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Kultur

Leben im Schatten: Lesben in China

Die Homosexuellen-Szene in Chinas Großstädten taucht nur langsam aus dem Untergrund auf. Doch anders als schwule Männer führen lesbische Frauen in China gezwungenermaßen immer noch ein Schattendasein.

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Langsam beginnen Chinas Lesben, sich zu organisieren

Sie nennen sich "Lala", in Anlehnung an das englische Wort lesbian und den Namen "Lazi", so heißt die Hauptfigur im ersten Lesbenroman der taiwanesischen Autorin Qiu Miaojin. Sie haben ihre eigenen Chatrooms und Internetforen, treffen sich regelmäßig für einen Filmabend oder eine lockere Diskussionsrunde in einer Bar. Für die meisten Chinesen sind sie jedoch unsichtbar: die Lesben. Doch das soll sich ändern, meint Frau Xian von der Lesbenvereinigung Tongyu.

Eine Lesben-Gemeinde existierte bis 2004 praktisch nur im Internet. Man lernte sich in der virtuellen Welt kennen, verabredete sich vielleicht zu einem Treffen. "Aber im öffentlichen Leben gab es keinen Raum für uns, nicht einmal eine eigene Bar", sagt Frau Xian. "Deswegen setzen wir uns auch dafür ein, den Lesben ein Gesicht zu geben, damit die Leute mehr über ihre Lebenssituation und ihre Bedürfnisse erfahren", berichtet sie.

Doppelt benachteiligt

Xian gründete Anfang 2005 in Peking die Arbeitsgruppe "Tongyu". Übersetzt heißt das: "gemeinsame Sprache". Tongyu ist ein gemeinnütziger Verein für Lesben. Er organisiert eine Hotline, die den rat- und hilfesuchenden Frauen beisteht. Zugleich informiert eine Website des Vereins über Veranstaltungen und Treffpunkte. Die Mitarbeiterinnen sind selbst lesbisch und arbeiten ehrenamtlich. Oft bleiben sie noch lange nach der Sprechstunde am Telefon und beantworten Fragen.

Frau Xian betont ausdrücklich, dass Lesben zuerst einmal Frauen sind: "Daher gehören sie in doppelter Hinsicht zu einer gesellschaftlich benachteiligten Gruppe. Das Outing bedeutet für sie häufig eine Katastrophe. Man wird vom Arbeitgeber entlassen, von der Familie verstoßen oder am Arbeitsplatz gemobbt. Einem solchen Druck ausgesetzt leiden viele Lesben unter enormen psychischen Problemen."

Diskriminierung statt Verfolgung

Bis 1997 galt Homosexualität in China noch als Straftat, bis 2001 wurden Schwule und Lesben noch in die Psychiatrie gesteckt. Nun ist die Zeit der Verfolgung vorbei, doch die Diskriminierung existiert weiter - auch die von Frauen, meint Professor Zhang Beichuan, der sich seit mehr als zehn Jahren mit diesem Thema befasst.

Zhang unterstreicht, dass in China die Lesben ihre Forderungen nicht so laut äußern können wie die Schwulen, ihre Ansprüche sind auch bescheidener. "Viele Lesben können dem Druck der Familie und der Umgebung nicht standhalten, sie heiraten und verschweigen ihre sexuelle Neigung. Damit führen sie ein unglückliches Eheleben", sagt er.

Psychische Auswirkungen

Laut einer Umfrage, die von der Arbeitsgruppe Tongyu im Internet durchgeführt wurde, hat ein Drittel der befragten Frauen schon einen Selbstmordversuch hinter sich, mehr als die Hälfte hat schon mal mit dem Gedanken gespielt. Gewalt in der Familie ist ein weiteres Problemfeld. In den meisten Fällen sind die Beratungsstellen dann kaum mehr in der Lage, den Frauen Hilfe zu leisten. Im Vergleich zu den Hilfen, die Schwule erfahren, sind diese für Lesben kaum vorgesehen. Einen Grund sehen viele darin, dass die Notwendigkeit der Aids-Prävention bei Lesben nicht vorhanden ist. Dementsprechend fließen auch keine öffentlichen Mittel.

Deswegen sind die Frauen von Tongyu auch bemüht, Öffentlichkeitsarbeit zu leisten. Sie dokumentieren Lebensgeschichten, unterstützen wissenschaftliche Studien und entsprechende Projekte und sie organisieren Kulturprogramme. Wie Professor Zhang betont, brauchen Homosexuelle mehr Hilfe von der Gesellschaft und die dringendste Aufgabe sei: "Aufklärung. Wir müssen die Menschen über das Thema sexuelle Orientierung aufklären, um Vorurteile zu beseitigen."

Xian, die Leiterin von Tongyu, sieht der Zukunft optimistisch entgegen. Mit dem Wandel der sozialen Struktur und des traditionellen Familienbildes würde sich mehr Toleranz den Homosexuellen gegenüber entwickeln. Ein Beispiel: Die Diskussion über die Legitimierung der Homoehe wird bereits seit einiger Zeit geführt und eine Initiative für ein neues Gesetz liegt den Abgeordneten des Volkskongresses vor. Nun muss sie nur noch genügend Befürworter finden.

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