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Asien

Leben mit 50 Cent pro Tag

50 Cent pro Tag reichen zum Leben aus, so ein umstrittener Bericht der indischen Regierung. Wer mehr verdient, soll nicht mehr als arm definiert werden. Zwei junge Männer machten die Probe aufs Exempel.

Mathew und Tushar sitzen in südindischer Kleidung auf der Schwelle ihres Hauses (Foto: DW)

Mathew Cherian (li.) und Tushar Vashisht (re.) hatten oft Hunger

Im September schlug die Planungskommission der indischen Regierung vor, die Armutsgrenze um die Hälfte auf umgerechnet 50 Eurocent pro Tag abzusenken. Wer mehr verdient, soll nicht mehr als arm definiert werden. Der Bericht sorgte im Land für eine große Debatte. Nach internationalen Schätzungen leben derzeit in Indien rund rund 400 Millionen Menschen - 40 Prozent der Bevölkerung - unterhalb der Armutsgrenze. Kritiker werfen der Regierung vor, auf diese Weise die Armutsgrenze künstlich zu senken, damit weniger Menschen Anspruch auf staatliche Nahrungsmittel-Zuwendungen erheben können.

"Das Leben der Armen verstehen"

Mathew Cherian und Tushar Ashisht wollten am eigenen Leib erfahren, ob die neue Definition von Armut in Indien der Lebenswirklichkeit standhält. Sie lebten eine kurze Zeit lang mit rund 50 Eurocent (32 Rupien) am Tag in Indien. Für dieses Experiment gaben die 26-Jährigen ihre gut bezahlten Jobs in den USA als IT-Ingenieur und Investmentbanker auf und zogen in die kleine Stadt Kottayam im südindischen Bundesstaat Kerala.

Markt in der Hafenstadt Cochin in Indien (Foto:dpa)

Markt in der Hafenstadt Cochin im südindischen Kerala. Für viele Menschen sind die Lebensmittel unerschwinglich.



"Wir hatten schon lange das Gefühl, in einer Blase zu leben, weit weg und ohne Berührung mit dem Rest von Indien. Dieses Projekt sollte die Blase zerplatzen lassen und uns in Kontakt bringen mit der Wirklichkeit", erklärt Tushar. "Aus der Entfernung konnten wir den durchschnittlichen Inder, den ärmeren Inder sehen, aber wir konnten seine Beweggründe, Meinungen, seine Einschränkungen und Herausforderungen nicht verstehen." Um sich ein Urteil bilden zu können, nahmen sich die beiden jungen Männer vor, die Situation der Armen in Indien aus nächster Nähe zu erleben.

"Wir waren oft hungrig"

In Indien mussten Tushar und Mathew ihren Lebenstil und ihre Essgewohnheiten drastisch ändern. Sie erfuhren am eigenen Leib, was Hunger bedeutet. Aufgrund der steigenden Lebensmittelpreise konnten sie nur noch wenig und nur vegetarisch essen. Oft gab es lediglich Roti, das indische Fladenbrot, und Gemüse.

Ein Mann rührt in einem Topf, der auf dem Feuer steht (Foto: DW)

Die mageren Mahlzeiten werden am Holzofen vorbereitet

"Geschmack spielte dabei keine Rolle", sagt Mathew. "Der einzige Faktor war Geld. Wir haben versucht, mit wenig Geld so nahrhaft wie möglich zu essen." Roti und Gemüse einmal am Tag, manchmal etwas Reis oder Weizen - eine ausgewogene Ernährung sei das nicht", betont Mathew. Tushar und Matthew nahmen im Verlauf des Experiments stark ab, oft waren sie müde und deprimiert.

"Wenn sich arme Bauern oder Handarbeiter ohne Fleisch ernähren müssen, kann das auf lange Sicht sehr schädlich sein", sagt Tushar. Besonders wenn sie, wie viele Inder der unteren Kasten, von Kindheit an ohnehin mangelernährt sind. "Wenn sie nur Kohlehydrate essen, können sich Organe oder Muskulatur nie richtig entwickeln, diese Menschen bleiben spindeldürr und werden wahrscheinlich frühzeitig an Athritis erkranken", meint er. Und fügt nachdenklich hinzu: "Hunger ist ein vernichtendes Phänomen."

Kein Geld für Kommunikation

Tagsüber trafen sich Mathew und Tushar mit Menschen in der Gegend von Kottayam, um sich mit ihnen auszutauschen. Weil sie sich keine private oder öffentlichen Verkehrsmittel leisten konnten, gingen die jungen Männer zu Fuß – manchmal bis zu 20 Kilometer pro Tag. Kommunikation – entweder per Festnetz oder Handy – passte auch in Notfällen nicht ins Budget. Diesen Aspekt hat der Armutsbericht der Regierung nicht berücksichtigt.

Ein Kamelbesitzer nutzt sein Handy (Foto: Jasvinder Sehgal)

"Heute braucht jede Familie in Indien ein Handy - auch die Armen"

"Das ist ein großer Fehler", meint Mathew. Heute brauche jede Familie mindestens ein Handy: "Ein Handy ist dringend nötig, auch für ärmere Menschen. Es dient nicht nur zur persönlichen Kommunikation, sondern auch dafür, als Bürger an der Demokratie teilzunehmen und um Rechte einzufordern. Das Handy ist für arme Menschen eine Notwendigkeit und für viele ein Zeichen des Fortschritts."

Das Experiment, mit 50 Cent am Tag zu leben, haben Mathew und Tushar inzwischen abgeschlossen. Ihr Fazit: 50 Cent reichen vorne und hinten nicht zum Leben. Außerdem brauchen auch arme Menschen viel mehr als nur Essen und Unterkunft. Um ein würdiges Leben zu führen, brauchen sie vor allem Chancen für einen sozialen Aufstieg und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Tushar und Mathew wollen nun eine gemeinnützige Organisation gründen, die Armen preiswerte Gesundheitsvorsorge und Ausbildungsmöglichkeiten anbietet.

Autorin: Pia Chandavarkar
Redaktion: Ana Lehmann