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Kultur

Leben im Labor der Evolution

Vor 50 Jahren kam Bolivar Montalvo Opinel auf die Galápagos-Inseln, die zauberhafte Inselwelt 1000 Kilometer westlich von Ecuador. Seitdem lebt er zwischen Ozean und Vulkan, zwischen Naturwundern und Touristenströmen.

Riesenschildkröten auf den Galapagos-Inseln, Quelle: dw

Riesenschildkröten auf den Galápagos-Inseln

Bolivar Montalvo Opinel, quelle: dw

Bolivar Montalvo Opinel

Mitten im pazifischen Ozean durchbrechen 19 Vulkanspitzen die glitzernde Oberfläche des tiefblauen Meeres, die Galápagos. "Las islas encantadas", die verzauberten Inseln, wie sie Walfänger und Piraten nannten. Ein einzigartiger Mix zwischen karger, felsiger Vulkanlandschaft und üppiger Tropenvegetation. Mit 18 Jahren erblickte auch der Ecuadorianer Bolivar Montalvo Opinel das erste Mal die Inseln: "Auf der Reise hierher sahen wir Wale und Delfine. Und dann die Seelöwen im Hafen von Puerto Ayora. Das war der schönste Empfang überhaupt."

Heimatlos

In den 1950er Jahren rief die Regierung Ecuadors dazu auf, die Galápagos zu besiedeln. Familien mit Pioniergeist aus verschiedenen Regionen des Andenstaates folgten dem Aufruf. Wie auch Bolivars Familie. Mit dem Zug reisten sie von ihrer Heimat Otavalo, einem kleinen Indianerdorf in der gewaltigen Bergwelt der Anden bis in die Hafenstadt Guayaquil. Dort gerieten sie mitten in einen Konflikt mit der Regierung: "Der Bürgermeister sagte: 'Nein, ihr dürft nicht auf die Galápagos fahren, weil das wichtigste Projekt erst einmal die Gründung des Nationalparks ist.'"

Sie saßen also fest: 25 Familien aus allen Teilen des Landes. Sie hatten ihren Besitz und ihre Freunde aufgegeben. Wofür? Es blieb den Pionieren erst einmal nichts anderes übrig als zu warten. Mit Tüchern und Stoffen errichteten sie ein notdürftiges Camp. "Eine Gruppe Erwachsener hat nachts aufgepasst, gegen Diebe, und wir haben unter offenem Himmel geschlafen. 43 Tage lang", erinnert sich Bolivar. Dann durften sie endlich fahren.

Invasion der Touristen

Die erste Begeisterung über den Empfang der Seelöwen verflog jedoch rasch: "Wir sahen nur zwölf kleine Häuser aus Holz. Wir wussten nicht, wo wir gelandet waren oder wohin wir gehen sollten. Das war frustrierend." Es folgten harte Jahre für Bolivar und seine Familie. Sie bekamen ihr Stückchen Land im Hinterland und lebten von dem, was der Boden hergab. Wenn die Siedler Glück hatten, kam ein Versorgungsschiff alle sechs Monate und brachte Reis, Zucker und Kaffee. Viele gingen zurück. Aber Bolivar gab nicht auf und ist heute Besitzer einer kleinen Herberge für Touristen.

Die Meerechse ist die einzige Echse, die ihre Nahrung im Meer sucht. Sie lebt nur auf den Galápagos-Inseln, Quelle: dw

Die Meerechse ist die einzige Echse, die ihre Nahrung im Meer sucht. Sie lebt nur auf den Galápagos-Inseln

Bolivar lebt vom wachsenden Tourismus. Trotzdem sieht er ihn kritisch: "Mit der Ruhe ist es jetzt vorbei." An der Hauptstraße sprießen Internetcafes, Hotels, Restaurants und Geschäfte wie Pilze aus dem Boden. 1980 besuchten 3000 Menschen die Inseln, heute sind es 120.000. Wegen der vielen gut zahlenden Touristen wollen auch immer mehr Ecuadorianer hier leben.

Konkurrenz für die Schildkröten

Siedler und Touristen zerstören das sensible Ökosystem der Inselwelt. Besonders schlimm sind eingeführte fremde Pflanzen- und Tierarten. Sie verdrängen oft die heimische Flora und Fauna. Auf der Nachbarinsel Isabella mussten beispielsweise schon über 100.000 Ziegen getötet werden, damit die Schildkröten dort überleben können. Die Ziegen fraßen den Riesenschildkröten alles weg.

Ein weiteres Problem für die Inseln ist ebenfalls von Menschen gemacht: Geld und Abhängigkeiten. So entdeckte die ehemalige Chefin des Nationalparks, Raquel Molina, eines Tages Boote, die unerlaubt im Nationalpark fischten. Sie forderte die Insassen auf, den Nationalpark zu verlassen. Sie und ihre Mitarbeiter wurden jedoch krankenhausreif geschlagen - von Soldaten der eigenen Marine. Bevölkerungswachstum, Tourismus, eingeschleppte Arten und schließlich dieser gewaltsame Übergriff auf Mitarbeiter des Nationalparks führten dazu, dass die UNESCO die Galápagos-Inseln im Juni 2007 zum "Welt-Naturerbe der Menschheit in Gefahr" erklärte.

"Es ist gut, dass endlich etwas passiert", meint Bolivar. "Ich habe den Tanz der Flamingos und den Tanz der Kormorane gesehen. Aber die Seehunde sind für mich die wahren Künstler der Inseln. Ihnen beim Spielen zuzusehen, es gibt nichts was magischer ist." Diesen Zauber auch in Zukunft zu erhalten, das ist Bolivars größter Wunsch.

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