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Amerika

Leben in den Hügeln – Bandenkriminalität in Medellín

"Mordhauptstadt der Welt" – so hieß Medellín in den 90ern. Mittlerweile gilt die Stadt dank mutiger Sozialreformen als Vorzeigemetropole Lateinamerikas. Doch das Bild vom sozialen Frieden hat nun erste Kratzer bekommen.

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Sein erstes Mal hat Luis Albeiro in einem kleinen Dorf, südöstlich von Medellín, erlebt. Er war 14. Mit zitternden Händen, mit schweißnassen Händen. Er hat alles abgefeuert, vor Aufregung, vor Angst, bam bam bam. Noch Tage danach hat er davon geträumt. Hat an diese Augen gedacht, die ihn anschauten. Sekunden hat es gedauert, oder Stunden? Sein Leben jedenfalls war danach nicht mehr dasselbe. "Du lernst,“ sagt Albeiro, "sonst überlebst du das nicht.“ Jetzt zuckt er nicht einmal mehr mit dem Auge dabei. Ruhige Hand. Ein Schuss in den Kopf. Effektiv und preisgünstig. Eine Kugel kostet schließlich umgerechnet zehn Euro.

Kolumbien Medellin Banden

Blick auf die Comuna 13 in Medellín

Luis Albeiro ist 40 Jahre, alt für das Leben, das er führt, sein einziger legaler Job war Totengräber. Vom Straßenkind wurde er zum Guerilla-Kämpfer, später schloss er sich – für eine Ablöse von umgerechnet 1700 Euro – der paramilitärischen Gruppe "Bloque Metro“ an, irgendwann landete er im Gefängnis. Nun hat er seine eigene Bande gegründet. Dazu gehören die zwölf jungen Männer, die mit ihm in diesem leeren Raum sitzen, in der Betonplatten-Siedlung Flores, ganz oben in den Hügeln über Medellín, Comuna 13. Ein Fensterglas ist sternförmig aufgesplittert, von einer Kugel der "anderen“ aus La Montañita, 500 Meter Fußweg entfernt. "Wir verteidigen nur unser Viertel“, erklärt Albeiro, "die drüben sind Paramilitärs und wollen bei uns im Viertel Drogen verkaufen und Schutzgeld erpressen, das können wir nicht zulassen.“

Kolumbien Medellin Banden

Der Staat hat gesiegt - Gedenken an den berüchtigten Drogenboss Pablo Escobar

Albeiro ist der Boss der "Combo", wie man die zahlreichen Banden nennt, deren Auseinandersetzungen dafür sorgen, dass die Zweimillionen-Metropole in Kolumbien derzeit eine Mordrate von über 2000 pro Jahr hat. Wieder hat. Denn vor zwei Jahren titelten die Medien begeistert über Medellín: "Von der Mordhauptstadt zur Hoffnung“ – die ehemalige Heimatstadt des berüchtigten Drogenkartells von Pablo Escobar galt damals als Beispiel dafür, wie der Teufelskreis der Gewalt mit mutigen sozialen Reformen durchbrochen werden kann.

"Vom Tod zur Hoffnung“

Alonso Salazar

Alonso Salazar, Bürgermeister von Medellín

Zuständig dafür waren zwei bürgerliche Stadtregierungen von Bürgermeister Sergio Fajardo und seinem Vize und jetzigem Nachfolger Alonso Salazar. Ein Drittel der Haushaltsgelder wurden in Bildung und Soziales investiert. In den heruntergekommenen Armenvierteln an den Berghängen, die sich jeden Tag weiter ausdehnen, sind Bibliothekenparks entstanden, neue Schulen und das Metrocable: eine moderne Seilbahn, die die Elendsviertel mit dem Zentrum verbindet. Die Zahl der Morde wurde halbiert, Tourismus und Wirtschaft erlebten einen Boom, Ex-Bürgermeister Fajardo profitiert noch heute: Gemeinsam mit dem Ex-Bürgermeister aus der Hauptstadt Bogotá, Antanas Mockus, tritt er als Vize bei den Präsidentschaftswahlen am Sonntag (30.05.2010) an. Mockus-Fajardo gelten als hoffnungsvolle Alternative zum rechtskonservativen Juan Manual Santos. Der ehemalige Verteidigungsminister ist Uribes Wunschkandidat.

"In der Stadt weht ein frischer Wind der Hoffnung“, sagt Fajardos Nachfolger in Medellín, aber Alonso Salazar weiß auch: "Wir balancieren auf einem schmalen Grat. Die größte Gefahr bleibt weiterhin der Drogenhandel, der alle Institutionen sofort wieder zerstören kann, genauso wie die Werte der Gesellschaft.“

2003 legten in Medellín die ersten paramilitärischen Gruppen medienwirksam ihre Waffen ab – das war der Beginn des spektakulären Demobilisierungsprozesses, den die Regierung des Staatspräsidenten Álvaro Uribe Velez, übrigens ebenfall ein Kind der Stadt, eingeleitet hatte. Dank großzügiger Amnestieangebote sollen rund 35.000 Paramilitärs ausgestiegen sein, im Prozess für "Gerechtigkeit und Frieden“ legten sie Geständnisse über ihre Menschenrechtsverbrechen ab. Im schlimmsten Fall erwarten sie acht Jahre Gefängnis. Die meisten der ehemaligen Kämpfer gelten jedoch nur als Handlanger und sollen wieder in die Gesellschaft eingegliedert werden.

"Frieden und Versöhnung"

Kolumbien Medellin Banden

Ehemalige Kämpfer drücken in Medellín wieder die Schulbank

"Frieden und Versöhnung“, heißt das Programm, dass die Stadt Medellín dazu ins Leben gerufen hat. Kämpfer, die ihre Waffen abgelegt haben, erhalten eine monatliche Hilfe von umgerechnet 140 Euro, kostenlose Schulausbildung und Unterstützung beim Berufseinstieg. Fernando aus der Flores-"Combo" hat auch an dem Projekt teilgenommen: "Ich habe Bäume gepflanzt, Wände bemalt, Fortbildungskurse gemacht und so.“ Die 140 Euro bekommt er auch, aber wenn die gegnerische Combo aus La Montañita rüber nach Flores kommt, was soll er da machen. "Wenn die schießen, schießen wir zurück.“ Es geht um die Kontrolle der Viertel, der Drogenumschlagplätzen und der Schmuggelrouten – gerade die Comuna 13 gilt als strategischer Korridor ins Hinterland, zu den Routen hoch zum Golf von Urabá nahe Panama und herunter Richtung Pazifik.

160 Banden gebe es derzeit, so schätzt Ana Patricia Aristizabal Goméz vom Medellíner Bürgerbüro für Menschenrechte. Etwa 3.600 Kämpfer seien darin organisiert, die meisten von ihnen minderjährig. "Klar“, erklärt Fernando und grinst, "die jüngsten sind die Besten – flink, unverbraucht und sie stellen keine Fragen.“

"Ich wusste gleich, dass das Schwachsinn ist“

Kolumbien Medellin Banden

Die Waffe ist mein Gesetz - Mitglieder der Flores-Bande aus Medellín

"Ich wusste gleich, dass die Demobilisierung Schwachsinn ist“, sagt Luis Albeiro. Er hat seine Waffe gar nicht erst abgegeben, wie viele Kämpfer. Amnesty International äußerte schon 2003 die Besorgnis, dass zahlreiche Kleinkriminelle oder Straßenkids nur offiziell als "Demobilisierte“ angeführt würden. Luis Albeiro streicht gedankenverloren über die Pistole in seiner Hand. Viel zu viele hier im Land, vor allem die wirtschaftlichen und politischen Eliten, lebten gut vom Krieg, sagt er. Von sich selbst sagt er: "Ich wünsche mir eine Familie und ein Häuschen auf dem Land.“ Doch, dass es soweit kommt, dazu bräuchte das Land einen Präsidenten, der Frieden will und etwas dafür tue, "nicht so einen wie Álvaro Uribe.“

Autorin: Anne Herrberg

Redaktion: Oliver Pieper