Tiere töten.

"Es ist höchste Zeit, die Tiere zurückzubringen", sagt Thomas Friedrich der DW. Die Donau wäre ohne Störe nicht vollständig, ergänzt der Leiter des Life Sterlet Recovery Project in Wien.

Stör Jungfische in einem Glas (DW/Bob Berwyn)

In diesem Glas schwimmen frisch geschlüpfte Sterlete. Neu ausgesetzte Tiere, so hoffen deren Züchter, werden dem Überleben der Art in der Donau eine neue Chance geben

Seit sechs Jahren bemüht er sich, die Störe zu erhalten und zurückzubringen. Mit seiner Arbeit ist Friedrich Teil einer EU-Initiative namens LIFE for Danube Sturgeons. Die Europäische Union will damit auf 1500 Kilometern Flusslauf zwischen Deutschland und dem Schwarzen Meer die stark bedrohten Fische doch noch retten.

Träume von Stören

Wenn Friedrich durch seine Brutstation am Donauufer geht, die fast so groß ist wie ein Frachtcontainer, sieht er eine glänzendere Zukunft für die Störe. Hier kann er frisch geschlüpfte Jungfische in ihrem blauen Plastikbecken beobachten.

"Sie sehen jetzt schon aus wie Störe", sagt Friedrich. "Und man kann das Rote in ihren Mägen sehen. Das kommt von den Salinenkrebsen, die sie fressen."

Bis zum Ende des Sommers wollen die Wissenschaftler tausende dieser Sterlete — eine Störart, die in dieser Region heimisch ist — in verschiedenen Teilen der Donau aussetzen. Ähnliche Auswilderungen sind auch für die kommenden Jahre geplant. Die Forscher wollen jede einzelne Population im Auge behalten und überprüfen, ob sie sich durchsetzen konnte oder nicht.

Eine Hand hält einen jungen Stör (DW/Bob Berwyn)

Störe gibt es in der einen oder anderen Form seit Millionen von Jahren

Friedrich ist sich sicher, dass sie damit Erfolg haben können. Andere Arten seien auf ähnliche Weise gerettet worden, sagt er. Sollte es klappen, ginge für ihn ein lang gehegter Traum in Erfüllung.

"Meine Liebe zu den Tieren begann schon, als ich Teenager war", sagt Friedrich. "Meinen ersten Stör habe ich in einer Tierhandlung gesehen. Ich habe schnell angefangen, sie im Aquarium zu halten und wollte sie selbst züchten."

Friedrichs Begeisterung für Störe ist unübersehbar. Als er ein ausgewachsenes Exemplar aus einem der Becken fischt, erklärt er, wie deutlich sie sich von anderen Fischen unterscheiden. "Sie sind Relikte aus einer anderen Zeit", sagt er. "Sie sind Symbole für die Verbindung zwischen Flüssen und dem Ozean." Die meisten Störe lebten sowohl in Flüssen als auch im Meer.

Mit ihrem langgezogenen Maul und der gezackten Rückenflosse haftet den Tieren noch immer eine prähistorische Aura an.

Eine Hand hält einen Becher mit Kaviar (DW/Bob Berwyn)

Auf Wiens berühmtem Naschmarkt gibt es jede erdenkliche Delikatesse. Darunter auch Kaviar aus Aquakulturen. Allerdings behaupten manche Verkäufer gern, dass es wilder Rogen wäre - so verdienen sie mehr

Der Kaviarhandel

Jutta Jahrl ist ähnlich leidenschaftlich. Sie leitet das LIFE for Danube Sturgeons Projekt, dessen Ziel es ist, Wilderei zu verhindern und die Nachfrage nach wildem Kaviar einzudämmen. Beides ist insbesondere auf dem Balkan ein Problem.

Störrogen gilt als Delikatesse. Pro Kilogramm werden bis zu 10.000 Euro bezahlt, Hauptabnehmer sind sehr vermögende Kunden, etwa in New York oder Moskau.

"Ich finde es immer noch schockierend, dass man illegal gehandelten Kaviar in traditionellen Läden finden kann", sagt Jahrl der DW, während sie über den berühmten Naschmarkt in Wien schlendert, auf dem Delikatessen aller Art zu finden sind. Sie nimmt an einem Fischstand eine Dose Kaviar in die Hand.

Kaviar auf Pfannkuchen (picture alliance/AP/M. Mead)

Kaviar kann sehr teuer sein - Kaviar auf Pancakes zum Frühstück, das können sich nur sehr wenige leisten

Obwohl eine schmale Banderole auf der Dose klar deklariert, dass die Fischeier von einer Farm in Deutschland stammen, besteht der Verkäufer darauf, dass es sich um wilden, russischen Kaviar handelt. Seine Kunden wollen das so hören. Wenn sie es glauben, zahlen sie mehr.

Dabei soll eine strenge Kennzeichnungspflicht dafür sorgen, dass Kunden wissen, dass ihr Luxus-Mitbringsel aus dem Urlaub aus einer nachhaltigen Quelle stammt. Legale Quellen für wilden Kaviar gibt es nicht.

Laut Jahrl sind sich kommerzielle Kaviar-Produzenten der bestehenden Kennzeichnungspflicht bewusst. Verkäufer, die den Ursprung ihrer Produkte verschleiern, behinderten allerdings die Bemühungen, die Industrie tatsächlich transparent und haftbar zu machen. Die Konsumenten zu informieren sei entscheidend, so Jahrl. Wenn es keine Nachfrage nach illegalem Kaviar mehr gäbe, gäbe es auch keine Wilderei.

Um die Störe zu retten, müssen Störschützer mit der Bevölkerung entlang der Donau zusammenarbeiten. In Ländern wie Ungarn, Serbien und jenen in Richtung des Schwarzen Meeres ist der Fang der Fische eine Tradition. Die Menschen essen die Tiere seit Generationen.

Es gibt Berichte aus dem 11. Jahrhundert, die belegen, dass der Stör eine wichtige Nahrungsquelle für Kreuzfahrer entlang der oberen Donau in Österreich war. "Wenn wir dort nicht akzeptiert und unterstützt werden, werden wir die Fische nicht retten können", sagt Jahrl. "Wir wollen die Störfischerei nicht für immer beenden, sondern mit den Fischern den Stör nachhaltig machen."

Die Donau fließt durch Passau (Fotolia/Patrick G.)

Der Stör und die Donau, hier mit Blick auf Passau, gehören seit Jahrhunderten eng zusammen

Entlang des Flusses

Dazu müsse man sich auf die Interessen der örtlichen Bevölkerung konzentrieren, sagt Hannah Dickinson. Die Wissenschaftlerin von der University of Sheffield erforscht den Kaviarhandel sowie den Schutz der Störe und deren Aufzucht in Aquakulturen.

Es gebe so wenige Fische, dass selbst Wilderei in kleinem Umfang die verbleibenden Populationen zerstören werde, sagt Dickinson, die in Rumänien arbeitet.

"Ich glaube, dass sich etwas bewegt. Dinge verändern sich", sagt sie. "Aber es ist ein riesiges soziales Thema. Wir reden hier von Menschen, die ihr ganzes Leben lang Störfischerei betrieben haben."

Für diese Fischergemeinden die richtigen Alternativen zu finden, könnte es schwer werden. Beispielsweise seien Aquakulturen nicht immer die beste Alternative für traditionelle Störfischergemeinden. Schließlich definiere sich deren kulturelle Identität zum Teil auch durch den Fang wilder Fische. Sie in einem Teich zu züchten sei nicht dasselbe, so Dickinson.

Dass Erfolge möglich sind, zeigt ein Beispiel aus Aserbaidschan. Hier hat die NGO Blue Marine Foundation die Gemeinden mit einbezogen, die traditionell Fischfang betreiben und großes Interesse am Überleben der Störe haben. Sie haben angefangen, die Bemühungen zu unterstützen, als klar war, dass auch ihre Gemeinden von den Schutzmaßnahmen profitieren.

"Es geht um den Besitz von Ressourcen", sagt Dickinson. "Das kann alles verändern."

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