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Asien

"Leben unter unmöglichen Bedingungen"

Für den Anschlag auf einen indischen Zug sollen militante Maoisten verantwortlich sein. Wer sie sind und wofür sie stehen, darüber spricht DW-WORLD.DE mit Georg Blume. Er ist Zeitungskorrespondent in Neu Delhi.

Georg Blume, Korrespondent der taz und der Wochenzeitung Die Zeit

Georg Blume, Korrespondent der "taz" und der Wochenzeitung "Die Zeit"

DW-WORLD.DE: Herr Blume, wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass tatsächlich die Maoisten hinter diesem Anschlag stecken?

Georg Blume: Die Bombe unter dem Zug ging in einem Gebiet hoch, in dem die Maoisten die militärische Kontrolle haben. Und vor diesem Hintergrund liegt der Verdacht zumindest nahe, dass sie es waren.

Wer genau sind die Maoisten, die es in Indien ja schon seit langem gibt?

Es gibt diese Wiederstandsbewegung seit 1967. Die Maoisten kontrollieren weite Gebiete im Osten Indiens, sie haben sich als Kraft im Dienste der Ureinwohner Indiens entwickelt. Ursprünglich waren sie eine Intellektuellen- und auch Bauernbewegung. Nach der militärischen Niederschlagung haben sich die Mitglieder dann im Dschungel versteckt. Bis heute leben dort Millionen Menschen in sehr primitiven Verhältnisssen, und ihre Interessen werden vom indischen Staat völlig übergangen. Es gibt in Indien 80 Millionen Ureinwohner, die unter teilweise wirklich unmöglichen Bedingungen hausen und die auch als unterste Kaste der Gesellschaft angesehen werden. Diese Menschen haben die Maoisten ursprünglich einmal missioniert. Mittlerweile ist es so, dass es mehr eine Bewegung der Ureinwohner selbst ist. Sie kämpfen militärisch um ihr Land, das vom indischen Staat sonst für Bergbauprojekte oder ähnliches in Anspruch genommen wird.

Hat die Bewegung also mit Maoismus im eigentlichen Sinn gar nichts mehr zu tun?

Ganz so kann man das auch nicht sagen. Die Maoisten tragen Mao auf ihren Fahnen, sie haben eine Parteistruktur, die an den Maoismus erinnert: Es gibt ein Zentralkomitee und ein Politbüro, es gibt den Gedanken an einen bewaffneten Befreiungskampf und außerdem die Guerilla-Techniken, die sie von Mao übernommen haben. Was es dagegen in diesem Sinne nicht gibt, ist der Gedanke an einen kommunistischen Staat.

Der indische Staat hat ja eine Offensive gegen die Maoisten ausgerufen. Anfang April kam es dann zu einer großangelegten Attacke der Maoisten auf Polizisten und Soldaten mit mehr als 70 Opfern - und jetzt die Explosion im Zug. Ist die Strategie gescheitert?

Sie ist zumindest ins Stocken gekommen. Natürlich sind diese Angriffe der Maoisten auch ein Zeichen dafür, dass sie sich angegriffen fühlen und gezwungen sehen, in die Gegenoffensive zu gehen. Man weiß sehr wenig darüber, wie erfolgreich die paramilitärischen Aktionen der Regierung in den Dschungelwäldern tatsächlich sind. Die Armee lässt darüber auch nicht berichten. Also: Als gescheitert würde ich die Strategie noch nicht bezeichnen, aber es wird deutlich, wie schwierig die Auseinandersetzung militärisch ist. Es gibt viele Kritiker - auch in der Regierungspartei und unter den Intellektuellen - die sagen, dass man die Probleme mit den Ureinwohnern in Indien nicht militärisch lösen kann. Man müsse vielmehr andere Ansätze finden, um die Menschen von ihren militärischen Verzweiflungstaten abzubringen.

Unterstützung für die Maoisten kommt unter anderem von der bekannten indischen Schriftstellerin und Aktivistin Arundhati Roy. Was sagt das über die indische Öffentlichkeit aus? Wie akzeptiert ist dort das Anliegen der Maoisten?

Arundhati Roy steht da nicht allein. Es gibt eine ganze Reihe von NGOs und Menschenrechtsaktivisten, die sich immer wieder für eine differenzierte Sichtweise auf die soziale Problematik eingesetzt haben und die auch für die ökologische Rettung der Wälder, in denen die Ureinwohner leben, kämpfen. Schon seit Jahren gibt es in der indischen Öffentlichkeit eine Diskussion über dieses Thema. Jetzt aber will die Regierung diese Diskussion unterbinden. Sie hat sozusagen "Symphatie mit den Maoisten" unter Anklage gestellt und möchte das juristisch als "Unterstützung von Terroristen" verfolgen. Man weiß noch nicht, wie ernst sie es damit meint, denn auch im Kabinett gehen die Meinungen auseinander. Der Innenminister hat gesagt, das es selbst in der Regierungspartei hochrangige Kritiker der Militäroffensive gegen die Maoisten gibt.

Georg Blume ist Korrespondent für die Wochenzeitung "Die Zeit" und die Tageszeitung "taz" in Neu Delhi

Das Interview führte Mathias Bölinger
Redaktion: Esther Broders