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Kultur

Leben am Rande des Eises

Die globale Erwärmung bringt das arktische Eis zum Schmelzen: Mensch und Tiere müssen sich den veränderten Bedingungen anpassen. Mitunter dauert das länger als der Klimawandel ihnen Zeit lässt.

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Schneehütte unter gleißender Sonne

Die Eisbären der Arktis bewegen sich auf dünnem Eis – im Wort- und im übertragenen Sinne: Die globale Erwärmung lässt das Eis unter ihren Tatzen schmelzen und schneidet die Tiere von ihren herkömmlichen Jagdgebieten ab. Die Folge: Während der Wintermonate können sich die 400-Kilo-Brocken nicht die überlebenswichtige Fettschicht zulegen, die sie für die Sommermonate auf dem Festland brauchen.

Mit der weltweiten Erwärmung friert das Meer im Winter später zu und taut im Sommer früher wieder auf. "Für jede Woche, die das Eis früher aufbricht, wird der Bär um zehn Kilo leichter ans Festland zurückkehren", sagt Peter Prokosch, Geschäftsführer des World Wide Fund for Nature (WWF). Die Lebensbedingungen der etwa 22.000 Tiere hätten inzwischen "dramatische Ausmaße" angenommen.

Ende des Jahrhunderts: kein Eis mehr am Nordpol?

Nach wissenschaftlichen Studien sind gerade die kältesten Regionen vom Klimawandel besonders betroffen: Die durchschnittliche Lufttemperatur der Arktis ist nach Angaben des WWF in den vergangenen hundert Jahren um fünf Grad Celsius gestiegen. Allein seit den 1960er Jahren soll das arktische Eis infolge dieser Lufterwärmung um rund 40 Prozent geschwunden sein. Zu diesen Erkenntnissen kamen Forscher des Londoner University College bei der Auswertung von Satellitenaufnahmen. Norwegische Untersuchungen bestätigen das düstere Bild: "Am Ende dieses Jahrhunderts wird es im Sommer kein Eis mehr am Nordpol geben", prognostiziert Ola Johannsen vom Nansen-Forschungsinstitut im norwegischen Bergen.

Schnelle Anpassung gefordert

Die Auswirkungen der kontinuierlichen Erwärmung verändern nicht nur die Lebensbedingungen der Tiere, sondern auch die der Menschen in der Region: Seit Jahrtausenden sind die Eingeborenen in Nordamerika, die Inuit, an das Leben in der Arktis angepasst. Sie jagen Robben und Eisbären, gehen auf Fischzug oder schießen Vögel. Sie nähen ihre Kleidung aus wasserdichter Robbenhaut. Ihre traditionellen Behausungen, die Iglus, sind in rund einer Stunde gebaut.

Zum Iglu-Bau wird lediglich eine Stelle gebraucht, wo der Schnee hart und fest genug ist. Aus denen werden rechteckige Schneeblöcke ausgeschnitten und als Rotunde aufgeschichtet. Zum Schluss werden die Fugen mit Schnee ausgefüllt. Inzwischen leben viele Inuit allerdings in Holzhäusern, der technische Fortschritt - und der Klimawandel - hat unter anderem auch in der kanadischen Provinz Nunavut am Polarkreis Einzug gehalten.

Jahrhundertealte Erfahrungen helfen nicht mehr

"Die Auswirkungen des Klimawandels sind für uns allgegenwärtig", sagt Peter Kilabuk, Minister für Nachhaltige Entwicklung für die Region Nunavut, in der rund 28.000 Menschen leben – auf knapp zwei Millionen Quadratkilometern. Vor allem die Jäger bekämen die Veränderungen zu spüren: Die Jagd wird schwieriger, weil wilde Tiere ihre gewohnten Routen ändern.

Menschen verlaufen sich in der Wildnis, weil auf die gewohnten Schneewehen zur Orientierung kein Verlass mehr ist. Die veränderte Schnee-Qualität erschwert den Bau der traditionellen Iglus: Nur aus hartem, festem Schnee lassen sich die "Ziegel" schneiden. Die Inuit sollen mindestens ein Dutzend Bezeichnungen für Schnee haben: illusaq ist zum Beispiel der Schnee, der benutzt werden kann, um einen Iglu zu bauen, sitilluqaq ist eine Anhäufung von hartem Schnee, tumarinyiq eine gekräuselte Schneewehe. Die Gefahr besteht, dass auch die Inuit bald nur noch drei Wörter brauchen: Schneefall, Pappschnee und Matsch.

Nunavut: Klimawandel und Umweltverschmutzung

"Der Klimawandel hat Nunavut erreicht", beklagt Nachhaltigkeitsminister Kilabuk. "Er ist ein ernsthafter Anlass zur Sorge für uns." Und leider nicht der einzige: Fernab von Ballungszentren und Industrieanlagen nehmen Luft- und Wasserverschmutzung zu. Denn: Luft und Wasser tragen Schadstoffe in die nördlichen Regionen, konzentrieren sich dort – gerade wegen des kalten Klimas – und bedrohen Mensch und Tier. Ein Beispiel: Der PCB-Wert im Blut der Inuit in Nunavut ist bis zu siebenmal höher als von Nordamerikaner derselben Altersgruppe.

Wissenschaftler vermuten, dass die Schadstoffbelastungen in Lebensmitteln und Trinkwasser Krebs, Behinderungen und genetische Krankheiten verursachen könnten. Sollen die Inuit deshalb auf ihre traditionelle Ernährung – Lebertran, Fisch und Robbenfleisch – verzichten, obwohl gerade diese Nahrungsmittel ihnen unter den extremen klimatischen Bedingungen im Norden das Überlebensnotwendige liefern?

Hand in Hand: Wissenschaftler und Inuit

Der WWF ist bemüht, die Ursachen des Klimawandels in der Arktis zu erforschen, um den Inuit plausible Antworten auf ihre Fragen zu geben. Deren überliefertes Wissen kann im Gegenzug die Lücken schließen, die die Forschung offen lässt. Die Ergebnisse des WWF-Projekts sollen den Inuit zur Verfügung gestellt werden. Die aber seien skeptisch, sagt Moe Keenanaq von der Hunters und Trappers Association. Zu viele schlechte Erfahrungen hätten sie in der Vergangenheit mit Wissenschaftlern machen müssen: "Die machen ihre Untersuchungen, bekommen ihre Daten. Dann gehen sie zurück in den Süden und wir hören nie mehr etwas von ihnen."

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