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Kultur

Leben als Straßenkind in Deutschland

Nichts haben und auf der Straße leben – als Kind. Tausende Minderjährige sehen jedes Jahr keinen anderen Ausweg. Theoretisch dürfte das in Deutschland gar nicht passieren, sagen Experten.

Portät von Sabrina Tophofen vor dem Kölner Dom. Sie hat hier sechs Jahre auf der Straße gelebt (Foto: DW)

Ein Leben ohne Adresse und fast ohne Besitz. Essen klauen, wenn der Hunger zu sehr quält. Drogen nehmen oder Alkohol trinken, wenn es nicht mehr geht. Fast täglich einen neuen Platz zum Schlafen suchen, häufig draußen, auch wenn es regnet oder kalt ist. Die meiste Zeit: abhängen, rumsitzen, nichts tun. Wer einmal auf der Straße angekommen ist, kommt dort so leicht nicht wieder weg. Sabrina Tophofen hat es geschafft. 30 Jahre ist sie alt und sechs davon hat sie vor allem auf der Straße gelebt. Sie war eines der jüngsten Straßenkinder von Köln. Wer hier kein festes Zuhause hat, trifft sich rund um den Kölner Dom, ein Szenetreffpunkt, wie es ihn auch in anderen europäischen Großstädten gibt. "Die Leute dort haben mir das gegeben, was ich gesucht habe: bedingungslose Liebe", erzählt Sabrina Tophofen. Heute hat sie selbst fünf Kinder, ist glücklich verheiratet und ausgebildete Zahntechnikerin.

Porträt Sabrina Tophofen, ehemaliges Straßenkind (Foto: DW)

Sabrina Tophofen hat den Absprung geschafft

Zuhause, das war in ihrer Kindheit eine Sinti-Familie in Duisburg. Als Elfjährige hält sie es dort nicht mehr aus. "Von Zuhause weg bin ich, weil ich von meinem Vater missbraucht worden bin: mit Gewalt, sexuell, seelisch, in jeder Art und Weise." Ihre Mutter schlägt sie, nennt die Tochter eine Lügnerin, erlaubt ihr nicht mehr in die Schule zu gehen. Sabrina zeigt ihren Vater an und kommt in einem Mädchenheim in Düsseldorf unter. Dort sind die Zustände kaum besser als in ihrer Familie. Immer wieder flüchtet sie nach Köln, verbringt Zeit am Dom und wird schließlich vom Heim suspendiert. "Ich war noch ein Kind und offiziell obdachlos, das muss man sich mal vorstellen", sagt Sabrina. Weil viele sich das nicht vorstellen können, und auch nicht, wie so eine Geschichte ein Happy End haben kann, hat Sabrina mit der Journalistin Veronica Vattrodt ein Buch über ihre Zeit auf der Straße geschrieben: "Solange bin ich vogelfrei: Mein Leben als Straßenkind" erschien 2010.

Einen Schritt vorwärts, zwei zurück

Dass Sabrina Tophofen nun ein "normales" Leben führt – "ein Zufall", meint Soziologe Ronald Lutz, der an der Fachhochschule Erfurt Soziale Arbeit lehrt. "Generell gilt: Je länger ich mich in der Situation bewege und desto weniger Hilfe ich bekomme, desto mehr verfestigen sich bestimmte Muster." Auch an das Leben auf der Straße kann man sich gewöhnen. Drogen und Alkohol machen die Situation erst erträglich und später dann zur Sackgasse. "Geschätzte 30.000 Obdachlose gibt es in Deutschland", sagt Ronald Lutz.

Der Soziologe Ronald Lutz vor einer Weltkarte (Foto: DW)

Soziologe Ronald Lutz

Etwa 10.000 Kinder und Jugendliche werden in Deutschland jährlich von sozialen Einrichtungen betreut, die sich zum "Bündnis für Straßenkinder" zusammengeschlossen haben. "Der Austausch mit den anderen Einrichtungen ist wichtig, weil viele Jugendliche wandern bevor sie etwa nach Berlin kommen", sagt Jörg Richert, Vorstand des Bündisses und Geschäftsführer einer Berliner Einrichtung für Kinder und Jugendliche in Not. Die Hauptstadt ist ein beliebtes Ziel. "Weil es hier eine große Subkultur gibt, mit vielen leer stehenden Altbauten, in denen es Schlafplätze gibt und mit einer Szene, in der man gut untertauchen kann." Im Westen sind die Anziehungspunkte Hamburg, Stuttgart, Köln.

Wo es dort vor Ort Hilfe gibt, spricht sich schnell rum. "Per Mundpropaganda wird weitergegeben, wo man schlafen kann oder wo es warmes Essen gibt", erklärt Richert. Über 400 Millionen Euro koste die Jugendhilfe in Berlin jährlich, etwa 2.000 Jugendliche nehmen die Angebote in Anspruch. Zum Vergleich: In der knapp 490.000-Einwohner-Stadt Duisburg kommen immerhin 15 Jugendliche und junge Erwachsene täglich zur Anlaufstelle "Pro Kids", einige seit Jahren. "Viele haben nach sechs Jahren noch Defizite; machen mal einen Schritt vorwärts, dann zwei zurück", beobachtet Leiter Matthias Beine.

"Echte Straßenkinder gibt es nur in Osteuropa"

Die Gründe, warum Jugendliche nicht bei ihrer Familie bleiben wollen, sind - wie im Falle von Sabrina Tophofen – auch nach Erfahrung der Sozialarbeiter meist lang verschleppte Konflikte, auch Gewalt oder Missbrauchserfahrungen. "Die Jugendlichen kommen fast ausnahmslos aus Familien, die bereits in Armut leben oder von Armut bedroht sind. Eltern ohne Einkommen, manchmal alkoholabhängig, Migrantenfamilien, überforderte Alleinerziehende", so Richert. Die Sozialarbeiter versuchen zwischen Eltern und Kindern zu vermitteln. Nicht immer gelingt das, oft zeigten Eltern wenig Verständnis für die Sicht der Kinder weil sie meist selbst nicht in der Lage seien, das eigene Leben zu bewältigen.

Ein rumänischer Junge blickt durch einen Maschendrahtzaun (Foto: dpa)

Straßenkind in Rumänien

Dass Jugendliche oder sogar Kinder dann die Familien verlassen um auf der Straße zu leben, so weit dürfe es in Deutschland theoretisch gar nicht erst kommen, meint Soziologe Ronald Lutz. "Die gesetzlichen Grundlagen sind da, die Strukturen auch, nur den Jugendämtern fehlt praktisch meist die personelle Ausstattung, um frühzeitig einzuschreiten und zu unterstützen." Trotzdem sei Deutschland im europäischen Vergleich führend in der Unterstützung von Familien und der sozialen Fürsorge. Deshalb wehrt sich Lutz auch gegen den Begriff "Straßenkind". Er verwendet ihn nur für Kinder in Staaten, die keine ausgebauten Kinder- und Jugendhilfemaßnahmen haben. Zum Beispiel in osteuropäischen Ländern, in Städten wie Moskau und St. Petersburg, Sofia oder Bukarest. In Südeuropa sei die Situation ähnlich wie in Deutschland, es gebe eventuell sogar etwas mehr betroffene Minderjährige. Liverpool und London hätten ebenfalls eine entsprechende Szene, auch "wegen des hohen Migrationsanteils".

Ausbau des Bildungssystems als Lösung

Die Minderjährigen, die in Deutschland"ihren Lebensmittelpunkt auf die Straße verlagern" hätten jederzeit die Möglichkeit, unterzukommen. "Ich würde eher von einer Heimatlosigkeit, als von einer Obdachlosigkeit sprechen." Ein wesentlicher Teil der Lösung ist aus Sicht des Soziologen Lutz der Ausbau des Bildungssystems, das die sozial Benachteiligten fördert und nicht sich selbst überlässt. "Wir haben eine immense Zunahme von Kindern und Jugendlichen, die die Schule verweigern und Stunden, Tage, sogar wochenlang nicht in den Unterricht kommen." Ihnen müsse man helfen, aus der Armut auszubrechen.

Sabrina Tophofen sagt heute, dass sie es geschafft hat, weil sie die richtigen Menschen getroffen hat. Erst am Dom, dann ihren heutigen Mann. "Er hat gesagt: erst Schulabschluss, Ausbildung, Führerschein, dann wird geheiratet." Jetzt will sie sogar zur Altenpflegerin umschulen, "um den alten Menschen dabei zu helfen, schöne letzte Lebensjahre zu erleben".

Autorin: Insa Moog

Redaktion: Marlis Schaum

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