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Kultur

Leben lohnt sich

Ein Berliner Künstler nahm die berühmteste Wortschöpfung des Jahres 2002 wörtlich. Als "Ich AG" rechnet er mit Politik und Wirtschaft ab: Eine Zensur der besonderen Art.

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Peter Kees: Ich lebe, also koste ich

Aus dem Schaufenster einer Ladenwohnung im Prenzlauer Berg heben sich schwarze Lettern aus einem Leuchtkasten ab: "Ich AG". Der jüngst zum Unwort des Jahres 2002 gekürte Terminus scheint in die Tat umgesetzt zu sein. Die Wortbildung leide, so der oberlehrerhafte Vorwurf der Sprachkritiker, "unter lächerlicher Unlogik", ein Individuum könne keine Aktiengesellschaft sein.

Peter Kees Ich AG Ausstellung Kunst Berlin

Wie sieht sie nun aus, die Ich-AG? Der Raum hinter dem Schaufenster mit Blick auf den Wasserturm ist karg. Zwei Bürocontainer und ein Holzbrett bilden einen Schreibtisch. Neonlicht, ein Laptop und ein Funktelefon aus den 80ern ergänzen das puristische Szenario. Hier residiert Peter Kees, Künstler und ehmaliger Theaterintendant, Gründer einer Ich-AG, die sich einzig auf das Wort beruft.

Zur Kasse, Herr Bundeskanzler

Für den Wahlberliner aus Bayreuth war die Hartz’sche Wortgeburt ein gefundenes Fressen: Er liebt es Worthülsen mit Inhalt zu füllen. Für seine Ich AG hatte er sofort eine klare Vision: "Alles Handeln, alles Tun, alles was ich mache, kostet ab sofort Geld." Getreu dem Motto "Leben lohnt sich!" erhob er sein Dasein zum kapitaleinbringenden Wirtschaftsgut und schritt zur Tat.

Als erstes stellte der 36jährige dem Bundeskanzler Gerhard Schröder seine Anwesenheit in Deutschland mit einem symbolischen Euro pro Tag in Rechnung. Zuzüglich einer Pauschale für seine Aktivitäten als Demokrat und einem "Kultur- und Kunstbeitrag" ergaben sich 89.523 Euro, inklusive Mehrwertsteuer. Eine stattliche Summe, mit deren Bezahlung ein wahrer Existenzgründer sofort die für die Ich AG zulässige Einkommensgrenze überschritten hätte.

"Spontanitätsverlustpauschale" für ungewolltes Warten

Peter Kees Ich AG Ausstellung Kunst

Von der Deutschen Bahn AG fordert Kees mit 95.671 Euro einen noch üppigeren Betrag - darunter der Posten "Lebenszeitverlust" durch Warten und Verspätungen sowie eine "Spontanitätsverlustpauschale". "Das neue Fahrplansystem erfordert intensive Beschäftigung", erläutert Kees, "und womit ich ungewollt Zeit verbringe, das kostet."

Neben Prominenten aus Politik und Wirtschaft ist auch eine Ärztin, in deren Wartezimmer Kees Zeit vertrödeln musste, Adressatin seiner Forderungen. Etwa 20 Rechnungen hat er verschickt und bereits zahlreiche Mahnungen folgen lassen. Bezahlt hat bislang lediglich ein "Schuldner": Ganze zehn Euro ließ die Deutsche Bahn AG dem Künstler in Form eines Reisegutscheins zukommen. Kees habe wohl einfach das Komma falsch gesetzt, bekundete "das Unternehmen Zukunft".

"Kunst = Kapital"

Nur wenige der Reaktionen sind so einfallsreich. Hin und wieder ließ man Kees wissen, dass man sich köstlich amüsiert habe. Nett gemeint - als Witz-AG versteht sich der studierte Theaterwissenschaftler jedoch nicht. Sein Anliegen sei es, sich in gesellschaftliche Realitäten einzumischen. Als Vorbild benennt er Joseph Beuys und dessen erweiterten Kunstbegriff. Und wenn dieser äußerte "Kunst = Kapital", so meinte er wie Kees nicht die Zahlen auf dem Konto.

Das Kapital, auf das der Querdenker setzt, lässt sich nicht in Ziffern bemessen. "Reichtum", so sagt er, "ist das Polyglotte des Alltags zu erfahren und aufzuzeigen." Mit vielen anderen Projekten hat Kees das bereits versucht. Bevor er seine "Arbeitsgalerie" zur Ich AG umfunktionierte, diente der Raum schon als Kunstschießplatz, auf dem der Besucher auf sein eigenes Konterfei schießen konnte. Die Reaktionen der Menschen sind so unterschiedlich wie ihr jeweiliger Blickwinkel.

Ist Kees ein Aufklärer? "Nein," antwortet er, "mir geht es einfach darum ein bisschen anzuregen. Ein bisschen Schmunzeln, ein bisschen Nachdenken - was auch immer." Und er verrät, dass seine Ich AG bei Konkurs noch eine Option im Hintergrund habe. Doch welche, das bleibt geheim.

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