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Kultur

Leben ohne Smartphone?

Junge Menschen kommunizieren immer stärker über ihr Smartphone. Ohne das Gerät zu sein bedeutet für sie, Wichtiges zu verpassen und von der Außenwelt abgeschnitten zu sein. Ist ein Verzicht noch vorstellbar?

U-Bahn-Fahrt in einer deutschen Großstadt morgens um 8.30 Uhr: Viele junge Fahrgäste starren sie mit leicht gebeugtem Kopf und reglosem Gesichtsausdruck auf ihr Smartphone. Nur wenige Augenpaare richten sich nicht auf ein Hochkant-Display.

Carl und Judith

Carl und Judith: Kein Smartphone-Verzicht

Für viele junge Menschen ist das Smartphone mittlerweile so wichtig geworden, dass sie sich einen Verzicht auf den Mini-Computer kaum noch vorstellen können. Das Schweizer Taschenmesser unter den Handys ist inzwischen ein integraler Bestandteil des Alltags junger Menschen. Das geht auch den Bonner Studenten Judith (18) und Carl (20) so. Was wollen sie am wenigsten missen? Beide antworten spontan: "Mein Smartphone."

Smartphone wichtiger als Alkohol und Sex

Das Meinungsforschungsinstitut Forsa hat im März 2012 Jugendliche zwischen 14 und 19 Jahren zu ihrer Handynutzung befragt. Das Ergebnis spricht eine deutliche Sprache: Vier von fünf Jugendlichen gaben an, dass sie lieber auf Alkohol als auf ihr Handy verzichten würden. Immerhin zwei Drittel waren der Meinung, eher ohne Fernsehen als ohne ihr Mobiltelefon auszukommen. Noch überraschender: 60 Prozent der Befragten behaupteten, das Handy sei für sie wichtiger als Sex.

Warum fällt gerade jungen Menschen der Verzicht auf ihr Smartphone so schwer? Hans-Bernd Brosius, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität München, sieht einen Grund in der hohen Mobilität der Jugendlichen: "Erwachsene haben einen Arbeitsplatz, an dem sie acht Stunden sitzen und ein Arbeitszimmer zuhause. Sie sind im Wesentlichen ortsfixiert." Erwachsene könnten in der Regel von dort aus auf das Internet und seine Online-Dienste zugreifen. Jugendliche müssten eher in der Lage sein, unterwegs online zu gehen.

Täglich zwei Stunden Facebook und WhatsApp

Facebook und WhatsApp

Chatdienste und soziale Netzwerke nehmen die meiste Zeit in Anspruch.

Durchschnittlich dreieinhalb Stunden pro Tag nutzen junge Erwachsene zwischen 18 und 25 Jahren ihr Smartphone. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Agentur Mindshare Marketing im Auftrag der Zeitschrift FOCUS vom September 2013. Mehr als eine Stunde entfällt dabei auf Chat-Dienste wie WhatsApp. Mit 44 Minuten pro Tag stehen soziale Netzwerke wie Facebook an zweiter Stelle. Klassische Handy-Funktionen, nämlich Telefonieren und SMS-Schreiben, spielen mittlerweile eine untergeordnete Rolle: Auf beide entfallen durchschnittlich 13 Minuten am Tag. "Jugendliche benutzen das Smartphone für viel mehr Anwendungen als Erwachsene", so Professor Brosius. "Und mit jeder Anwendung wird das Smartphone unersetzlicher."

Angst vor Funklöchern

Ist eine solche Entwicklung gefährlich? Die amerikanische Psychotherapeutin Lisa Merlo beobachtet mit Sorge, dass einige Smartphone-Nutzer häufig so sehr auf ihr Gerät konzentriert seien, dass sie ihre direkte Umwelt kaum noch wahrnähmen. Mit der wachsenden Zahl an Funktionen gehe auch die "Gefahr einer übertriebenen Fixierung" einher, so Lisa Merlo in einem Zeitungsartikel. Die Angst vor Funklöchern, leeren Akkus oder vergessenen Smartphones hat mittlerweile einen eigenen Namen: "Nomophobie", abgeleitet von "no mobile phone phobia". Einer britischen Studie zufolge sind bereits zwei Drittel der dortigen Bevölkerung von Nomophobie betroffen.

Philipp

Philipp: Gerade WhatsApp würde er vermissen

Auch der Bonner Jura-Student Philipp (22) hätte Angst, etwas zu verpassen. Gerade wegen Chatdiensten wie WhatsApp fällt ihm, wie er sagt, ein Verzicht auf sein Smartphone besonders schwer.

Wegen gestiegener Smartphone-Nutzung in Kulturpessimismus zu verfallen, hält der Kommunikationswissenschaftler Brosius allerdings für unangebracht. Zwar seien für Erwachsene noch andere Formen des Kommunizierens maßgeblicher. Jugendliche seien aber mit der Kommunikation via Smartphone aufgewachsen, insofern sei die Entwicklung zu stärkerem Smartphone-Gebrauch ganz normal.