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Ostmitteleuropa

Leben auf Kredit

- Private Haushalte in Polen sind verschuldet und haben keinerlei Perspektiven, vom Schuldenberg herunterzukommen

Posen, 27.11.2002, WPROST, poln.,

Der Gesamtwert der Kredite, die von Privatpersonen aufgenommen wurden, beläuft sich zur Zeit auf 60,5 Milliarden Zloty (etwa 15,12 Milliarden Euro). Das ist 15 Prozent mehr als im vergangenen Jahr. Im Vergleich zu den westlichen Staaten sind das zwar keine erschreckenden Zahlen, weil sich die Verschuldung der privaten Haushalte in Polen auf lediglich sieben Prozent des Bruttoinlandsproduktes beläuft, in den USA hingegen auf 50 Prozent des BIP.

In Polen wächst jedoch rapide die Zahl der Kredite, die nicht getilgt werden können. Noch 1998 machten sie 10,5 Prozent aller Kredite aus, die in Polen gewährt wurden. Im Juni diesen Jahres ist ihre Zahl jedoch gestiegen und liegt schon bei 20 Prozent: "Das ist das Ergebnis eines kurzfristigen Denkens unter dem Motto: ‘Es wird schon irgendwie weiter gehen‘, bei dem nicht einmal das Risiko des Arbeitsplatzverlustes einkalkuliert wird", sagt Professorin Katarzyna Duczkowska-Malysz von der Haupthochschule für Handel (SGH) in Warschau.

Im Jahre 2002 gingen in Polen zwei Millionen Kredite in das gerichtliche Mahnverfahren. Das ist doppelt soviel wie ein Jahr zuvor. (...)

Maria Ziemlicka, eine Krankenschwester aus Warschau, nahm vor fünf Jahren einen Kredit in Höhe von 30 000 Zloty auf, um ihre Wohnung zu renovieren und einzurichten. Ihr Mann verdiente damals sehr gut. Dann, 1998 kam die Scheidung und ein Jahr später wurde ihr gekündigt. Die Verschuldung beträgt jetzt 50 000 Zloty und wächst ständig. Die Bank hat zwar einer Streckung der Rückzahlung zugestimmt, rechnete aber natürlich auch die Zinsen dazu. Heute erwartet Maria Ziemlicka den Gerichtvollzieher und sorgt sich darüber, ob das Geld aus der Versteigerung der Möbel ausreichen wird, ihre Schulden zurückzubezahlen. Wenn nicht, kann die Bank ihre Eigentumswohnung übernehmen und sie selbst landet auf der Straße. In einer ähnlichen Lage befinden sich jedoch fast eine Million Polen. Sie haben keine solchen Möglichkeiten wie die Schuldner in den USA, und sie werden bis zum Ende ihres Lebens verschuldet bleiben.

Ein Teil der von Insolvenz bedrohten Haushalte kam unter anderem durch den Autoboom vor zwei Jahren in diese Lage. In Polen wurden in dieser Zeit über 640 000 Neuwagen verkauft und viele davon wurden durch einen Kredit finanziert", sagt Ryszard Franaszczyk, Direktor bei der Firma Volkswagen Bank Polska und fügt hinzu: "Heute haben sie Schwierigkeiten, ihre Raten in Höhe von 500 bis 700 Zloty zurückzubezahlen." Auch die Zahl der Personen, die einen Kredit in Euro aufnahmen, um eine Wohnung oder Immobilien zu kaufen, wächst rapide. Der Euro kostete noch vor zwei Jahren 3,2 Zloty. Heute liegt der Kurs bei über vier Zloty: "Die Zahl der Kunden, die Schwierigkeiten haben, ihren Kredit zurückzubezahlen, ist in den letzten zwei Jahren um fast 200 Prozent gestiegen", sagt Tomasz Gdyn (...) Direktor der Hypothekenkreditabteilung bei der Bank Pekao SA. (...)

Für viele Polen wurde die Rückzahlung von kleinen Beträgen plötzlich zu einem Problem. Pro Jahr eröffnen wir 60 000 bis 70 0000 Verfahren, bei denen die Schulden zwischen einigen hundert Zloty bis eineinhalbtausend Zloty liegen," teilt Krzysztof Matela, Leiter der Firma EGB Investments aus Bydgoszcz (Bromberg) mit, die sich auf die Eintreibung von Schulden spezialisiert hat. (...)

"Die Zahl der Zwangsvollsteckungsverfahren wächst rapide", sagt Iwona Karpiuk-Suchecka von der Kammer der Gerichtsvollzieher und fügt hinzu: "In meinem Revier gab es 20 Prozent mehr Verfahren als ein Jahr zuvor. Es gäbe sicherlich noch mehr Verfahren, aber die Menschen sind sehr findig. Um sich vor dem Verlust des Vermögens zu schützen, überschreiben sie ihre Immobilien auf Familienangehörige, veräußern ihre Wagen, die auf Kredit gekauft wurden, kündigen ihre legale Arbeit, um der Gehalts- oder Lohnpfändung zu entgehen. Diese Leute landen dann in der Schattenwirtschaft. Eine der Nebenwirkungen des Problems der Insolvenz ist unter anderem die immer größer werdende Grauzone der Wirtschaft, in der 15 bis 20 Prozent des Bruttoinlandsproduktes erarbeitet wird und wohin die von Insolvenz Bedrohten flüchten. (...)

Im Falle einer Insolvenz verlieren die Betroffenen in Polen alles und vergrößern dann die Armee der Sozialhilfeempfänger oder verschwinden aus der Legalität und beschäftigen sich in der Grauzone der Wirtschaft. In dem neuen polnischen Insolvenzgesetz wird es jedoch die Insolvenz privater Personen nicht geben. "Jeder dritte Schuldner würde dann sagen, dass er nicht imstande sei, seine Kredite zu bezahlen und würde einen Insolvenzantrag stellen", meint Dariusz Czajka, Vorsitzender der 12. Abteilung des Wirtschaftsgerichtes in Warschau.

Der Gesamtwert der Kredite, die 2002 allein von der Bank PKOBP gewährt wurde, stieg im Vergleich zu 2001 um 25 Prozent. Die Bank Pekao SA gewährte in diesem Jahr 30 Prozent mehr Kredite als ein Jahr zuvor. Die Lage bei anderen Banken ist ähnlich. Vor uns liegt Weihnachten und in dieser Zeit wächst rapide auch die Zahl der kurzfristigen Kredite. "Die Menschen vertrauen den Politikern, die behaupten, dass die Wirtschaftskrise nur vorübergehend sei. Sie möchten also weiter ihren Lebensstandard behalten, auch dann, wenn sie sich das nicht mehr leisten können," sagt Rafal Antczak, ein Experte der Firma Case. (Sta)

  • Datum 29.11.2002
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