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Israel

Leben in der Zeitkapsel

Auch kleinste Dokumente sind wichtig, um das deutsch-jüdische Kulturerbe zu erforschen - sagt das Moses Mendelssohn Zentrum Potsdam. Und schickt junge Wissenschaftler auf Spurensuche in alle Welt. Ein Besuch in Israel.

Ein Fotoalbum mit einem Bild vom Fest im Jüdischen Kulturbund Rhein-Ruhr in den 1930er Jahren (Privatbesitz Dr. Michael Naveh, Foto: DW/Aya Bach)

Deutsch-Jüdisches Kulturerbe MMZ Potsdam

Eine bildschöne junge Frau, begleitet von einem gutaussehenden Herrn. Beide lächeln in die Kamera, in warme Mäntel gehüllt. Es ist der 7. November 1938 – zwei Tage vor der Pogromnacht, in der die Nationalsozialisten systematisch Synagogen, jüdische Geschäfte, Wohnungen und Friedhöfe in Deutschland zerstörten.

Adelheid Struck auf einer Zeichnung aus den 1930er Jahren (Privatbesitz Dr. Michael Naveh, Foto: DW/ Aya Bach)

Lebte für den Jüdischen Kulturbund: Navehs Mutter als junge Frau

Für die junge Frau auf dem Foto endet am 7. November ein Teil ihres Lebens, dem sie bis dahin ihr Herzblut und ihre Arbeitskraft gewidmet hat: Die NS-Diktatur verbietet den Jüdischen Kulturbund Rhein-Ruhr. "Fräulein Adelheid Struck", heißt es im Zeugnis, das sie später noch bekommt, oblag die "Führung unserer 9 Städte umfassenden Mitgliederkartei", sie arbeitete "mit größter Zuverlässigkeit" und war eine "immer gern gesehene Mitarbeiterin". Davon sprechen die Bilder, die sie in ihr Album geklebt hat: Adelheid Struck lebte in Künstlerkreisen, bewahrte Fotos von Premieren und Festen auf. Und dokumentierte den "Tag der K.B. Auflösung!", wie sie unter das Foto schrieb.

Brief aus Theresienstadt

Jetzt liegt das Album auf einem großen Tisch in der Wohnung ihres Sohnes Michael Naveh in Tel Aviv: Teil des Nachlasses seiner Eltern, die vor dem Nationalsozialismus nach Palästina flohen und sich später dort kennenlernten. Naveh hat Briefe, Urkunden, Bilder und Bücher ausgebreitet, darunter auch eine zarte Zeichnung, die seine Mutter zeigt: Feine Züge, melancholischer Blick - von einem Verehrer am Theater angefertigt? Programmhefte des Jüdischen Kulturbundes, Besetzungszettel aus Theatervorstellungen, Grimms Märchen in deutscher und englischer Sprache. Die Immigrations-Urkunde von Navehs Vater, 1936 unterschrieben vom "Commissioner for Palestine" - damals, im britischen Mandatsgebiet. Und ein Schreiben, das dessen Eltern 1942 aus dem Konzentrationslager Theresienstadt an den Sohn in Palästina schickten: Gestempelt vom Roten Kreuz und vom Zensor in Palästina. Das Schreiben kam an. Doch die Großeltern sind in Theresienstadt "verschollen", wie Naveh sagt.

Ausschnitt aus einem Brief von Michael Navehs Großeltern aus dem Konzentrationslager Theresienstadt mit Stempeln des Roten Kreuzes und von der Zensurbehörde in Palästina (Privatbesitz Dr. Michael Naveh, Foto: DW/Aya Bach)

Post aus dem Konzentrationslager: Theresienstadt - geschrieben an Navehs Vater von dessen Eltern

"Es lässt mich innerlich erschauern, wenn ich so ein Originaldokument sehe", sagt Felicitas Grützmann vom Moses Mendelssohn Zentrum Potsdam (MMZ), die mit Michael Naveh die Dokumente durchsieht. Sie ist Mitarbeiterin eines Forschungsprojekts, das sich die Bewahrung des deutsch-jüdischen Kulturerbes zum Ziel gesetzt hat. Naveh erfuhr von dem Vorhaben durch einen Artikel in der deutsch-hebräischen Zeitschrift "MB Yakinton" und nahm Kontakt mit ihr auf. Er möchte den Nachlass einer sinnvollen Bestimmung übergeben: "Das kann nicht in irgend ein Archiv gehen, wo Spinnweben darüber wachsen". Dr. Naveh, Tiermediziner und heute in der Pharmaindustrie tätig, hofft, dass sich die Forschung damit beschäftigt.

Kulturgut im Koffer

Felicitas Grützmann schaut trotz aller Betroffenheit mit dem Blick der Wissenschaftlerin auf die Dokumente: "Das Fotoalbum ist für die Forschung am spannendsten, das ist ein Schatz! Interessant ist schon, dass die Mutter das Album und die Programmhefte des Kulturbundes überhaupt nach Palästina mitgenommen hat, wahrscheinlich in einem Koffer, in den vielleicht zehn Kilo passten. Dokumente wie den bewegenden Brief aus Theresienstadt will ich nicht herunterspielen, aber ich denke, so etwas existiert auch noch in anderen Nachlässen."

Michael Naveh und Felicitas Grützmann sichten den Nachlass von Navehs Eltern (Foto: DW/Aya Bach)

Michael Naveh und Felicitas Grützmann bei der Sichtung des Nachlasses

Michael Naveh hat selbst schon viel darüber nachgedacht, wofür der Nachlass seiner Eltern steht: "Was meine Eltern hier im Land gemacht haben, nenne ich eine 'Zeitkapsel': Sie haben aus Berlin und Köln die Kultur mitgenommen, die damals, als sie Deutschland verließen, auf ihrem Höhepunkt war – und sie haben sie bewahrt. Da wurde im Lauf der Zeit nichts verändert."

Auf Deutsch geträumt

Das galt auch für seinen Vater, der als Dekorateur arbeitete. "Er hat weitergelebt wie ein Jecke", also ein Jude aus Deutschland, erzählt Naveh. "Mit Wanderungen und Singen, mit Kulturabenden, Konzerten und Opernhaus – und mit klassischer Musik zu Hause. Er hat viel gelesen. Ich glaube, das habe ich von ihm. Als Kind habe ich zwei, drei Bücher simultan gelesen. Er ist später sehr oft nach Berlin zurückgekommen auf Wunsch der Berliner Stadtregierung. Er hat das Leben eines deutschen Juden im Exil gelebt. Er hat wahrscheinlich deutsch geträumt!"

Biographien wie diese sind es, die das Moses Mendelssohn Zentrum untersuchen möchte: "Wir versuchen in einer Art Spurensuche die Wege jüdischer Auswanderer ins Exil nachzuvollziehen und zu schauen, was mit der spezifisch deutsch-jüdischen Kultur im Ankunftsland passiert ist", erklärt Felicitas Grützmann. "Natürlich sind dann auch Fragen nach der Identität wichtig: Wie haben sich Leute definiert im Ankunftsland, wie haben sie sich gefühlt?"

Album mit s/w-Bildern aus den 1930er Jahren (Foto: DW/Aya Bach)

Schatz für die Forschung: Das Fotoalbum von Navehs Mutter Adelheid Struck aus den 1930er Jahren.

Um diese Fragen zu beantworten, sollen sich nach den Vorstellungen des MMZ nun weltweit Institutionen vernetzen, die an ähnlichen Themen arbeiten: Archive, Museen, Forschungseinrichtungen. Das Echo dort sei bisher positiv, sagt die junge Wissenschaftlerin, viele hätten sich schon gefragt, warum das nicht schon längst jemand unternommen hat. "Uns rennt die Zeit weg. Die Dokumente verrotten in irgendwelchen Kellern, die Zeitzeugen sterben aus. Wir müssen jetzt handeln."

Kleinste Briefwechsel wichtig

Eines der wichtigsten Ziele des Projekts: Eine digitale Datenbank, die international verfügbar sein soll. Für die Forschung weltweit könnte sie die Dokumentenlage entscheidend verbessern. Aber sie kann auch sinnvoll sein mit Blick auf die Menschen wie Michael Naveh, die Familienunterlagen aufbewahren und sich fragen, was damit geschehen soll. "Wenn jemand sagt, ich habe hier noch einen Briefwechsel, soll ich den wegwerfen, dann schreien wir auf", sagt Felicitas Grützmann. "Auch die kleinsten Briefwechsel sind wichtig, um der nächsten Generation ein Bild von der damaligen Situation zu zeigen." Denn das Forschungsprojekt soll kein akademischer Selbstzweck sein, sondern in der Öffentlichkeit wirksam werden. Noch immer ist vielen Menschen nicht bewusst, wie eng die Symbiose der jüdischen und deutschen Kultur war, bevor sich die antisemitische NS-Ideologie breitmachte.

Illustriertes Deckblatt zu Märchen der Brüder Grimm (Privatbesitz Dr. Michael Naveh / Foto: DW/ Aya Bach)

Festhalten an der deutschen Kultur: Grimms Märchen im Nachlass von Navehs Eltern

Nachdem Felicitas Grützmann und Michael Naveh einige Stunden lang Dokumente gesichtet und über die Biographie seiner Eltern gesprochen haben, ist ein erster Überblick geschaffen. "Ich bin sehr dankbar, dass sie das einen Schatz nennt, ein wertvolles Kulturgut", sagt Michael Naveh, "mein Wissen darüber ist damit vertieft worden." Und sie hat ihm Anregungen gegeben, an welche Institution er die Dokumente geben kann, damit sie der Forschung zugute kommen - und der Allgemeinheit. "Das deutsche Volk hat sehr viel am Zweiten Weltkrieg verloren", ist Naveh überzeugt. "Nicht nur materiell, sondern auch kulturell. Die Juden haben etwas für die deutsche Kultur getan! Wenn die Glatzköpfe in Berlin marschieren: Heute sind sie gegen die Türken, morgen gegen die Juden. Man muss sich mit der Vergangenheit auseinandersetzen. Es ist eine Krankheit, die man bewältigen muss, damit man vorwärts geht und nicht zurückfällt in die gleiche Situation."

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