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Kultur

Leben für den Chor

Laienmusik steht in Deutschland hoch im Kurs. Rund sieben Millionen Menschen verbringen ihre Freizeit musizierend und singend. Dass jemand aber 45 Jahre in ein und demselben Chor ist, dürfte doch eine Ausnahme sein.

Else Stiehl mit ihrer Ehrenurkunde für 45 Jahre Chorsingen (Foto: DW/Rabitz)

Ehrenurkunde fürs Singen

Else Stiehl ist immer in der ersten Reihe zu finden: bei den Proben und auch in den Konzerten. Dass dies ihr Stammplatz sei, davon will die Chorsängerin aber nichts wissen. Es gebe eben viele, die davor zurückschreckten, vorne zu stehen, meint sie und lacht. Sie hat ein Fotoalbum vor sich liegen. Die Bilder beweisen: Ja, auch früher stand sie schon in der ersten Reihe, damals, 1965, als sie in die Bonner Bach-Gemeinschaft eintrat.

Seither ist sie ihrem Chor treu geblieben. 45 Jahre - das ist mehr als ihr halbes bisheriges Leben. "Bis heute habe ich kein einziges Konzert versäumt", sagt die 75-Jährige stolz. Messen, Oratorien, Passionen - alles hat sie gesungen, allein Johann Sebastian Bachs "Matthäuspassion" dreißig Mal.

Konzert der Bonner Bach-Gemeinschaft (Foto: Bach-Chor)

Singen mit Leib und Seele - Else und "ihr" Chor beim Konzert

Großfamilie Chor

Am Anfang war der Chorgesang eine Art Familienunternehmen: Alle machten mit, zuerst der Ehemann, später die drei Kinder. "Urlaub, die sonstigen Termine - wir haben alles so organisiert, dass wir die Konzerte mitsingen konnten: Wir haben uns nach dem Chor gerichtet", erzählt Else Stiehl. Der Chor war eine Art Großfamilie, ein Lebensmittelpunkt. "Für einen Beruf hätte ich gar keine Zeit gehabt."

Denn es geht nicht nur um das Proben und Konzertieren. Die Bonner Bach-Gemeinschaft ist ein Verein, und wie in jedem Verein sind Ämter zu vergeben. Auch davor hat sich Else Stiehl nie gedrückt. Achtzehn Jahre lang war sie Schatzmeisterin. Und seit 1971 organisiert sie den Kartenverkauf. Proben versäumt die Chor-Enthusiastin bis heute nur im alleräußersten Notfall. Denn sie hat festgestellt: Singen hält fit an Leib und Seele.

Else Stiehl in ihrem Wohnzimmer (Foto: DW/Rabitz)

Else Stiehl und das "Wir-Gefühl"

Gemeinsame Reisen nach Italien und Frankreich haben jahrzehntelang den Zusammenhalt in ihrem Chor gestärkt, Nachwuchssorgen gab es nicht, man brachte die Kinder oder deren Freunde mit. Freilich - die Zeiten haben sich geändert. Um Neuzugänge muss heutzutage geworben werden. Die Anzahl der Reisen und Konzerte hat sich verringert, vielen Laienmusikern bleibt heute nicht so viel Zeit für ihr Hobby. Else Stiehl wird ein bisschen nostalgisch, wenn sie darüber nachdenkt und in den alten Fotoalben blättert.

Vor kurzem hat man ihr die Ehrenmitgliedschaft im Chor verliehen - ein Dankeschön, das sie sehr gerührt hat. Doch gelegentlich macht sie sich nun Gedanken darüber, wann sie ihren Platz räumen sollte. Nur noch wenige Sänger aus den Anfangsjahren sind dabei. Else Stiehl sorgt sich, ob sie nicht vielleicht den Absprung verpasst hat. "Wenn meine Stimme mitmacht, bleibe ich", verkündet sie vorerst. Gebraucht wird die stimmstarke Altistin in der ersten Reihe übrigens nicht nur beim Bach-Chor. Die zehnfache Großmutter singt auch noch im Kirchenchor. Und ein Mal in der Woche leitet sie die "Kurfürstenlerchen" - eine Seniorengruppe, die gerne Volkslieder singt. Else Stiehls Stimme und Begeisterung müssen also noch ein wenig halten.

Autorin: Cornelia Rabitz
Redaktion: Petra Lambeck

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