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Asien

Leben auf dem Dach

Etwa 5000 Menschen leben auf Hongkongs Dächern. Aus purer Armut. Der Platzmangel und die hohen Mietpreise lassen ihnen keine Wahl. Hoch über der Stadt sind sie Wind, Regen und Sonne ausgesetzt.

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Slums in luftiger Höhe, weil Hongkong am Boden keinen Platz mehr hat

Ein Glück, dass gerade Winter ist. Im Sommer, bei 35 Grad und knapp 100 Prozent Luftfeuchtigkeit muss der Aufstieg in den zehnten Stock die Hölle sein. Der geschwungene Betonhandlauf führt unerbittlich höher und höher. Es ist stickig, riecht nach kalt gewordenem Essen. Dann, ganz oben eine kleine Metalltür, die offen steht. Ein Schritt hinaus aufs Dach - an die Luft, in die Freiheit, in die Armut.

"Ich komme aus der Provinz Guangdong und lebe seit 2005 in Hongkong", erzählt einer der Bewohner, den wir hier Herrn Zhang nennen wollen. "Ich arbeite im Renovierungsgeschäft, aber ohne festen Job, auf Abruf. Meistens verdiene ich fünf bis sechshundert Euro im Monat. Manchmal habe ich aber monatelang gar keinen Job."

Herr Zhang ist 38 Jahre alt und lebt auf dem Dach, genauer in einem schlecht zusammengemauerten Dachaufbau auf einem Sechzigerjahrehaus im ärmlichen Stadtteil Sham Shui Po. Seine Wohnung hat geschätzte 45 Quadratmeter mit vier kleinen Zimmern und einem weiteren Raum, der Küche, Bad und Klo in einem ist. Der Putz blättert überall ab. Herr Zhang lebt hier nicht allein. Da sind noch seine Frau, seine beiden Kinder, seine beiden Eltern und sein Neffe. Insgesamt sieben Personen. Er ist der einzige Verdiener. Die heruntergekommene Unterkunft kostet 300 Euro. Ein Vermögen für Herrn Zhang, doch spottbillig für Hongkong. Zu haben ist das nur auf den Dächern der Stadt.

Hongkong Baracken

Ganze Familien leben auf kleinstem Raum in klapperigen Dachaufbauten

Das Dach als letzter Freiraum

Auch Ernest Chui sitzt hoch über der Stadt, 5 Kilometer weiter südlich in einer Cafeteria mit Aussicht, ganz oben im Turm der Hongkonger Universität. Chui ist Wissenschaftler, erforscht die Lebensumstände der Armen in Hongkong. "Jobs gibt es für diese Menschen nur in den verdichteten Innenstadtbezirken: in Restaurants, Teehäusern und so weiter", sagt er. "Diese Gegenden sind aber komplett bebaut. Da ist kein Platz für provisorische Unterkünfte wie Hütten oder Baracken." Deshalb besiedeln Menschen mit wenig Geld seit eh und je die einzigen ungenutzten Flächen der Stadt: die Hausdächer. Die meisten Dachbewohner sind Einwanderer aus Festlandchina, en paar auch aus Südostasien. Räumlich betrachtet beginnt ein Einwandererleben in Hongkong oft nicht ganz unten, sondern ganz oben.

Und da lebt es sich hart. Herr Zhang denkt mit Grausen an den kommenden Sommer. "Dann erstickt man fast, so heiß ist das. Tagsüber bleiben wir nicht hier. Wir gehen runter irgendwo in den Schatten oder in den klimatisierten U-Bahnhof." Wenn im Spätsommer die Taifune kommen, regnet es herein. Die Decke der Zhangs ist ein einziger brauner Wasserschaden.

Hongkong Baracken

Die Küche ist gleichzeitig Bad und Toilette

Trügerische Romantik

Draußen auf den Gängen zwischen den Hütten aber sieht es gemütlich aus, vor allem abends: der von der Stadt angestrahlte Himmel, beleuchtete Fenster unter windschiefen Dächern. Doch das wird es wohl nicht mehr allzu lange geben. "Die meisten Dachunterkünfte liegen auf Häusern, die schon vierzig oder fünfzig Jahre alt sind", berichtet Ernest Chui. "Viele dieser alten Häuser wurden schon durch neue ersetzt." Heute gibt es nur noch etwa 3000 Dachwohnungen für 5000 Bewohner. Das Leben verschwindet also langsam von den Dächern. Grund zur Trauer? Romantik ist hier fehl am Platz. Familie Zhang würde liebend gern ein paar Stockwerke weiter nach unten ziehen. Doch auch dort können die Unterkünfte elend aussehen. Manchmal sind es nur Käfig- oder Bretterverschläge.

Autor: Markus Rimmele
Redaktion: Nicola Reyk