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Kultur

Leben hinter der Reihenhausfassade

Schmaler Grundriss für ein schmales Budget: Reihenhäuser prägen seit 50 Jahren deutsche Wohnkultur. Fotograf Stan Engelbrecht wollte wissen, was hinter den Fassaden steckt. Reihenhausmannskost oder Vielfalt?

Paar mit Hund vor einem gartenhäuschen (Foto: Stan Engelbrecht/ Deutsche Reihenhaus AG)

Leben im Reihenhaus - in Deutschland steht das nicht gerade für individuellen Lebensstil. Im Gegenteil: 'bieder' und 'angepasst' seien die Bewohner. Langweilig und eintönig, wie ihre einheitlichen Fassaden mit dem bisschen Grün davor, wo jeder Grashalm mit der Nagelschere gestutzt scheint, und oft nur ein Grill, ein Bobbycar und eine Gartenliege Platz haben. Soweit das Klischee.

Weiße Reihenhäuser in Frankfurt (Foto: AP)

Die einheitliche Fassade...

Ganz ohne diese Vorurteile und ohne einen Schimmer von deutscher Wohnkultur, kam Fotograf Stan Engelbrecht extra aus Kapstadt, um Reihenhausbewohnern in ganz Deutschland einen Besuch abzustatten. Für ihn bargen schon die Fassaden ein gewisses Geheimnis. "Die Häuser sahen sich von außen so ähnlich, ich konnte wirklich nicht wissen, was im Inneren der Häuser auf mich wartet."

Klar, modern und skandinavisch

Die erste Überraschung war, wie viele Bewohner ihm, dem Fremden, Einlass gewährten, um Fotos von ihrem Zuhause machen zu können. Stan Engelbrecht entdeckte im Inneren dann tatsächlich erstmal gewisse Parallelen in der Art sich einzurichten. "Die Leute hatten einen ganz speziellen Anspruch, was den Stil ihrer Wohnung angeht", beschreibt er. "Auf mich wirkte alles sehr modern, sehr aufgeräumt, in einem minimalistischen Sinne. Als Außenstehender sehe ich das vielleicht anders", räumt er ein, "weil ich nicht so mit der IKEA-Kultur vertraut bin. Ich kann nur mit dem vergleichen, was ich aus Südafrika kenne."

Familie am Frühstückstisch(Foto: Stan Engelbrecht/ Deutsche Reihenhaus AG)

...und vier Gesichter dahinter in einer skandinavisch angehauchten Umgebung

Reihenhäuser sind allerdings nicht nur in Deutschland verbreitet. In ganz Nordwesteuropa sind sie beliebt: in England, den Niederlanden und Belgien. In Deutschland sind sie seit den 1950er Jahren eine begehrte Wohnform, weil sie nicht nur architektonisch schmal sind, sondern auch für ein schmales Budget geeignet. Behütet kann man sich hier fühlen, aber auch beobachtet, von den Nachbarn links und rechts daneben.

Einheit außen, Vielfalt innen

Martin Rendel, Kurator der Ausstellung 'Reihenhausmannskost' im Museum für Angewandte Kunst in Köln, wollte es genau wissen: Wer lebt eigentlich heute im Reihenhaus? Gibt es einen bestimmen Typ Mensch, der sich entscheidet so zu leben? Er beauftragte Engelbrecht einen Bildband zu machen und organisierte dazu die Ausstellung in Köln.

Frau mit Kopftuch im Garten (Foto: Stan Engelbrecht/ Deutsche Reihenhaus AG)

Gut die Hälfte der Reihenhausbewohner...

Bei aller Ähnlichkeit im Einrichtungsstil - die Reihenhaus-Bewohner selbst lassen sich keiner einheitlichen Gruppe zuordnen. "Neben der klassischen Familie mit Kleinkind", so Martin Rendel, "gab es z.B. eine Alleinerziehende, homosexuelle Paare, ältere Ehepaare mit und ohne Tier, sogar ein alleinstehender US-Soldat und eine 7-köpfige Familie aus dem Sudan waren dabei." Überhaupt hatte gut die Hälfte aller Reihenhausbewohner einen Migrationshintergrund. Für den Fotografen aus Kapstadt fühlte es sich dennoch überall so an, als würde er bei einer typisch deutschen Familie am Abendbrottisch sitzen. Viele Migranten hatten sich im Einrichtungsstil stark an deutsche Geschmäcker angepasst, so dass sich nur noch vereinzelt Wohnaccessoires aus der alten Heimat finden ließen.

Der Tisch ist das Zentrum - immer

Im Zentrum der Ausstellung steht der Esstisch. Sieben weiße Tischplatten auf denen sonst vielleicht gegessen, gebastelt oder die Steuererklärung gemacht wird, dienen nun als Projektionsfläche für Zeitrafferfilme, die bei den verschiedenen Reihenhausfamilien entstanden. "Der Tisch ist das zentrale Objekt eines jeden Reihenhauses, weil er durch die Architektur, den schmalen Grundriss der Häuser, immer in der Mitte steht", sagt Martin Rendel, "Wir haben etwas mehr als 100 Familien besucht, und egal, ob er rund eckig, groß oder klein war: Immer stand der Tisch im Mittelpunkt !" Das kann man wörtlich nehmen, denn dieser Tisch wird natürlich nicht nur zum Essen genutzt, sondern um "Familienkonferenzen" abzuhalten, zu spielen und zu streiten.

Zum Essen gedeckter Tisch mit orientalischen Spezialitäten (Foto: Stan Engelbrecht/ Deutsche Reihenhaus AG)

...die Fotograf Stan Engelbrecht besucht hat, hatten einen Migrationshintergrund

In der Ausstellung sind außerdem Alltagsgegenstände der Reihenhaus-Familien zu sehen: Müslischüsseln, Besteck und allerhand Nippes wird zu Exponaten als handele es sich um einen ganz besonderen Schatz. Das ist etwas, was Stan Engelbrecht besonders eindrücklich in Erinnerung geblieben ist: "Die Leute waren sehr stolz auf das was sie hatten" erzählt der Fotograf. "Und warum auch nicht?" fügt er hinzu: "Sie haben ein schönes Haus, eine Familie, sie waren so freundlich all unsere Fragen zu beantworten." Liebevoll spricht Engelbrecht von 'seinen' Reihenhausbewohnern. Von jedem kann er eine kleine Anekdote zum Besten geben.

Nur was für Nachbarschaftsliebhaber

Cover des Bildbandes Reihenhausmannskost (Foto: Stan Engelbrecht/ Deutsche Reihenhaus AG)

Der Bildband zur Ausstellung

Sind die Menschen in den Reihenhäusern also doch nicht so gleichförmig wie die Fassaden ihrer Häuser vielleicht vermuten lassen? Martin Rendel schmunzelt: "Nein, das sind sie nicht!" Aber es gebe immer noch gewisse Gemeinsamkeiten und Riten. Die Vorgärten seien immer noch peinlichst genau gepflegt. Man sehe daran aber eben auch, wie sehr die Bewohner ihr Heim lieben, und das Eigentum schätzten. Eigentum, auch wenn es nicht groß oder viel sei, sei wichtig, so Rendel, "vor allem für jemanden, der seine Wurzeln verloren hat, und hier neue Wurzeln schlägt."

Ein gutes Verhältnis zu den Nachbarn sei allerdings ein Muss. Schließlich lebe man ja sehr eng miteinander, zwar nicht übereinander wie in einem Mietshaus, aber eben nebeneinander. Dafür müsse man sich bewusst entscheiden. sonst funktioniere es nicht. Man kann das auch auf folgende Formel bringen: Wer im Reihenhaus lebt, muss Nachbarschaft mögen. Wer lieber für sich sein möchte, fällt hier aus der Reihe.

Autorin: Marcela Drumm

Redaktion: Marlis Schaum

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