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Kultur

Leben zwischen Wäscheleinen im Notlager

Es gibt ein Notaufnahmelager, das in Berlin jeder kennt: Marienfelde. Es war das Tor zum Westen für zahllose Flüchtlinge aus der DDR. Eine Ausstellung beschreibt das Leben in den Notunterkünften zwischen West und Ost.

Blick in eine Flüchtlingsunterkunft mit Pritsche. Coypright: Heiner Kiesel

Der Besucher tritt mitten hinein in die Ausstellung. Die Exponate hängen quer im Raum – an Wäscheleinen. Ein Foto zeigt einen blonden Jungen. Er schaut durch den Stacheldrahtzaun in den Westen. Auf einem anderen ist eine Mutter zu sehen, der die Flucht über die Sektorengrenze in Berlin gelungen ist. Sie sitzt mit ihren Kindern auf der groben Wolldecke in einem Notaufnahmelager in der Flottstraße. Aufgedruckt sind die Fotos zusammen mit Plakaten und chronologischen Übersichten auf Bettwäsche und Kleidungsstücken.

Die Wäscheleinen seien ein zentrales Symbol für die Zustände in den Lagern, sagt Kurator Enrico Heitzer zum Konzept der Ausstellung "Verschwunden und Vergessen. Flüchtlingslager in West-Berlin" in der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde. Daran lasse sich das Provisorische in den Notunterkünften erkennen, aber auch, dass das Private nicht mehr privat war in den Unterkünften. Um ein Minimun an Privatsphäre zu schaffen, wurde die Wäsche geschickt als Raumteiler zwischen die Betten in den Schlafräumen gehängt.

90 Lager in Westberlin

Eine Diakonissin spricht mit einer jungen Frau in einem Lager copyright: Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde

Flüchtlingsseelsorge im Lager Askanierring

In den Notaufnahmelagern der geteilten Stadt herrschte Enge – besonders wenn sich die Lage in der DDR verschlechterte. Die Flüchtlingszahlen hätten wie ein Seismograph die Krisen und politische Entwicklungen in der DDR widergespiegelt, sagt Heitzer. Nach dem Volksaufstand am 17. Juni 1953 und im Vorfeld des Mauerbaus wurden parallel 90 Aufnahmeorte betrieben. Es seien wahrscheinlich mehr als 20.000 Flüchtlinge betreut worden, schätzt der Historiker. Bis zum Ende der DDR 1990 sind 1,35 Millionen durch die Lager Berlins geschleust worden.

Die Ausstellungsmacher haben es sich zur Aufgabe gemacht, an die vielen über die Stadt verteilten Lager zu erinnern. Eine Pionierarbeit, denn noch immer sei wenig erforscht, betont Bettina Effner, die Leiterin der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde. Auf dem Boden eines Schauraums sind auf einem Teppich mit dem Umriss Berlins die verschiedenen Unterbringungsorte verzeichnet. Die meisten Punkte konzentrieren sich auf den amerikanischen Sektor im Süden der Stadt.

Kritischer Blick zurück

Säuglingsraum im Lager copyright: Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde

Säuglingsraum in einem Lager in Spandau

Komfortabel war es wohl nirgends. "Das waren aus heutiger Sicht gesehen doch wohl eher Elendsquartiere", erinnert sich der 87-jährige Zeitzeuge Wolf Rothe. Er war stellvertretender Leiter des Lagers in der Volkmarstraße in Tempelhof. Eines der größten Lager mit bis zu 4000 Flüchtlingen. "Für die meisten war es ein Schock hier anzukommen", sagt Rothe. Aber sie seien dennoch erstaunlich zufrieden gewesen, weil sie es aus der DDR herausgeschafft hatten. Auch an das Essen erinnert er sich voller Grausen. Es habe kaum Annehmlichkeiten gegeben, die Bewohner hätten nicht legal arbeiten können und die umgebende Bevölkerung sei sehr misstrauisch gewesen. "Die Flüchtlinge hatten es verdammt schwer, sich in der neuen westlichen Gesellschaft zurechtzufinden."

Kinder spielen im Lager Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde

Kinderspiele im Lager

Mit anderen Zeitzeugen hat Rothe seine Erinnerungen für eine Audio-Hörstation aufnehmen lassen. Dort erfährt der Besucher auch anhand von Filmaufnahmen und Radiomitschnitten, wie die Flüchtlingsthematik in der Öffentlichkeit diskutiert wurde. Von der Führung in Ostdeutschland wurden die Lager als Ausbildungsstätte für Konterrevolutionäre dargestellt, die Berliner Bevölkerung argwöhnte dort sittenlose Umtriebe und unhygienische Zustände. Insgesamt bestätigt sich dort Rothes Bild von der distanzierten Haltung der Westgesellschaft gegenüber den Flüchtlingen.

Nach dem Mauerbau vor 50 Jahren nahm die Zahl der innerdeutschen Flüchtlinge rasch ab. Die meisten Lager wurden geschlossen, einige umgewidmet. In Marienfelde, in direkter Nachbarschaft zu den Ausstellungsräumen, wohnen heute Flüchtlinge und Asylbewerber. Sie haben durchaus ähnliche Probleme wie ihre Vorgänger.

Autor: Heiner Kiesel

Redaktion: Sabine Oelze

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