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Kultur

Leben im totalen Chaos

In den letzten Jahren ist das Phänomen des "Messie" immer mehr in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt. 15 Prozent der Bevölkerung leiden an dem Syndrom.

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Zusammengeknüllte Wolldecken liegen auf dem Sofa, die Ablagepapiere auf dem Fußboden. Wäsche und Kissen türmen sich auf dem Schaukelstuhl. Janice Pinnow wischt erst einmal die Tischplatte ab. Die 36-Jährige aus Adendorf bei Lüneburg (Niedersachsen) wirkt gehetzt. "Ich mache zu viel. Ich steige nicht mehr durch", stöhnt die Frau mit den kurzen, wirren Haaren. Sie bekennt sich als "Messie". Seit zwei Jahren arbeitet Janice nicht nur an ihrem eigenen Problem mit dem Chaos, sondern hat als Beraterin des Fördervereins zur Erforschung des Messie-Syndroms (FEM) inzwischen 1700 Gespräche mit Betroffenen geführt.

Was ist eigentlich ein Messie?

Seit einigen Jahren gibt es diesen Namen für das Phänomen: Messie-Syndrom, von dem englischen Wort "mess" = Chaos. "Messies" nennt man demzufolge Menschen, die größte Probleme haben, ihren Alltag zu organisieren und infolgedessen im Chaos ertrinken. Der Begriff "Messie" kommt aus dem Englischen, das Wort "mess" steht für "Unordnung und Durcheinander". Der 1998 gegründete bundesweite Förderverein FEM schätzt, dass 15 Prozent der Bevölkerung unter der Chaos-Manie leiden – Tendenz ist steigend. Männer und Frauen seien gleichermaßen betroffen. Charakteristisch für das Verhalten von Messies ist es, alles Mögliche zu beginnen, es aber nicht zu Ende zu führen.

"Die Inkonstanz übertragen sie auf alle Lebensbereiche", sagt Günter Lurz, leitender Psychiater und Diplom-Psychologe am Niedersächsischen Landeskrankenhaus in Lüneburg. Dieses Verhalten könne auf eine Störung des Gehirns zurückzuführen sein oder zeigen, dass die Betroffenen mit unangenehmen Gefühlen, Unzufriedenheiten, Depressionen oder Zukunftsängsten nicht zurechtkommen.

Übermäßige Sammelleidenschaft

"Es war wahnsinnig", erinnert sich die Mutter von zwei vier und neun Jahre alten Söhnen. "Ich habe alles aufbewahrt, vom leeren Kugelschreiber bis zum kaputten Kinderspielzeug." Jedes Schnäppchen musste sie erstehen, bis die Wohnung regelrecht zugestopft war. "15 Scheren, fünf Nudelsiebe - und ich konnte nie das finden, was ich gerade brauchte", sagt Pinnow. "Obwohl ich mich bei der Hausarbeit bis zur Erschöpfung verausgabte, blieb das Chaos. Ich arbeitete völlig planlos und brachte nichts zu Ende."

Häufig habe ihr Mann nach Feierabend wichtige Dinge suchen müssen. Zahlungen blieben offen, weil sogar die Mahnungen irgendwo im häuslichen Chaos verschwanden. "Als eines Tages mein Portemonnaie mit Kreditkarten, mein Handy und das Mobilteil des Haustelefons gleichzeitig verschwunden waren, war das Maß voll", gesteht Pinnow. Sie besuchte einen Messie-Kongress und wurde aktiv für den Förderverein. Drei Selbsthilfegruppen mit insgesamt 50 Mitgliedern hat sie inzwischen gegründet.

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