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Nahost

Leben ohne Statussymbol oder Volksauto

Nicht alle Syrer können sich ein Auto leisten, aber die, die es können, fahren meistens teuere Limousinen. Um der restlichen Bevölkerung eine günstige Alternative zu bieten, hat man in Syrien ein Volksauto bauen lassen.

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Syriens Präsident Assad bei einer Testfahrt mit dem Volksauto 'Cham'

Sieben Jahre lebe ich nun in Syrien und habe immer noch kein eigenes Auto. Da ich im Stadtzentrum von Damaskus wohne, wo man die meiste Zeit im Stau steht und es keine Parkplätze gibt, macht ein Auto keinen Sinn. Taxifahren ist für mich bequemer und schneller. Davon abgesehen befinde ich mich in bester Gesellschaft: Denn die meisten Syrer können sich ein eigenes Fahrzeug gar nicht leisten.

Schuld daran sind die hohen Importzölle, die den Autopreis nach oben treiben. Zwar sind die astronomischen Raten von über 250 Prozent inzwischen auf 60 Prozent gesunken, aber ein Mercedes kostet in Syrien noch immer deutlich mehr als in Deutschland. Hinzu kommt, dass es keinen Markt für Gebrauchtwagen gibt, denn wer sich mühsam einen teuren Neuwagen erspart, wird ihn nicht so schnell wieder verkaufen. Die PKW-Treue hat in Syrien übrigens Tradition: Freunde von mir fahren ihr oldtimer-ähnliches, fantasievoll zusammengehaltenes Blechgefährt seit mehr als 25 Jahren. Bei so vielen verschiedenen Ersatzteilen lässt sich die ursprüngliche Marke nur noch erahnen.

Statussymbol Auto

Eine chromblitzende Limousine ist in Damaskus deshalb vor allem eines: Statussymbol. Ihr Fahrer signalisiert: Ich gehöre zur Welt der Reichen und Mächtigen – denn Geld und Einfluss gehen in Syrien Hand in Hand. Oft frage ich mich, wie diese Mercedes-, BMW- und Jaguarfahrer wohl an die Millionen gekommen sind, die ihre Wagen gekostet haben. Besonders unangenehm ist der Nachwuchs dieser Neureichen: Denn abends fahren die Söhne die S-Klasse ihrer korrupten Papas spazieren. Mit heruntergekurbelten Fenstern und dröhnenden Bässen drehen sie in Damaskus´ Szenevierteln ihre Runden, um die Aufmerksamkeit der dort flanierenden Modepüppchen zu erregen.

Tagsüber sind die Limousinen freilich in der Minderheit und werden von einer gelben Blechlawine aus Asien überrollt. Gelb, nicht weil die Autos aus Asien kommen, sondern weil sie in Syrien als Taxis genutzt werden. Chinesische, südkoreanische und japanische Modelle kämpfen sich als yellow cabs durch den Damaszener Verkehr und bieten immerhin mehr Komfort als die überfüllten Minibusse.

Auto ohne Käufer

Um syrischen Autofahrern eine Alternative zu den teuren ausländischen Fahrzeugen zu bieten, entwickelte das noch immer sozialistisch tickende Syrien eine eigene Automarke: den „Cham“, benannt nach dem arabischen Wort für Groß-Syrien. Ein „Cham“ kostet immerhin 575.000 Lira, umgerechnet 8.300 Euro, deutlich mehr als sein indisches Vorbild, der „Tata Nano“, der schon für 1.750 Euro zu haben ist. Produziert wird das syrische Volksauto von einer iranischen Firma. Da die beiden Länder bislang nicht unbedingt als erfolgreiche Autobauer von sich Reden machten, musste Syriens Präsident Bashar Al Assad persönlich in den ersten „Cham“ steigen und eine Probefahrt wagen. Leider kenne ich bis heute niemanden, der sich den „Cham“ gekauft hätte. Gerne würde ich mal mitfahren, denn iranische Technologie auf syrischem Boden ergibt wohl ein echtes Schurkenauto – made on the axis of evil.