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Wissen & Umwelt

Leben auf altem Atommüll

Nach einer Gesetzesänderung müssen 126.000 Fässer mit radioaktiven Abfällen aus dem Atommülllager Asse entfernt werden. Doch wird die Prozedur wesentlich länger dauern, als die Anwohner gehofft hatten.

Atommülllager Asse in Niedersachsen Foto: DW/ Andre Leslie

Atommülllager Asse in Niedersachsen

In ihrer Küche in Remlingen gießt sich Heike Wiegel eine Tasse Tee auf. Seit über 30 Jahren lebt sie nun in unmittelbarer Nähe von der Asse, einer von Deutschlands berüchtigsten Anlagen für die Endlagerung radioaktiver Abfälle, etwa zehn Kilometer südöstlich von Wolfenbüttel in Niedersachsen.

Über die Qualität des Trinkwassers macht sich Wiegel, die Ehefrau eines Landwirts, keine Sorgen, sagt sie: "Man kann sich nicht jeden Tag vor Angst vergraben. Das macht auch keiner - es wird eher ein Stück weit verdrängt."

Heike Wiegel, Mitglied im Verein aufpASSEn e.V (eine Bürgerinitiative gegen der Atommülllager Asse) steht vor ihrem Haus in Remlingen, Niedersachsen. Foto: DW/ Andre Leslie

In Remlingen stellt Heike Wiegel A-förmige Schilder auf, um an die Asse zu erinnern.

Wiegel lebt nicht nur hier, sie ist auch Mitglied der Bürgerinitiative 'aufpASSEn'. Diese hat es sich zum Ziel gesetzt, das öffentliche Bewusstsein zum Thema Asse zu schärfen.

In der Region gibt es noch andere Asse-kritische Gruppen. Seitdem die Räumung des Atommülls aus diesem Lager gesetzlich angeordnet worden ist, wollen diese Gruppen sicherstellen, dass sich Fehler aus der Vergangenheit in Zukunft nicht wiederholen.

"Was hier in der Asse damals passiert ist, hätte niemals passieren dürfen", meint Wiegel nach einer langen Pause: "dass man in so einen maroden Salzstock Atommüll hineinschmeißt."

Tief in der Erde gelagert

In weniger als zwei Kilometern Entfernung treten Arbeiter in schmierigen Overalls mit Sauerstoffvorräten und Helmen auf den Köpfen aus einem Schacht.

Die Asse war einmal ein sehr produktives Salzbergwerk, bevor es im Jahr 1964 geschlossen wurde. Kurz darauf hat die deutsche Regierung es gekauft und über ein Jahrzehnt lang als Lager für niedrig- bis mittelradioaktiven Müll genutzt. Die Fässer, von denen die meisten direkt von Atomkraftwerken angeliefert wurden, wurden in leere Kammern gebracht, die während der Salzminenzeit ausgehoben worden waren.

Nun bemühen sich Ingenieure und Sicherheitsexperten darum, die Grube abzustützen, um den jahrzehntealten Atommüll, der tief in der Erde lagert, zu sichern.

Florian Emrich vom Bundesamt für Strahlenschutz (BfS), das seit 2009 als Betreiber für Betrieb und Stilllegung der Asse verantwortlich ist, erklärt, warum dort seit einiger Zeit kein weiterer Atommüll mehr angenommen wird: "Man hat mit der Einlagerung offensichtlich deshalb aufgehört, weil man auf dieser Anlage die Bestimmungen des Atomgesetzes nicht einhalten kann. Deshalb hat man sie auch geschlossen und keine weiteren Einlagerungen mehr betrieben."

Unbekannter Inhalt, abschüssige Grube

Zwar wird kein neuer Atommüll mehr angeliefert, doch lagern immer noch Tausende von Fässern in den tiefgelegenen Salzkammern. Emrich sagt, es sei nicht bekannt, in welchem Zustand diese Fässer sind. Um ihn zu erkunden, finden nun Testbohrungen statt. Man befürchtet, dass einige der Fässer im Lauf von ungefähr 40 Jahren angefangen haben, zu rosten und undicht  zu werden.

Außerdem, sagt er, sei die Grube an sich nicht standfest. Seit Jahren sickere Grundwasser in das ehemalige Salzbergwerk. Um den Atommüll wie geplant entfernen zu können, werden nun neue, stabilere Zugangsschächte gebaut.

Faesser mit radioaktivem Atommüll in der Asse Foto: Helmholtz Zentrum Muenchen/dapd

Zwischen 1967 und 1978 wurden in der Asse Fässer mit radioaktiven Abfällen eingelagert.

"Seit 1988 tritt Wasser in die Grube ein", erklärt Emrich. "Die Situation hat sich so entwickelt, dass man gesagt hat: 'Diese Grube ist offensichtlich nicht sicher. Hier gibt es ein Problem mit der Stabilität.' Wenn irgendwo Wasser eintritt, dann besteht immer die Gefahr, dass es noch mehr Wasser wird, und die Grube irgendwann absäuft."

Insbesondere befürchtet man, dass der Druck, der in einer mit Wasser gefüllten Schachtanlage entsteht, den Atommüll an die Erdoberfläche treibt, wo er lokale Wasservorkommen kontaminieren könnte.

Führungen durch die Asse

Solcher Befürchtungen zum Trotz  gibt es wöchentliche Besichtigungstouren für Journalisten und die Öffentlichkeit. Annette Parlitz führt eine kleine Gruppe durch die Anlage. Jede Woche bringt sie Interessierte tief in die dunklen Salzkammern unter der Erde.

So wie sie haben viele andere während der letzten Jahre auf der Anlage Arbeit gefunden. Allerdings muss sie einen kleinen Geigerzähler tragen, um die Radioaktivität zu messen, die vom hier gelagerten Müll ausgehen könnte.

"Die Belastung unter Tage ist wirklich sehr, sehr gering", erläutert Parlitz. "Das liegt daran, dass Salz Radioaktivität so gut abschirmt, dass bei mir, auf der anderen Seite der Einlagerungskammer, praktisch keine Strahlung mehr ankommt."

Langes Warten

Seit fast 20 Jahren beobachtet Klaus-Günter Warnecke, Bürgermeister von Remlingen, den Fortschritt, der in der Asse-Anlage vonstatten geht. Kürzlichen Medienberichten zufolge muss er aber noch weitere 20 Jahre warten, bis die Räumung der Anlage tatsächlich beginnen kann.

Dieser Zeitraum von heute bis 2033 bereitet vielen Menschen Kopfzerbrechen", sagt Warnecke. "Die Erwartungshaltung hier ist eigentlich, dass man mit der Räumung viel, viel schneller beginnt. Man hat hier den Eindruck, dass sich relativ wenig tut."

Florian Emrich, Pressesprecher für Bundesamt für Strahlenschutz, vor der Infostelle zur Schachtanlage Asse in Niedersachsen. Foto: DW/ Andre Leslie

Florian Emrich gibt zu, dass die Räumung der Asse eine große Herausforderung ist.

Emrich vom BfS erwähnt, dass der Gesetzgeber das Jahr 2033 zwar als Beginn der Säuberungsaktion besprochen habe, dass dieses Datum jedoch nicht festgelegt sei. "Die sichere Schließung der Asse ist eine große Herausforderung. Wir müssen hier die Hinterlassenschaften, die andere verursacht haben, beheben", sagt er. "Das Datum 2033 ist kein finaler Termin."

Ein Blick in die Zukunft

Sobald die Räumungsaktion nun wirklich startet, stellt sich die Frage, wo der Atommüll dann gelagert werden soll. Unter der Bevölkerung wird die Befürchtung laut, dass die zuständigen Behörden sich für eine Lagerung an der gleichen Stelle, nur eben oberhalb der Erdoberfläche, entscheiden könnten.

Emrich sagt, einige Faktoren sprächen durchaus für eine Anlage in unmittelbarer Nähe: Die bürokratischen Anforderungen wären weniger aufwändig, außerdem ließe sich dadurch ein Transport von Atommüll - in Deutschland immer ein sehr kontroverses Thema - vermeiden.

Heike Wiegel hofft, dass die Gesetzesänderungen, die die Räumung der Anlage angeordnet haben, zumindest ein paar Verbesserungen bringen. "Es ist eine Frage des guten Willens", sagt sie. "Ich hoffe, der gesunde Menschenverstand wird siegen, und die Räumung findet statt, bevor mit dieser Grube etwas schief geht."

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