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Krise in Venezuela

Leben in Caracas: "Nach 18 Uhr traut sich niemand mehr auf die Straße"

Der Niedergang Venezuelas beeinträchtigt die Menschen in fast allen Lebensbereichen. Deutsche, die in Caracas leben und arbeiten, haben der DW berichtet, was das bedeutet - anonym, aus Angst vor Nachteilen.

Wie in Europa war das Leben in den Metropolen Lateinamerikas noch nie. Mexico City, São Paulo, Medellín und Co. sind schon lange berüchtigt für ihre Kriminalität. Gerhard R.* kennt das, denn er ist viel herumgekommen in der Region. Das Logistikunternehmen, das er leitet, hat Niederlassungen in den meisten größeren Ländern der Hemisphäre. Mehrmals im Jahr ist er dort unterwegs. "Überfälle, Wohnungseinbrüche, Express-Entführungen – das gibt es praktisch überall in Lateinamerika", sagt er. "Aber in Caracas ist das extrem."

Die Einschätzung ist sehr subjektiv, aber mindestens eine Statistik gibt ihm Recht: Seit Jahren zählt Caracas zu den gewalttätigsten Städten der Welt, 2015 hatte sie die höchste Mordrate weltweit mit 120 Morden pro 100.000 Einwohner - fast viermal so viele wie in Bagdad und 20 Prozent mehr als drei Jahre zuvor.

Viel besser sieht es auch in anderen Gegenden des Landes nicht aus. Aber Gerhard R. geht es nicht um Statistiken, sondern um die Sorgen und Nöte seiner Mitarbeiter, die in Caracas die Stellung halten. Sie sind Venezolaner und wissen, wie man mit der Situation umgeht: Man sagt immer jemandem Bescheid, wo man ist oder wenn man zu spät kommt, damit sich niemand Sorgen macht - oder im Fall der Fälle Hilfe rufen kann. Bestimmte Gegenden meidet man, und, wer es sich leisten kann, lebt in bewachten Wohnvierteln oder Mehrfamilienhäusern. "Aber selbst dort", sagt R., "traut sich nach 18 Uhr niemand mehr auf die Straße."

Erst Gewalt, jetzt auch Hunger

Zu der Gewalt ist inzwischen auch für die besser Situierten der Hunger gekommen. Wer keinen Zugang zu Fremdwährungen hat, kann sich auf dem Schwarzmarkt nur das Nötigste kaufen. Woanders gibt es ohnehin kaum noch etwas.

Zuletzt war R. Anfang 2017 in Caracas. Sofort fiel ihm auf, wie stark alle fünf Mitarbeiterinnen und auch der Niederlassungsleiter abgenommen hatten. "Ich hatte von der Maduro-Diät gelesen, jetzt sah ich sie vor mir", sagt er. "Maduro-Diät" ist der sarkastische Name für die Nahrungsmittelknappheit im Land. In einer Umfrage dreier Universitäten sollten die Teilnehmer ihren Gewichtsverlust im Kalenderjahr 2016 angeben. Das Ergebnis: durchschnittlich 8,7 Kilogramm.

Der Besuch in Caracas war für R. ein Abstecher von einer Geschäftsreise nach Kolumbien - zur "moralischen Unterstützung der Mitarbeiter", sagt er. All zu viel Geschäft gebe es dort ohnehin derzeit nicht - keines jedenfalls, das seine Präsenz erfordern würde: "Wir hoffen darauf, dass es irgendwann wieder bergauf geht, und wir dann als eines der wenigen verbliebenen Unternehmen durchstarten können."

Keine Besserung in Sicht

Woran man diese Hoffnung heften soll, das weiß derzeit wohl niemand so recht: Die Regierung scheint trotz anhaltender Proteste fest im Sattel zu sitzen. Die starke Mehrheit der Opposition in der Nationalversammlung ist nahezu wertlos, weil dem Parlament nach 18 Jahren Herrschaft der PSUV kaum noch Kompetenzen geblieben sind.

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Krise in Venezuela

Ob Venezuela 2019 turnusmäßig einen neuen Präsidenten wählt, steht ebenfalls in den Sternen, denn die Regierung scheint zu allem bereit, um an der Macht zu bleiben. Vorsichtshalber hat sie den Konsenskandidaten der fragmentierten Opposition, Henrique Capriles, schon einmal auf 15 Jahre für politische Ämter gesperrt. Vorerst scheint Capriles zwar Gouverneur des Bundesstaates Miranda zu bleiben, eine dritte Präsidentschaftskandidatur (nach 2012 und 2013) wäre aber ausgeschlossen.

Dass die Venezolaner sich diesen Zustand so lange gefallen ließen, dafür gibt es verschiedene Erklärungen: Auf der politischen Seite wird die Uneinigkeit der übrigen Parteien angeführt. Als gesellschaftliche Komponente wird die "karibische Gelassenheit" zumindest der Venezolaner angeführt, die in Küstennähe wohnen. Aber auch die Repression und die anti-imperialistische Propaganda der Regierung werden als Faktoren genannt - wenngleich in keinem der Punkte Konsens besteht.

Wachsendes Gefühl der Unsicherheit

Mit alledem muss man sich arrangieren, wenn man in Venezuela leben will. Auch Deutsche tun das, denn das Land hat auch seine reizvollen Seiten: Karibikstrände, Regenwald und Anden bilden eine abwechslungsreiche Landschaft, dazu ein angenehmes Klima. Viele schätzen die liebenswerte Offenheit der Menschen.

Steffen G.* hat das auf Dauer nicht genügt. Acht Jahre lang hat er in Caracas gelebt und Karriere in einem deutschen Unternehmen gemacht. Er hat eine Venezolanerin geheiratet und mit ihr eine Familie gegründet. 2013 hatten sie genug von der Kriminalität: "Früher konnte man sich noch recht frei bewegen, wenn man ein paar Faustregeln einhielt. Aber irgendwann schien keine Mauer mehr hoch genug, um Einbrecher aufzuhalten", schildert G. seine Wahrnehmung.

Mit dem wirtschaftlichen Niedergang und der Versorgungskrise sei die Gewaltbereitschaft massiv gestiegen, sagt er: "Die meisten, die so etwas tun, haben ja keine andere Wahl, um Essen oder Medikamente zu bezahlen." Hinzu komme, dass die Polizei nicht das Geringste unternehme: "Vermutlich verdienen sie mit, oder wollen zumindest nichts riskieren."

Kein Vertrauen in Institutionen

"Plata o plomo", "Silber oder Blei" beziehungsweise "Geld oder Kugel", das ist die Losung, mit der kriminelle Banden allzu beflissene Beamte in ganz Lateinamerika konfrontieren. Doch in Venezuela sei das Vertrauen in die Ordnungskräfte gleich Null, sagt auch der Unternehmer Gerhard R.: "In Brasilien meldet man eine Straftat durchaus der Polizei, in Venezuela nicht."

Venezuela Protest Opposition Marsch Demo (Reuters/C.Veron)

Die Angst vor dem Einparteien-Staat vertreibt viele aus Venezuela

Überhaupt nehme er in Caracas eine Atmosphäre des Misstrauens wahr, die er aus keinem anderen Land kennt: "Es gibt dort kaum noch Taxis, weil niemand sie nutzt - aus Angst, man könnte direkt in das Auto eines Entführers steigen." Er übernachte inzwischen bei Kollegen, um den Weg nach dem Abendessen ins Hotel zu vermeiden. Und im Flugzeug reise er nach Venezuela nur noch mit Handgepäck, damit ihm niemand etwa in den aufgegebenen Koffer stecken kann. 

Aus demselben Grund, sagt er, fänden sich kaum noch private Logistikunternehmen, die Exporte aus Venezuela organisieren: Das Risiko, dass Zöllner in den staatlich kontrollierten Häfen Drogen in der Ladung verstecken, sei zu groß. Den dringenden Verdacht, dass Teile der Regierung die staatlich kontrollierten Häfen nutzen, um Drogen aus den Anden in die Welt zu verschiffen, untersuchen seit Jahren internationale Strafverfolgungsbehörden.

Der Exodus hat längst begonnen

Mit ihrer Emigration sind Steffen G. und seine Familie nicht allein. Viele Ausländer haben Venezuela in den vergangenen Jahren verlassen. Neue kommen kaum noch dazu. Viele internationale Firmen haben ihre Geschäftstätigkeit eingestellt oder bestehen nur noch als juristische Hülle.

Aber auch Venezolaner verlassen ihr Land. Manche Quellen nennen für 2016 die Zahl 150.000. Schon früher gingen vor allem wohlhabende und gebildete Venezolaner - zum Beispiel in die USA, wo sich ihre Zahl zwischen 2000 und 2012 auf rund 180.000 verdoppelte. Inzwischen suchen auch Menschen ohne besondere Qualifikationen ihr Glück im Ausland.

Das stellt die venezolanische Wirtschaft vor ein zusätzliches Probleme, denn es gehen vor allem junge Menschen, die eine im Ausland ein Chance auf Arbeit sehen: "Manche Unternehmen haben ihre venezolanischen Mitarbeiter in Niederlassungen in Chile oder Kolumbien untergebracht", sagt Gerhard R. Zu gegebener Zeit könnten sie dann zurück und die Geschäfte wieder aufnehmen. Doch je länger das dauert, umso weniger werden die Menschen ihre neue Existenz wieder verlassen wollen, fürchtet er und fügt resigniert hinzu: "Man kann nur hoffen, dass sich bald etwas tut."

*Die Namen sind zum Schutz der Quellen frei erfunden.

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